Dienstag, 15. Januar 2008 20:35
Blitzgescheiter Progressistenzögling
Hat Kardinal Lehmann den Zeitpunkt seines Rücktritts bewußt gewählt, um einen konservativen Nachfolger zu verhindern? Pressesplitter zum Rücktritt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.
Karl Kardinal Lehmann von Mainz
Karl Kardinal Lehmann von Mainz
Unpassender Zeitpunkt?

„Der Zeitpunkt für einen solchen Schritt ist immer in gewisser Weise unpassend. Bei näherem Zusehen hat er jetzt jedoch auch einen guten Sinn. Die Ernennungen der Bischöfe Reinhard Marx, Franz-Peter Tebartz-van Elst und Karl-Heinz Wiesemann für München und Freising, Limburg und Speyer mit ihren 54, 48 und 47 Lebensjahren zeigen den notwendigen Generationswechsel an. In wenigen Monaten bin ich 72 Jahre alt, 25 Jahre Bischof und gehöre dann einer sehr kleinen Gruppe der dienstältesten Diözesanbischöfe an. Es ist Zeit für eine Wachablösung.“

Der Bischof von Main, Karl Kardinal Lehmann, in seinem Brief an die Mitbrüder, in dem er seinen Rücktritt erklärt.

Gewählter Zeitpunkt?

„In Kirchenkreisen wird nun vor allem darüber spekuliert, welche Auswirkungen Lehmanns Rücktritt für die Karriere des immer wieder gehandelten Nachfolgekandidaten Marx haben wird. Da der designierte Münchner Erzbischof erst am 2. Februar sein Amt in Bayern antritt, wird man ihn wohl kaum bereits wenige Tage später bei der Frühjahrsvollversammlung zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz wählen.“

Aus einem Bericht des Chefredakteurs der ‘Katholischen Nachrichtenagentur’, Ludwig Ring-Eifel.


Wahlpolitik

„In der Person des ernannten Erzbischofs von München und Freising, des (noch) Trierer Bischofs Reinhard Marx, stünde ein Mann bereit, der das Format hat, das Amt des Vorsitzenden auszufüllen. Doch wären die Anforderungen, denen Marx sich unvermittelt ausgesetzt sähe, in einer nicht unerheblichen Hinsicht noch größer als jene, die Lehmann hinterläßt: Die Erzdiözese München ist nicht nur größer, sondern auch ungleich schwerer zu leiten als das Bistum Mainz.“

Aus einem Bericht „Die liberale Stimme des deutschen Katholizismus“ von Daniel Deckers für die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’.

Die Hoffnung lebt

„Es ist zu hoffen, daß er starken Einfluß auf die Wahl des neuen Mannes an der Spitze der deutschen Amtskirche nimmt. Zu groß ist die Gefahr, daß sehr konservative Kräfte die Oberhand gewinnen, die sich möglicherweise im Schatten des amtierenden deutschen Papstes wähnen.“

Aus einem Kommentar für die deutsche Tageszeitung ‘Handelsblatt’.

Mit den Böen der Kirchenpolitik

„Aber er hat in diesen Jahren interner Kämpfe, für die der heftige und für Lehmann schließlich peinlich verlorene Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung ein herausragendes Beispiel ist, einen hohen Preis gezahlt. Daß er sich im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils für einen zeitgemäßen und weltoffenen Glauben einsetzte, wurde vom rechten Flügel verächtlich als ‘Lehmann-Kirche’ abgetan, als lau und lasch. Daß er sich dann im April 2005 in gewohnter Treue zum neuen Papst bekannte, der ihm das Leben zuvor als Präfekt der Glaubenskongregation wahrlich nicht leicht gemacht hatte, hielten ihm Liberalere als Einknicken vor. Oft, vermutlich zu oft, hat Karl Lehmann der Loyalität den Vorzug gegenüber der Vernunft und eigener Einsicht gegeben. Kein Wunder also, wenn das Herz vielleicht auch deshalb nicht mehr so recht will.“

Aus einem Kommentar mit dem Titel „Marxismus wäre gut für Katholiken“ der Onlineausgabe des deutschen Magazins ‘Stern’.

Ist das so?

„Lehmann war für die Katholiken eine starke Stimme. Die ihm anvertrauten Menschen waren ihm wichtiger als seine kirchliche Karriere. Sein Einsatz für wiederverheiratete Geschiedene, sein seelsorgerlicher Blick auf Frauen in Schwangerschaftskonflikten, sein Dialog mit Befreiungstheologen und sein Bemühen, über theologische Forschung Katholikinnen das Amt der geweihten Diakonin zu eröffnen, hatten in Rom keinen Anklang gefunden. Auf seine Ernennung zum Kardinal mußte er lange warten.“

Aus einem Kommentar in der ‘Südwest Presse’.

Wunderkind des Jahrhundertprogressiven

„Kirchenpolitisch stand er den Radikalen, und das heißt in Deutschland den Reaktionären unter den Bischofskollegen, fern. [Kardinal Lehmann] war von Anfang an ein Mann des Ausgleichs, der liberalen Mitte. Bezeichnend ist, daß er schon als Mittzwanziger, kurz nach der Promotion in Philosophie und der Priesterweihe in Rom […] hintergründig, aber deutlich die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) mitprägen konnte. Es war das ganz große Spiel, gleich zu Beginn: Der blutjunge Lehmann war der engste Mitarbeiter des Konzilberaters Karl Rahner. Da hatten sich zwei gefunden, der progressive katholische Jahrhunderttheologe und sein blitzgescheites Wunderkind.“

Aus dem Bericht „Ihm folgt ein langer Winter“ der linksliberalen Berliner ‘Tageszeitung’.

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