Freitag, 11. Februar 2005 10:50
Interessenkonflikte
In St. Pölten war die Vertrauensperson jenes Seminaristen, der sogar den abgesetzten Bischof Krenn vor Gericht zerren wollte, zugleich der Rechtsberater des Apostolischen Visitators.
(kreuz.net, St. Pölten) Dick aufgetragen wurde im St. Pöltener Priesterseminar von Bischof Krenn. Die diesen Sommer publizierten Fotos von den Homo-Orgien bewiesen, was sich die wildesten Phantasien nicht erträumt hätte. Zur Zeit spielt sich der letzte Akt der Sex-Saga von St. Pölten vor dem Wiener Straflandesgericht ab.

Der gegenwärtig laufende Prozeß wurde von den beiden gestrauchelten Ex-Regenten des St. Pöltener Priesterseminars gegen das Boulevard-Magazin „Profil“ angestrengt.

Das österreichische Boulevardmagazin „Profil“ veröffentlichte bekanntlich als erstes – und vielleicht unter Verletzung von Persönlichkeitsrechten – die schwer kompromittierenden Photos aus dem Seminar, die schon Tage vorher im Internet kursierten.

Gewisse kirchliche Kreise blicken mit Unbehagen auf den laufenden Wiener Prozeß. Welches Bedrohungspotential geht von einer Gerichtsverhandlung aus, welche Außenstehende eher in den Bereich des Tragisch-Komischen ansiedeln würden? Die Antwort: Es gibt Kirchenmänner, die sich davor fürchten, von Aussagen während des Prozesses mit in die Tiefe gerissen zu werden.

Insbesondere wird befürchtet, daß Informationen über das Wie der Absetzung von Bischof Kurt Krenn ans Tageslicht kommen. Kenner des Vatikans wissen, daß die Skandale im Priesterseminar alleine – so abgrundtief sie auch gewesen sein mögen – nicht genügt hätten, um einen residierenden Diözesanbischof vom Sessel zu fegen. Hinter den Kulissen haben noch weitere Kräfte erfolgreich am Stuhle des gescheiterten Bischofs gesägt. Von Weihbischof Fasching wußte man das schon seit langem. Aber es gab eine andere Sägemannschaft, die nicht seinen Kreisen zuzuzählen war.

Einen Hinweis auf solche Hintergründe bekamen die Zuschauer, die sich am vergangenen 2. Dezember beim Verhandlungsspektakel im Straflandesgericht Wien eingefunden hatten, wo die erste Runde im Schlagabtausch zwischen den Ex-Regenten Küchl/Rothe und dem Boulevardmagazin „Profil“ eingeläutet wurde.

Die Zeugenaussage von Mag. Karl Rottenschlager, dem Leiter der St. Pöltener Emmausgemeinschaft, war besonders interessant. Rottenschlager stand mit verschiedenen Seminaristen im Kontakt und erklärte, von diesen detaillierte Informationen über die Zustände im Priesterseminar erhalten zu haben.

Die Emmausgemeinschaft ist eine in Frankreich gegründete katholische Bewegung, die Notunterkünfte führt und sich um die Linderung sozialer Not bemüht.

Im Zeugenstand offenbarte Rottenschlager eine interessante Verbindungsachse zwischen dem Gegner des damaligen Diözesanbischofs Kurt Krenn und den Freunden des Apostolischen Visitators und jetzigen Diözesanbischofs von St. Pölten, Klaus Küng.

Mag. Rottenschlager nannte dabei den Namen des in Deutschland tätigen österreichischen Priesters und Kirchenrechtlers Alexander Pytlik (35).

Rottenschlagers Aussage zufolge, war Pytlik zur gleichen Zeit die Vertrauensperson des vor dem Wiener Gericht auftretenden Belastungszeugen Remigius R. und der kirchenrechtliche Berater des Apostolischen Visitators Klaus Küng. Ein offensichtlicher Interessenkonflikt.

Remigius R. war in den St. Pöltner Seminarwirren kein kleiner Fisch. Der inzwischen entlassene St. Pöltner Seminarist fungiert im Wiener Prozeß als Belastungszeuge gegen seine zwei früheren Vorgesetzten. Der Ex-Seminarist bezeichnete sich selber als homosexuell und war persönlich in den Homo-Skandal involviert. Er war einer der Hauptinformanten der Medien und trat anonymisiert in einer Enthüllungssendung des Deutschen Fernsehens auf. Wegen angeblicher Nötigung erstattete er im vergangenen Sommer sogar Anzeige gegen Bischof Krenn.

Unklar ist, ob Visitator Küng zum damaligen Zeitpunkt von der Interessenkollision wußte. Doch spätestens nach Bekanntwerden der engen Verbindung seines Rechtsberaters mit einer der involvierten Parteien hätte er sich von Pytlik trennen müssen.

Der Priester und Kirchenrechtler Alexander Pytlik wurde 1969 in Wien geboren und 1994 für die österreichische Militärdiözese zum Priester geweiht. Auf Bitten von Militärbischof Werner nahm ihn Bischof Krenn in sein Priesterseminar auf, wo er den Pastoralkurs absolvierte. Gleichzeitig war er in der Diözese St. Pölten als Kaplan tätig, zunächst in Amstetten zwischen Linz und St. Pölten, später in Mank in der Nähe von St. Pölten. Er galt als besonderer Schützling von Bischof Krenn.

Der österreichische Militärbischof Werner schickte den Jungpriester nach einer frühzeitigen Beendigung seiner Kaplanstätigkeit auf Anraten von Bischof Krenn zum Studium nach Rom, wo er im Kirchenrecht promovierte. Seine Doktorarbeit preist Pytlik im Internet als „für sämtliche Rechtsstudien und für die Rechtspraxis eminent wichtige“ Veröffentlichung an.

Im Jahr 2002 trat er in der Diözese Eichstätt den Posten des Vizeoffizials an. Der Vizeoffizial ist der stellvertretende Leiter der bischöflichen Gerichtsbehörde. Neben seiner Tätigkeit am Eichstätter Diözesangericht wirkt Pytlik auch als Priester der kleinen Pfarrei Buchenhüll vor den Toren von Eichstätt.

Im Internet betreibt Pytlik eine häufig besuchte Homepage. Die Medienarbeit von Pytlik erstreckt sich auch auf das österreichische Fernsehen. Er war bereits Gast bei der „Barbara-Karlich-Show“ und hat dort zu Themen wie „Sex und Gesundheit“, „Käufliche Erotik“, „Homosexualität“ und „Dornenvögel – verliebte Priester“ diskutiert.

Seit einiger Zeit wird Pytlik in der Öffentlichkeit als Mitarbeiter von Bischof Küng bezeichnet. Doch soll Bischof Küng seinen Plan, Pytlik als persönlichen Rechtsberater nach St. Pölten zu holen, inzwischen wieder fallen gelassen haben.

Das sehr gute Verhältnis zwischen Dr. Alexander Pytlik und dem früheren Diözesanbischof von St. Pölten, Kurt Krenn, soll sich inzwischen stark abgekühlt haben. Ein Grund dafür sei ein Seminarist, der im Sommer 2003 auf Empfehlung von Pytlik ins St. Pöltener Seminar aufgenommen und später durch Regens Ulrich Küchl wieder entlassen wurde.

Kurz nachdem die himmelschreienden Zustände im Priesterseminar aufgeflogen waren, wandte sich der inzwischen nach Deutschland übersiedelte Ex-Seminarist an Visitator Küng. Er berichtete ihm, daß er seine damaligen Vorgesetzten schon im Mai 2003 über die kinderpornographischen Computerbilder sowie über moralische Verfehlungen der Seminarleitung informiert hätte.

Eine Kopie seines Schreibens an den unter Schweigepflicht stehenden Apostolischen Visitator stellte er dem österreichischen Boulevardmagazin „News“ zur Verfügung. Nachdem „News“ Auszüge aus dem Schreiben unter dem Titel „Enthüllungsbombe“ (Nr. 36/04) veröffentlicht hatte, sah sich Visitator Küng gehalten, die Aussagen des Schützlings seines Rechtsberaters öffentlich zu dementieren.

Inzwischen wurde der Wiener Prozeß der Ex-Regenten des Priesterseminars in St. Pölten auf unbestimmte Zeit vertagt. Man kann auf die nächste Runde gespannt sein.
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