Freitag, 11. Februar 2005 17:45

(kreuz.net, Wien) „Danke, große Vorsitzende“, sagte der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn,
in seiner Aschermittwochsansprache im Stephansdom: „Danke, daß sie das Heft in die Hand genommen haben.“
Es habe in der Frage der „Belagerung der städtischen Abtreibungskliniken“ durch militante Abtreibungsgegner
ein dringender Handlungsbedarf geherrscht – so der Kardinal:
Auch ihm und allen gemäßigten kirchlichen
Kräften sei der Aktionismus der sogenannten Lebensschützer schon lange ein Dorn im Auge gewesen.
Er
könne keine Initiativen unterstützen, bei denen offensichtlich sei, daß die christliche Nächstenliebe
fehle. Mutig und ohne falsche Rücksichten habe er darum diesen unerträglichen Zustand verschiedentlich
angeprangert, erklärte Kardinal Schönborn in seiner Predigt.
Blinder Fanatismus in einer so delikaten
Frage wie der Abtreibung sei nicht zielführend. Unter diesen Umständen habe die Staatsmacht eine Pflicht
einzuschreiten.
Das Wohl der Schwächsten – das heißt, der bedrängten Mütter, die ihre Kinder zur
Abtreibung trügen – müsse garantiert und der soziale Frieden wieder hergestellt werden.
Schließlich
sei der irdische Friede „Abbild und Frucht des Friedens Christi“, welcher der messianische Friedensfürst
ist, meinte Kardinal Schönborn mit Anspielung auf den Katechismus der Katholischen Kirche, an dem er
als Sekretär führend mitgearbeitet hat.
Der Friede sei jetzt von der Frauenstadträtin, Frau Sonja
Wehsely, wiederhergestellt worden. Dafür sei er dankbar.
Jeder Christ sei der Staatsmacht Gehorsam schuldig,
da es keine staatliche Gewalt gebe, die nicht von Gott stammt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetze,
stelle sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich Gott entgegenstelle, werde dem Gericht verfallen sein,
verkündigte der Kardinal mit Bezugnahme auf das 13. Kapitel des Römerbriefes.
Darum verspüre er als
Oberhirte von Wien die Pflicht, die gottgewollte Verfügung von Frau Wehsely zu verteidigen und zu schützen.
Dieser Entscheid verdiene Respekt und Hochachtung.
Mit Verurteilungen komme man in der Abtreibungsfrage
nicht weiter.
Dagegen sei es höchste Zeit gewesen, den fanatischen Lebensschutzaktivisten eine längst
notwendige und wohlverdiente Lektion zu erteilen.
Es sei unerträglich, wie sie durch ihre seit Jahren
andauernden täglichen Beratungs- und Belagerungsaktionen vor den „Frauengesundheitszentren“ wertvollste
Zeit vergeudeten, die doch für den so dringend benötigten Dialog eingesetzt werden müßte.
Auf diese
Weise komme eine „Koalition der Besonnenen“ niemals zustande. Bisher habe er versucht, die peinlichen
Aktivitäten dieser militanten Aktivisten öffentlich totzuschweigen und zu ignorieren.
Doch jetzt sei
die Zeit für ein unerschrockenes Wort gekommen.
Es sei sinnlos, sich in irgendwelche polemischen Aktionen
zu stürzen, solange man sich nicht auf die „ungemein breiten Hintergründe der Abtreibungsproblematik“
besonnen habe, predigte der Kardinal weiter.
Zuerst seien die theoretischen Grundlagen der Abtreibung
zu erarbeiten. Das müsse in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften geschehen, um einen
möglichst breiten Konsens zu erreichen. Die dialogunfähigen Abtreibungsaktionisten seien von diesem
gesellschaftlichen Entscheidungsfindungsprozeß natürlich ausgeschlossen.
Ein solcher neuer „Dialog
für Österreich“ könne freilich noch Jahre dauern. In der Kirche sei man es sogar gewohnt, in Jahrhunderten
zu denken.
Es werde immer deutlicher – erklärte der Kardinal – daß das wahre Opfer der Abtreibung nicht
die Frau sei, sondern der „Runde Tisch“.
Durch das von den Lebensaktivisten heraufbeschworene Klima der
Konfrontation habe die Gesprächsbereitschaft in Österreich außerordentlich gelitten. Aber wenn man
in diesem Leben irgend etwas erreichen wolle, so können das nicht durch Taten, sondern alleine durch
Worte geschehen.
Das habe er persönlich in seinem Leben als Priester, Prediger, Professor und Prälat
immer wieder erfahren.
Auch das Johannesevangelium betone gleich zu Beginn, daß „am Anfang das Wort
war“. Es sei eine „gräßliche neomarxistische Häresie“, die Praxis vor die Theorie zu stellen.
In Wirklichkeit
sei es genau umgekehrt: Man müsse denken, bevor man handle. In diesem Denkprozeß müsse auch der gemeinschaftliche
Charakter der menschlichen Existenz zum Ausdruck kommen. „Denken in Gemeinschaft“ sei geradezu die Definition
des Begriffes „Dialog“.
Die wahre Marxistin sei somit nicht die segensreich wirkende sozialistische Wiener
Frauenstadträtin Genosse Sonja Wehsely, sondern die Neoklassenkämpfer und Barrikadenbauer der militanten
Anti-Abtreibungs-Aktionisten-Armee.
Das sei der falsche Weg, den er nicht laut genug verurteilen könne.
Damit wolle er auch die polemischen Unkenrufer Lügen strafen, die „grundlos behaupten, daß sich die
Bischöfe bei heißen Themen in Schweigen hüllen oder ihre Köpfe in den Sand stecken.“
Zur sozialistischen
Wiener Frauenstadträtin, Frau Sonja Wehsely, gewandt – die allerdings nicht persönlich im Gotteshaus
anwesend war – meinte Kardinal Schönborn dialogbereit: „Sie könne sich auf die Kirche verlassen. Amen.“