Samstag, 29. Dezember 2007 13:26
Die theologische Basis der deutschen Protestanten ist inzwischen soweit erodiert, daß diese sich nur noch auf das inhaltliche Nichts einigen können. Ein Kommentar.


Annette Schavan: die erste Päpstin der Geschichte?
(kreuz.net) Unter der Überschrift „Auch der katholische Mensch kann irren“ hat Wolfgang Huber eine Verschiebung
des
Stichtages für die Benutzung embryonaler Stammzellen in Deutschland gefordert.
Huber ist Vorsitzender
des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Er äußerte sich in einem Artikel, der am 27. Dezember
in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ publiziert wurde.
In Deutschland ist nur die Verwendung von
Kinder-Stammzellen erlaubt, die vor dem Jahr 2002 ausgeschlachtet wurden. Doch Stammzellen-Experimentierer
klagen über die „schlechte Qualität“ dieses Menschenmaterials.
Dazu erklärt Huber, daß ethische Bedenken
gegen Embryonen-Stammzellen aus evangelischer Sicht zwar nicht ausgeräumt seien: Aber eine Verschiebung
des Stichtages ließe sich respektieren „als ein ernsthafter Versuch, ethische Konflikte zu befrieden.“
Was Huber nicht bedenkt: Solche in sich widersprüchliche Zwar-Aber-Formulierungen sind der Grund für
den galoppierenden kirchlichen Glaubwürdigkeitsverlust.
Billige SlogansDie evangelische Kirche habe
sich im Stammzellen-Streit zurückgehalten – so Huber weiter: „Sie sieht ihre Aufgabe nicht darin, Politik
zu machen, sondern Politik möglich zu machen.“ Das ist ein billiger Slogan.
Denn die Frage der Verwendung
embryonaler Stammzellen ist nicht in erster Linie politischer, sondern im engen Sinn ethischer Natur.
Im weiteren meditiert Huber mit antikatholischer Spitze über die Rolle des katholischen Lehramtes in
der politischen Entscheidungsfindung.
Er zitiert einen Text der Glaubenskongregation aus dem Jahr 2002,
wonach es nicht Aufgabe der Kirche sei, konkrete Lösungen für Fragen zu entwickeln, „die Gott dem freien
und verantwortlichen Urteil jedes Einzelnen überlassen hat“.
Huber glaubt: „Bei welchen Fragen das gilt,
entscheidet das Lehramt“.
Diese Feststellung zeigt, daß er nicht verstanden hat.
Denn das Dokument
unterscheidet sauber zwischen politischen Fragen, die den Glauben und das Sittengesetz betreffen, und
solchen, die das nicht tun.
Letztere – das sind in der Tagespolitik die meisten – sind dem freien und
verantwortlichen Urteil des einzelnen überlassen.
Dagegen ist die Kirche verpflichtet, sich in die Politik
einzumischen, wenn politische Entscheide den Glauben oder die Sitten betreffen.
Doch Huber ignoriert
diese Unterscheidung und polemisiert statt dessen:
„Im ökumenischen Gespräch muß die evangelische
Kirche fragen, ob die katholische Auffassung von der Aufgabe des Lehramts der menschlichen Irrtumsfähigkeit
genügend Rechnung trägt, ob sie der Gewissensverantwortung der einzelnen Christen, gerade auch in der
Politik, genügend Raum läßt und ob sie dem Verhältnis zwischen Kirche und Politik guttut.“
Die Frage:
Warum
sollte die deutsche Forschungsministerin Annette Schavan unfehlbarer sein als das Lehramt?
Pathetisch
endet er: „Ausdrücklich bekunde ich meinen Respekt vor der christlichen Gewissensbindung, aus der Annette
Schavan zu ihrem Urteil gekommen ist.“
Hubers Hinweis auf die „menschliche Irrtumsfähigkeit“ ist eine
Luftmasche: Denn warum sollte die deutsche Forschungsministerin Annette Schavan unfehlbarer sein als das
Lehramt?
Außerdem: Wann und wie hat Frau Schavan den Beweis einer „christlichen Gewissensbildung“ geliefert?
Es geht in der Stammzellen-Frage auch nicht in erster Linie um die „Gewissensverantwortung“ der katholischen
(siehe den Titel des Huber-Artikels) Forschungsministerin, sondern um Menschen, die gezeugt werden, damit
man sie umbringen kann.
Leeres LehramtHuber stellt die Kompetenz des Lehramts pauschal in Frage und
bejubelt im Gegenzug das Privatgewissen eines beliebigen Politikers – als ob die Menschen, die im Namen
des Lehramtes sprechen, selber nicht auch ein Privatgewissen hätten.
Um die Institution des Lehramtes
dennoch zu retten, erklärt er mit bekannter Dialektik, daß auch die evangelische Kirche ein „Lehramt“
kenne.
Dieses werde von Kirchenleitung, Theologieprofessoren und auch von jenen wahrgenommen, „die Verantwortung
tragen und handeln“:
„Aus theologischen Gründen vertretene Prinzipien müssen deshalb immer wieder dem
Härtetest der Realität ausgesetzt werden“ – trumpft Huber auf.
Auch das sind schöne Worte.
Denn der
„Härtetest der Realität“ bringt in Sachen „evangelisches Lehramt“ auch ans Tageslicht, daß man dessen
Verlautbarungen im wesentlichen auf die Aussage „anything goes“ reduzieren kann.
Die Folge davon ist
eine totale Orientierungslosigkeit, die heute in der Evangelischen Kirche vorherrscht.
Aus der Not eine
Tugend gemachtHuber sieht das selber nicht anders – und man könnte mit ihm geradezu Mitleid bekommen,
wenn man sieht, wie er aus der Not der Orientierungslosigkeit eine Tugend zu machen versucht.
Treuherzig
erklärt er, daß die evangelische Kirche „bewußt“ in Kauf nehme, daß es unter Umständen schwer werde,
mit einer Stimme zu sprechen, die Orientierung gebe.
Doch das evangelische Lehramt könne zugleich die
Gewissen schärfen: „Denn es dient der eigenen Urteilsbildung, unterschiedliche Positionen zu einem Problem
zu vergleichen.“
Positionen vergleichen? Beim evangelischen Lehramt handelt es sich offensichtlich um
ein authentisches Leeramt.
Hubers dünne Darstellung entspricht einer Selbstaufgabe: „In bioethischen
Fragen will der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands Forschern und Forschungspolitikern einschärfen,
daß sie nach vorzugswürdigen Lösungen suchen.“
Glaubt Huber im Ernst, daß Forscher und Forschungspolitiker
in Deutschland auf solche oberflächliche Ratschläge angewiesen sind?
Man einigt sich, sich nicht zu
einigenHuber zusammenfassend: „Das ethische Urteil hat seinen Ort in der persönlichen Verantwortung
vor Gott, in welche Christen ihr gesamtes Leben und Handeln gestellt sehen.“
Mit anderen Worten: Jeder
tut und denkt, was er will – und beruft sich anschließend auf seinen privaten Gott.
Damit löst sich
die Evangelische Kirche in Deutschland in eine unnötige Dachorganisation beliebiger Individualisten auf.
Die theologische Basis der deutschen Protestanten ist inzwischen soweit erodiert, daß sie sich nur noch
auf das inhaltliche Nichts einigen können.
Was bleibt, ist die normative Kraft des Faktischen.
Ein
Beispiel gibt Huber in der Stammzellenfrage. Er kommt zur Erkenntnis, daß man mit Kinder-Stammzellen-Experimenten
weiterfahren könne, weil diese gegenwärtig „notwendig“ seien.
Darum könne man eine Verschiebung des
Stichtags für „hochrangige Forschungszwecke“ in Kauf nehmen.
Mit anderen Worten: Wenn das Ziel „hochrangig“
genug ist, kann man auch sittlich Verbotenes tun. Oder: Der Zweck heiligt die Mittel.