Freitag, 16. November 2007 16:17
„Ich habe Gott geschworen, daß ich nie wieder mit ihm sprechen werde, daß ich ihn bis zum Rest meines Lebens hasse.“ Von Esther Maria Stallmann,
Vatican Magazine.


Sonnenuntergang am Mississippi
(kreuz.net) Alle schwärmen von Sonnenuntergängen. Warum denn? Wegen der tollen Farbe?
Nein, ich glaube,
daß sich viele davon angesprochen fühlen, daß sie irgend etwas wie Dankbarkeit empfinden oder das Gefühl
haben, daß sich einem da etwas zuneigt, das größer ist, als man selbst, etwas, woran man gerne teilhaben
möchte, und sei es nur, in dem Licht vom Sonnenuntergang zu stehen.
Ein kleines, leises Anklingen. Das
muß gar nicht überbewertet werden, aber es ist da.
Die Menschen werden auch oft so stille, wenn sie
so etwas sehen. Mir war dieses schöne Seltsame, das man nicht genau beschreiben kann, also nicht ganz
fremd. Und es war nicht, das wußte ich, einfach eine kitschige Emotion, sondern es machte meinen Geist
weiter. Sei es Musik oder Gemälde, die Nacht, das gedämpfte Klingen der Welt im Schnee.
Es sprach mich
irgendwie an. Ich fand es schön, fast lieb.
Ich will nicht albern werden, wir wissen alle, daß Schnee
zur Welt gehört und ich also Freude oder ähnliches an einer irdischen Erscheinung hatte, die mich eben
angesprochen hat. Ja, das ist wahr.


Die Maiausgabe des ‘Vatican Magazine’
Ich kann aber nicht sagen, was mich daran angesprochen hat. Weil’s
so schön weiß war? Weil’s so schön leise war? Ach, was schreibe ich, jeder kennt es irgendwie auf seine
Weise. In so einen verschneiten Morgen mit dem neuen Schnee zu treten, kann auch Wehmut oder Erinnerungen
hervorrufen, ganz unterschiedliche Emotionen.
Diese Momente, von denen ich spreche, sind aber frei davon.
Sie neigen sich einem zu, und gleichsam verneigt sich meine ganze Existenz, mein ganzes Leben, meine ganze
Welt … und Gott.
Ich habe ihm geschworen, daß ich nie wieder mit ihm sprechen werde, daß ich ihn
bis zum Rest meines Lebens hasse dafür.
Das Schlimme war ja, daß ich wußte, daß es ihn gab. Diese
Gewißheit war ganz klar da. Das gebot mir auch nach wie vor mein Intellekt. Also, was für ein Schwein
ist das, das nicht mal meinen Glauben an seine Wunder will!!! Ich habe ihm gesagt: „Ich glaube nicht mehr
an dich. Du bist tot. Ich hasse dich.“ Und dann war wieder Stille.
Ich mußte mich manchmal zusammenreißen
in den wenigen Momenten, wo ich ausgelassen und froh war, ihm nicht aus Versehen zu danken und mich mit
ihm zu freuen, wie ich es früher getan hatte.
Alle Gründe und Gedanken, die ich zu Gottes Existenz
hatte, blieben für mich evident. Es kamen sogar neue dazu, und damit flammte immer wieder Zorn auf, daß
er sich nicht um mich gekümmert hat, daß er einfach irgendwo ist und ich ihn einen Dreck interessiere,
nur seiner Bestätigung diene, daß er Macht hat und ich ihm ausgeliefert bin.
Ich glaubte trotzdem noch,
daß er Kranke heilen kann, daß er Wunder tun kann. Das entsprach einfach dem Gefühl, den Momenten,
die ich beschrieben habe, die waren frei. Und frei ist nicht die Welt.
Nach drei Jahren dachte ich nur
noch still: „Wenn er auf die Welt schaut, er hat mich übersehen, ich bin hier irgendwo, ich weiß es
nicht, er stumm, und ich auch“.
Auszug aus einem Artikel der Maiausgabe des ‘Vatican Magazin’.
Nächstes
Mal: Dann habe ich endlich diesen bösen Haß losgelassen
© Titelbild: Jon Battle, CC