Donnerstag, 29. November 2007 19:44
Die Gewalt entscheidet, was wahr ist
Die Jungtürken hatten einen vernünftigen Grund für ihren Völkermord an den Armeniern. Dagegen besaßen die National-Sozialisten keinen solchen Grund, um die Juden zu töten.
Opfer des armenischen Genozids 1915
Opfer des armenischen Genozids 1915
(kreuz.net) Man kann nicht unterscheiden ohne zu vergleichen.

Das erklärte der Historiker Egon Flaig (58) in der Oktoberausgabe der Stuttgarter Kulturzeitschrift ‘Merkur’.

Flaig ist Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Vergleichen ist nach Flaig die maßgebliche Operation, um zu differenzieren: „Vergleichend gewinnen wir differenzierte Vorstellungen“.

Auch wer das Unvergleichliche denken wolle, müsse es von allem anderen Seienden begrifflich absondern:

„Dieses Absondern setzt voraus, daß man es unterschieden hat. Man muß es also zuvor schon verglichen haben mit allem Vergleichlichen.“

Flaigs Fazit: „Nicht einmal das Absolute ist unvergleichlich.“

Die Behauptung, daß ein Sachverhalt oder Ereignis unvergleichlich seien, ist nach Flaig logisch gesehen ein Unsinn: „Solcherlei geschieht, wenn es um Geltung und Tabuierung geht.“

Ob diese Tabuisierung gelingt, hängt nach Flaig davon ab, wie wuchtig die moralische Einschüchterung wirkt.

In Wahrheit ist in der Welt der Erscheinungen alles notwendigerweise relativ, nichts absolut – so Flaig.

Unvergleichlichkeit zu postulieren, heiße, die intellektuelle Welt zu terrorisieren:

„Wer mit diesem vorandröhnenden Postulat durch die wissenschaftliche Landschaft marschiert, treibt das Denken mit dem moralischen Granatwerfer zurück in jene selbstgegrabenen Gruben, aus denen die Vernunft sich immer wieder freikämpfen muß.“

Flaig stellt die Frage, welches Recht die Deutschen Bischöfe bei ihrem Israelbesuch hatten, die Lage der Palästinenser in Ramallah mit dem Warschauer Ghetto zu vergleichen.

Er antwortet: „Alles Recht der logischen und wissenschaftlichen Welt.“

Darum hält er den „terroristischen Aufschrei gegen ihr Vergleichen“ für alarmierend.

Als Kernsatz des moralischen Terrors sieht Flaig die Aussage: „Wer vergleicht, bestreitet das Einzigartige.“

Flaigs Kommentar: „Es gibt keinen dümmeren Satz.“

Rein logisch sei alles Existierende singulär, weil die Bedingungen des Existierens für zwei Dinge unmöglich dieselben sein können: „Sogar der Rotz in meinem Taschentuch ist singulär.“

Singularität sei kein Privileg, sondern die banalste Bestimmung überhaupt:

„Dumm ist der obige Satz eben aus diesem Grund: weil er das belangloseste Prädikat zu einem Privileg erheben will.“

Flaig kommentiert die Aussage der US-Historikerin Deborah Lipstadt, wonach die Leugnung der „Einzigartigkeit“ der Schoah eine Weise sei, um die Schoah selber zu leugnen.

In einem logischen Sinn könne Frau Lipstadt nicht meinen, was sie sage – so Flaig:

„Lipstadt zielt auf die radikale, alle Kontexte sprengende Unvergleichlichkeit; so wird aus der Schoah ein sakrales Geschehen, das höchstens der Offenbarung Gottes am Berg Horeb gleichkommt.“

Das gehe eben nur gegen Logik und Vernunft. Darum würden die Anhänger der Lipstadt-These zum „moralischen Terror“ greifen.

Dieser sei eine logische Konsequenz einer grundsätzlich skeptischen Einstellung:

„Eben weil der Skeptiker der wissenschaftlichen Wahrheit und den Methoden des Bewahrheitens nicht traut, verfügt er über keine Mittel, das Sagbare vom Unsäglichen zu unterscheiden und verfemt die wissenschaftlichen Mittel, welche das sehr wohl vermögen.“

Dann bleibe ihm nichts anderes übrig, als das Für-wahr-zu-Nehmende mit moralischen Tabus zu erzwingen.

Flaigs Schlußfolgerung: „Wer das wissenschaftliche Feld dergestalt zu einem Gelände vorsätzlich geführter semantischer Kämpfe zur Unterdrückung macht, hat den Weg des politischen Machtkampfes, letztlich des Terrors gewählt.“

Wer das tue, dürfe sich nicht wundern, daß andere Kulturen zurückschlagen und das Verabsolutierte höhnisch und herausfordernd leugneten.

Wer die wissenschaftliche Geschichtsschreibung dem kulturellen Gedächtnis der eigenen Gruppe aufopfere, verliere den gemeinsamen Boden, auf dem diskursiv mit rivalisierenden Interpretationen zu streiten wäre.

Ohne gemeinsamen diskursiven Boden entscheide die politische Macht darüber, was als wahr zu gelten habe: „Das heißt letztlich: Die Gewalt entscheidet.“

Jener moralische Terror fordere unentwegt seine Opfer. Flaig zitiert den Holocaust-Ideologen Elie Wiesel, der stets bestritten hat, daß die Vernichtung der Armenier als Genozid gelten dürfe.

Im Jahr 1984 behauptete Lucy Dawidowicz sogar, daß die Türken „einen vernünftigen Grund“ gehabt hätten, die Armenier zu vernichten, wogegen die Deutschen „keinen vernünftigen Grund“ besaßen, die Juden zu töten.

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