Mittwoch, 23. Januar 2008 18:32
Verkrustete Laizität
„Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft.“ Das sagte kürzlich kein Bischof oder Kardinal, sondern ein europäischer Staatspräsident. Eine muselmanische Vorstadt ist ihm lieber als eine Jugend, die an gar nichts mehr glaubt.
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy
(kreuz.net) Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy führt einen Generalangriff auf die teils verkrusteten Strukturen Frankreichs. Das erklärte Michaela Wiegel am 12. Januar in einem Artikel für die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’.

Von Sarkozys Offensive ist auch das Verhältnis zwischen Staat und Religion nicht ausgenommen.

Frau Wiegel verweist auf die Rede des Präsidenten vom 20. Dezember in der römischen Lateranbasilika.

Darin habe Sarkozy zum ersten Mal seinen Wunsch nach einer Rückbesinnung auf das christliche Erbe Frankreichs und nach einer stärkeren Einbindung der Religionen in das öffentliche Leben dargelegt.

Sarkozy rüttle damit an den Grundfesten der „laizistischen Republik“.

Schon als Ende 2003 den muslimischen Mädchen in den französischen Schulen das Kopftuch verboten wurde, stellt sich Sarkozy gegen diesen Entscheid.

Ihm sei eine von islamischen Wertvorstellungen geprägte Vorstadt-Jugend lieber sei als eine Jugend, „die an gar nichts mehr glaubt“.

Im Lateran erklärte Sarkozy, daß auf der Laizität und Aufklärung beruhenden Wertvorstellungen nicht das „Streben nach der Unendlichkeit“ befriedigen können, das jedem Menschen innewohnt.

Die Festigkeit der laizistischen Werte sei dementsprechend relativ: „Die Republik hat ein Interesse daran, daß es moralische Erwägungen gibt, die von religiösen Überzeugungen inspiriert sind“, so Sarkozy:

„Eine laizistische Moral läuft immer das Risiko, sich zu erschöpfen, weil sie nicht an eine Hoffnung geknüpft ist, die das Streben nach Unendlichkeit erfüllt.“

Der Staatspräsident will eine „positive Laizität“, welche die Glaubensfreiheit schützt, aber die Religionen als Trumpf und nicht als Gefahr betrachtet.

Die zunehmende Säkularisierung Frankreichs ist für Sarkozy bedauerlich: „Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft.“

Es sei das Interesse der Republik, daß es viele Männer und Frauen gibt, die hoffen.

Der Rückgang der ländlichen Gemeinden, die spirituelle Wüste in der Vorstädte, das Verschwinden der Wohltätigkeitsvereine sowie der Priestermangel haben die Franzosen nicht glücklicher gemacht: „Das ist offensichtlich“.

Im Vatikan klang bei Sarkozy der Wunsch an, die Stellung der katholischen Kirche in Frankreich aufzuwerten. Er hob besonders den bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. in Frankreich hervor.

Unklar bleibt, ob Sarkozy plant, das Gesetz von 1905 zu ändern, wie er es in seinem 2004 im Gespräch mit dem Dominikanerpater Philippe Verdin geschriebenen Buch „La République, les religions et l’espérance“ angedeutet hatte.

Sarkozy schenkte dieses Buch dem Papst bei seinem Besuch im Vatikan.

Nach den Protesten, die seine Lateranrede bei den Verteidigern der französischen Laizität hervorrief, versicherte Sarkozy, er plane keine Gesetzesänderung.

Aber zugleich kündigte der Staatspräsident an, der Kirche zu helfen, wenn sie staatliche Unterstützung brauche. „Frankreich braucht Ihre Großzügigkeit, Ihren Mut und Ihre Hoffnung“, sagte Sarkozy an die Katholiken gerichtet.

Bei einer Ansprache zu Ehren des Kardinals und Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz, André Vingt-Trois, versprach Sarkozy, er sehe es als seine Aufgabe als Staatspräsident, „die großen Festtage der anerkannten Religionen zu respektieren“.

Wie ernst die Lateranrede genommen werden muß, kann Sarkozy bald unter Beweis stellen: In Frankreich muß das Bioethik-Gesetz überarbeitet werden.
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