Montag, 7. Januar 2008 09:59
„Daß die Treue zu den Weiheversprechen bei Priestern zu Konflikten in der Gemeindeseelsorge führt, ist eine traurige Erkenntnis, die wir tagtäglich machen müssen.“ Ein Landpfarrer im Interview über sein Priesterleben.


Wer heute katholisch ist, kommt schnell in Konflikt mit der kirchlichen Realität.
(kreuz.net) Er war fassungslos, als er erkannte, daß liturgische und seelsorgliche Richtlinien der Kirche
und des kirchlichen Gesetzbuches in den Pfarreien, wo er als Kaplan wirkte, mit der größten Selbstverständlichkeit
mißachtet wurden.
Das erklärte Pfarrer Hendrick Jolie (45) am 5. Januar vor der Webseite
‘katholisches’.
Der Geistliche ist seit 1992 Priester des Bistums Mainz und seit zehn Jahren Pfarrer von vier kleinen
Diasporagemeinden im vorderen Odenwald in der Nähe von Darmstadt.
Aufgrund seiner Erfahrungen in der
Pastoral gründete Hw. Jolie im Jahr 2001 mit dem Pfarrer von Herzogenrath im Bistum Aachen, Hw. Guido
Rodheudt, das ‘Netzwerk Katholischer Priester’:


Hw. Jolie
„Ausgangspunkt für mich war die irritierende Erfahrung,
daß die Treue zu meinem Weiheversprechen schon in meinen ersten Priesterjahren in der konkreten Seelsorge
zu extremen Konflikten führte.“
Der junge Kaplan war damals schon nach wenigen Jahren als „Hardliner“
verschrien. Dabei war ihm unklar, was er falsch gemacht hatte.
In „grenzenloser Naivität“ glaubte er,
daß ein Neugeweihter in den Gemeinden mit offenen Armen empfangen werde: „Dies war jedoch nicht der Fall.“
„Daß die Treue zu den Weiheversprechen bei Priestern zu Konflikten in der konkreten Gemeindeseelsorge
führt, ist eine traurige Erkenntnis, die wir tagtäglich machen müssen.“
Es sei ihm darum klar geworden,
daß sich rechtgläubige Priester solidarisieren müssen – „ein im Grunde genommen abstruser Gedanke,
denn wogegen soll man sich solidarisieren, wenn man doch katholisch und in der Kirche zuhause ist?“
Die
„nicht ganz ungefährliche“ Frage nach den Schuldigen für diese Misere will Hw. Jolie im Interview nur
indirekt beantworten.
In seiner Studienzeit seien Worte wie „Ratzinger“ oder „vorkonziliar“ Schimpfworte
gewesen, mit denen man einen Seminaristen sozial und theologisch kaltstellen konnte:
„Da ich nicht aus
dem katholischen Milieu komme, habe ich das am Anfang mit großer Verwunderung wahrgenommen.“
Hw. Jolie
vermutet, daß es den meisten Bischöfen mittlerweile bei der Feststellung unwohl ist, daß die Gemeindewirklichkeit
aus dem Ruder gelaufen ist: „Es wird Generationen dauern, bis in Deutschland wieder ein normales katholisches
Leben möglich ist.“
„Was über Jahrzehnte verwahrlost ist, kann nicht über Nacht wieder aufgebaut werden.“
Hw. Jolie weist auch darauf hin, daß sich Papst Johannes Paul II. nach mehreren vergeblichen Anweisungen
an die Bischöfe im Jahr 2004 in der Instruktion ‘Redemptionis sacramentum’ direkt an die Gläubigen wandte.
Dabei erinnerte er sie an ihr Recht, sich bei entsprechenden Mißbräuchen direkt in Rom zu beschweren:
„Dieses Vorgehen des Papstes muß doch gar nicht weiter kommentiert werden.“
Nächstes Mal:
Tanz auf
dem Vulkan.
© Titelbild: Daniel Kedinger, CC