Montag, 21. Januar 2008 14:58
„Wir müssen wieder überzeugend klar machen, daß wir Mahl halten“
Mit viel Pathos hat der emeritierte Passauer Liturgiker kürzlich eine mit altliberaler Nostalgie und Verbohrtheit gespickte Jeremiade von sich gegeben. Ein Kommentar.
Messe im Bistum Würzburg.
Messe im Bistum Würzburg.
(kreuz.net) Es fällt ihm zur Zeit „sehr schwer“, in der Kirche Glaubensfreude zu gewinnen.

Das erklärte der emeritierte Passauer Liturgiker und Pastoraltheologe, Hw. Karl Schlemmer (70), in einem Beitrag, der auf der Webseite der kirchenfeindlichen Bewegung „Wir sind Kirche Eichstätt“ veröffentlicht wurde.

Hw. Schlemmers weinerlicher Beitrag steht unter dem Titel „Derzeitige kirchliche Befindlichkeit“.

Einen kleinen Lichtblick fand Hw. Schlemmer nach eigenen Angaben bei einem Studienkurs mit seinem Freund und Schüler, Weihbischof Reinhard Hauke von Erfurt.

Dort habe er mit zwei ungetauften Journalisten aus Dresden ein geistliches Aha-Erlebnis gehabt:

Solchen „suchenden Menschen“ dürfe die Kirche „auf keinen Fall“ Glaubenssätze und Moralrezepte „um die Ohren hauen“, sondern sie müsse ihnen die „faszinierende Botschaft“ Jesu wie einen Mantel hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können – trompetet der Liturgiker.

Doch „in letzter Zeit“ hat er den Eindruck gewonnen, daß in der Kirche „dogmatische Definitionen und entsprechende Verhaltensregeln“ eingeschärft würden.

Was daran, wenn es wahr wäre, falsch sein sollte, sagt er nicht.

Zum Juli-Dokument der Glaubenskongregation über die Kirche sieht Hw. Schlemmer „keinerlei Anlaß“: „Es wird nur Altbekanntes wiederholt.“

Doch jetzt zittert er beim Gedanken, daß in der Neuausgabe des ‘Gotteslobes’ das Lied „Wir sind im wahren Christentum, oh Gott, wir danken dir“ wieder auftauchen könnte.

Tanz um den Altar
Tanz um den Altar
Dann wendet er sich der umstrittenen Kirchendefinition des Zweiten Vatikanums zu, die den Begriff „existit“ mit „subsistit“ ersetzt hat.

Der Liturgiker bringt dazu seine eigene Interpretation. Das Wort „subsistere“ sage etymologisch aus, daß die wahre Kirche Christi in der römisch katholischen Kirche nur „angelegt oder grundgelegt“ sei:

„Es liegt an ihr, ob und wie sie sich dann wirklich zur wahren Kirche Christi entwickelt hat oder entwickelt“.

Dann zitiert er einen polnischen Politiker, um zu erklären, daß es „die eine, allgemeingültige Wahrheit“ nicht gebe – um sich sogleich zu widersprechen: „Denn nur einer ist die Wahrheit, Jesus Christus“.

Auch die protestantischen Gemeinschaften zieht Hw. Schlemmer bei den Ohren. Sie seien nicht schuldlos, daß es zu dem „unseligen Papier“ der Glaubenskongregation gekommen sei. Hier gibt sich Hw. Schlemmer lutheranischer als die Lutheraner:

„Sowohl im gottesdienstlichen Bereich auch in bezug auf die immer noch nicht mögliche Abendmahlsgemeinschaft, wie auch in ekklesiologischen Fragen könnten wir einander noch weitaus näher kommen, wenn sich zum Beispiel die Lutherische Kirche in ihrem liturgischen Tun mehr an ihrer eigenen Bekenntnisschrift, nämlich der „Confessio Augustana“ von 1530, orientieren und sie beherzigen würde.“

Dies hätte zur Folge, daß „nur ordinierte Pfarrerinnen oder Pfarrer“ dem Abendmahl vorstünden, der Sakramentsgottesdienst am Sonntag die Regel würde und man die „Gaben, über die einmal der Einsetzungsbericht gesprochen wurde“ – aber nach katholischer Eucharistielehre unkonsekriert sind – würdevoll behandelte.

Hw. Schlemmer stellt auch die Frage, warum man im evangelischen Dom zu Merseburg um 1600 ein Sakramentshaus baute, obwohl die Reformation dort vierzig Jahre vorher eingeführt wurde:

„Sicherlich wurde dieses Sakramentshaus nicht dazu eingerichtet, um eine Lutherbibel zu deponieren!“

Die Freigabe der Alten Messe ist für den Liturgiker Anlaß „zu einer gewissen Trauer“, obwohl er „das Ganze nicht so schwarz“ sieht.

Schon 1976 habe er als Assistent in Frage gestellt, ob das Verbot der Alten Messe durch Papst Paul VI. klug gewesen sei, und damit seinen Doktorvater verärgert.

Das Interesse für die Alte Messe führt Hw. Schlemmer auf die Weisheit zurück, daß das Verbotene reizvoll sei:

„Man hätte beide Formen ruhig nebeneinander herlaufen lassen können, dann hätte sich eindeutig in wenigen Jahren herausgestellt, welche Form die theologisch heutige ist“ – erklärt er viel- und nichtssagend.

Hinter der überlieferten Messe, die Hw. Schlemmer uninformiert als „Messe von 1570“ bezeichnet, sieht er eine „klerikalistische Theologie“, die mit der Theologie der Liturgiekonstitution von 1963 nicht kompatibel sei.

Seine Aussage läßt der emeritierte Professor als unbelegte Behauptung stehen.

Hw. Schlemmer glaubt, daß es nie viele Priester geben werde, die „tridentinisch feiern“. Denn es fehlten Priester, die Latein beherrschten:

„Ich war über dreißig Jahre in der universitären Priesterausbildung tätig und mußte die traurige Erfahrung machen, daß die jungen Leute katastrophale Kenntnisse der alten Sprachen besitzen“.

Die Schuld am Motu Proprio gibt Hw. Schlemmer auch „vielen Priestern“, für die eine Ars celebrandi ein Fremdwort sei:

„Für mich ist es eben ein unsägliches Ärgernis, wenn vielfach von Priestern die Eucharistie einfach lieblos, unglaubwürdig weil unvorbereitet, ohne persönliche Zuwendung und geistliche Ausstrahlung, in kalter, formelhafter Routine und geschäftsmäßig abzelebriert wird und bei der Kommunion heutzutage massenhaft Leute abgespeist werden, die eigentlich gar nicht eucharistiefähig sind, da ihnen die Tiefe und Wesenhaftigkeit des eucharistischen Glaubens, also die entsprechende geistliche Einstellung, die Spiritualität, abgehen.“

Hw. Schlemmers Lösung: „Unseren Gemeinden müssen wieder überzeugend klar gemacht werden, daß wir Mahl halten und uns keinen Schnellimbiß abholen!“

Bei Prominenten und Intellektuellen wie Martin Mosebach oder Hubert von Goisern, die den Ruf nach der Alten Messe „immer wieder hinausposaunten“, stellt Hw. Schlemmer in Frage, ob sie regelmäßig den „Gottesdienst mitfeiern“ und wann sie zum letzten Mal im Sonntagsgottesdienst gewesen seien.

Zum Schluß denunziert Hw. Schlemmer die Bischofswahl in Chur: Sie haben einen „getreuen Gefolgsmann“ des ominösen Bischofs Haas hervorgebracht.

Hw. Schlemmer ist Gastprofessor am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule Chur und seit dem Jahr 2003 Mitglied der sogenannten Theologischen Kommission der Schweizer Bischofskonferenz.

In Sachen Bischof von Chur glaubt er an eine Verschwörung: „Jedenfalls müssen da in letzter Zeit im Hinter- und Untergrund unsaubere »Spielchen« betrieben worden sein und üble Tricksereien sowie verschlagenes Taktieren erfolgt sein.“

Denn aus Rom sei vorher „anderes hoffnungsvoll“ zu vernehmen gewesen. Jetzt sieht er in Chur einen „erneuten Kirchenkonflikt“ programmiert.

Hw. Schlemmers Bilanz ist traurig: „Man scheint in viel zu hohem Maß sich auf regressive Muster zurückziehen zu wollen, um so den Winden und Stürmen einer säkularisierten Gesellschaft trotzen zu können“ – befürchtet der nostalgische Altliberale.

Offensichtlich glaubt Hw. Schlemmer trotz totalem nachkonzilären Fiasko immer noch an die Ideologie der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.

© Bilder: Cathcon.blogspot.com
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