Muttergottes
Wußten Sie schon, daß die Muttergottes eine Biene war?
In den Waben des Alten Testaments ist die honigfließende Fülle des menschgewordenen Gottessohnes verborgen. Von Hubert Hecker.
Niclaus Gerhaert von Leyden († 1473): Madonna mit dem Kind
Niclaus Gerhaert von Leyden († 1473): Madonna mit dem Kind
(kreuz.net) 55 Mal erscheint der Begriff Honig in der Bibel, davon sechzehnmal in der Verbindung „Land von Milch und Honig“.

Doch einige Historiker glaubten bisher, daß das hebräische Wort für Honig nur den süßen Saft von Feigen und Datteln meint.

Für Bienenhonig gibt es nur zwei explizite Bibelbelege. Archäologische Nachweise für Imkerei in biblischen Zeiten standen bisher aus.

Nun haben Forscher der Hebräischen Universität in Jerusalem in den Ruinen der antiken Stadt Tel Rehov eine große gewerbliche Imkerei aus dem 9. Jahrhundert vor Christus ausgegraben.

Die Archäologen fanden Reste von etwa hundert Bienenstöcken aus Tonröhren. Sie waren bisher nur aus ägyptischen Wandzeichnungen bekannt und werden bis heute in Ländern mit trockenem Klima gebraucht.

Eine reiche Honigernte war in der Antike Ausdruck eines blühenden Landes und so auch in der Bibel die Umschreibung des Gelobten Landes für die Nachkommen Abrahams.

Bienen und Kirche
Bischof Ambrosius mit dem Bienenkorb in der Pfarrkirche von TotdenweisKlotzbeute von Ambrosius im Bienenmuseum HohbergBischof Ambrosius mit dem Bienenkorb in der Pfarrkirche von Totdenweis

Der Heilige mit dem Bienenkorb

Bei den frühchristlichen Kirchenvätern spielte die Bienen- und Honigsymbolik eine große Rolle.

Hl. Ambrosius, Patron der Imker
Hl. Ambrosius, Patron der Imker
Die mitreißenden Predigten und Hymnen des Heiligen Bischofs Ambrosius von Mailand († 397) wurden bereits zu Lebzeiten als honigsüße Reden gelobt. Der Heilige Ambrosius wurde später sogar mit Bienenkorb als Heiligenattribut symbolisiert.

Nach der Legende hat ein Bienenschwarm schon dem Kleinkind Honig in den Mund geträufelt und so die honigsüße Sprache des späteren Bischofs hervorgebracht.

Im Buch der Sprüche werden gute Reden mit einer Honigwabe verglichen, „süß für die Seele und gut für die Gesundheit“.

Ambrosius – sein Name erinnert noch an die Speise der antiken Götter – stellt in seinen Predigten die Biene als Lebensvorbild der Christen hin:

Ambrosius in der Pfarrkirche St. Stephanus in Egenburg
Ambrosius in der Pfarrkirche St. Stephanus in Egenburg
„Seht zu, daß eure Arbeit der eines Bienenstocks ähnelt, denn eure Reinheit und eure Keuschheit sollen mit den arbeitsamen, bescheidenen und enthaltsamen Bienen verglichen werden.“

Papst Benedikt XVI. zitiert in seiner zweiten Enzyklika eine Stelle des Heiligen Augustinus, in der dieser die überfließende Güte und Liebe Gottes zu den Menschen mit einer Honiggabe vergleicht.

Der honigfließende Lehrer

Doch der bekannteste Heilige im Symbolkontext von Bienen und Honig ist der Heilige Bernhard von Clairvaux.

Er wird sogar „Doctor mellifluus“ – honigfließender Lehrer – genannt und gelegentlich mit einem Bienenkorb dargestellt.

Der Bienenkorb ist zunächst ein Symbol für das Alte Testament, das den Honig des Logos birgt, der von den Propheten gesammelten wurde – so Origines.

Bernhard von Clairvaux in einer mittelalterlichen Handschrift
Bernhard von Clairvaux in einer mittelalterlichen Handschrift
In den Waben des Alten Testaments ist nach Bernhard von Clairvaux die honigfließende Fülle des Gottessohnes verborgen angelegt.

In seinen berühmten Weihnachtspredigten betrachtet Bernhard das Geheimnis, daß das ewige Wort, das nach Jeremia ‘Himmel und Erde erfüllt’, zu einem „verbum infans“ wird und sich zu einem hilflosen Kind in der engen Krippe kleinmacht.

Durch die vielen Worte der Heiligen Schrift sagt Gott nur ein Wort aus – sein eingeborenes Wort.

Nach Bernhard sind die „vielen Worte“ des Alten Testaments auf das neue „abgekürzte Wort“, den einen Satz – Jesus Christus – hin auszulegen:

„Jesus Christus, der Sohn Gottes, wird zu Bethlehem in Juda geboren! O kurzes Wort über das abgekürzte Wort – de verbo abbreviato –, doch ein Wort voll himmlischer Süße! Mein Herz ist bedrückt, denn es verlangt, die Fülle der honigfließenden Süße – mellifluae dulcedinis – nach allen Seiten ausfließen zu lassen, findet aber keine Worte.“

Von den Bernhard-Darstellungen mit Bienenkorb ist der honigschleckende Putto mit einem Bienenkorb am Bernhard-Altar der Zisterzienser-Propstei Birnau bei Überlingen am Bodensee vielleicht der bekannteste.

Honigsüßer Symbolismus

Eine weitere Verbindung von Kirche, Honig und Weihnachten besteht in den honiggesüßten Lebkuchen, die schon um 800 nach Christus von süddeutschen Klöstern gebacken und an die Gläubigen verteilt wurden.

Schließlich wird mit der Flamme der Bienenwachskerze seit den Kirchenvätern eine reiche Christussymbolik entfaltet:

Für den Heiligen Augustinus ist die aus der Wachskerze erstrahlende Flamme ein Gleichnis Christi, der – sich selbst verzehrend – die Welt erleuchtet und vom Dunkel der Sünde erlöst.

Dem Wachs wird seit alters her eine besondere Reinheits-Symbolik zugesprochen, weil er von den jungfräulichen Bienen erzeugt wird.

In diesem Kontext wurden die Wachskerze auch zum Sinnbild der Menschwerdung Christi aus dem Schoße seiner jungfräulichen Mutter.

Aus der Marienminne des Hochmittelalters erwachsen weitere Deutungen zum Themenkreis Bienen.

In der um 1275 von Konrad von Würzburg verfaßten „Goldenen Schmiede“ wird Maria als die Biene besungen, die der Welt jungfräulich in ihrem Kind den Honig des Evangeliums spendete.

Ähnliche Bilder finden sich in den Offenbarungen der heiligen Brigitta von Schweden. Dort ist Maria die Honigwabe oder der Honigstock, das Gefäß also, aus dem die Süßigkeit der Menschwerdung und Erlösung Christ hervorfließt.

Schließlich wird dieses Bild, in einer Legende von der Hostie im Bienenstock, auf die Kirche übertragen.

Diese spendet im Altarssakrament den Menschen eine Lebensspeise, die „köstlicher als Honigseim“ ist.

Der Autor ist Hobby-Imker mit fünf Bienenvölkern am Fuße des Westerwaldes.