Freitag, 1. Februar 2008 12:54
Ist es möglich, heidnischen Labyrinth- Ritualen einen christlichen Sinn abzuringen? Von Hubert Hecker.

Links: Trojaburg in Skandinavien
Mitte: Nachzeichnung der Trojaburg
Rechts: Eine Frau im Mittelbereich
(kreuz.net) Das Labyrinth ist ein archaisches Urbild. Es reicht bis in die Vorzeit vor 5.000 Jahren zurück
und findet sich bei verschiedenen Kulturen dieser Welt.
Labyrinthforscher erinnern an den griechischen
Mythos vom Minotaurus, an die Bodenmuster in der Kathedrale von Chartres in Frankreich oder an die Buchsbaum-Irrgärten
in barocken Schloßanlagen.
Das klassische Labyrinth entspricht allerdings nicht dem Typ mit Irrwegen
und Sackgassen.
Es besitzt zwei äußere Zugänge mit durchgehenden Linien, die bis zu den zwei Endpunkten
in der Mitte des Gebildes führen.


Bodenlabyrinth in der Wallfahrtskirche Notres-Dames de Chartres
Der Ursprung der europäischen Labyrinthbauten liegt wahrscheinlich
in Skandinavien.
Dort ist die höchste Zahl von Großlabyrinthen bekannt. Sie sind mit Steinen gesetzt
und befinden sich im Freien. In Schweden gibt es über 200, in Finnland 141, in Rußland etwa 60 Labyrinthe.
Vereinzelt kommen sie auch in Norwegen und Dänemark vor.
Mit den Wellen der Völkerwanderung verbreiteten
sich Labyrinthbauten auch im Mittelmeerraum.
Labyrinthe werden häufig mit dem nordischen Namen „Trojaburg“
bezeichnet.
Skandinavische Trojaburgen sind Steinsetzungen in Form unverzweigter Labyrinthe aus etwa
faust- bis kopfgroßen Steinen. Die Durchmesser dieser Steinsetzungen betragen zwischen fünf und zwanzig
Meter. Die Steine liegen meist lose auf Feldern oder Rasen.
Der Name Trojaburg leitet sich von dem gotischen
Verb „trajan“ ab. Es bedeutet so viel wie „drehen“, „winden“, „verfangen“.
Im Germanischen heißt das
Verb drelle, was in dem Stadtnamen Trelleburg eingegangen ist oder auch in dem deutschen Wort „Drall“
steckt.
Volksforscher des 19. Jahrhunderts berichteten von skandinavischen Jugendspielen um die Trojaburgen.
Dabei stand ein Mädchen im Mittelpunkt, das von jungen Männern geholt oder befreit wurde.
Verschiedene
skandinavische Sagen weisen die Trojaburgen als Platz für Kultdramen aus. Dabei bekämpft ein Held im
Frühling den Winterdämon, um die Sonnen-Jungfrau aus dem Labyrinth-Schloß zu befreien und so die Fruchtbarkeit
zu sichern.
Der Labyrinth-Forscher John Kraft kam zu folgendem Ergebnis: Die Trojaburgen waren Arenen
für religiöse Kultspiele im Frühling. Dabei drang der Himmelsgott durch die Windungen vor, um die Vegetationsgöttin
im Zentrum des Labyrinths zu befreien.
Daraufhin vereinigte er sich mit ihr in einer ‘Heiligen Hochzeit’,
die der Gemeinschaft Fruchtbarkeit sicherte.
Der Zusammenhang von Labyrinth und Begattungsritus ist auch
auf dem Weinkrug von Tragliatella in Etrurien – 600 vor Christus – dargestellt.
Auf dem äußeren Windungspfad
der etruskischen Trojaburg-Darstellung ist die Inschrift TRVIA eingetragen – also eine Variation von Troja
oder Trojaburg.
Wurde dieses heidnische Kultritual auch verchristlicht?
Tatsächlich gibt es in mittelalterlichen
Schriften und Kirchen diverse Labyrinthdarstellungen – die berühmteste ist das Bodenmosaik in der Kathedrale
von Chartres.
Leider existieren kaum Erklärungen, wie diese Wandelwege christlich gedeutet wurden.
Auf den Labyrinthmustern wurden Ostergänge abgehalten und Mysterienspiele aufgeführt. Eine Deutung sieht
im Labyrinth ein Gleichnis für den irdischen Pilgerweg ins himmlische Jerusalem.
Eines ist jedenfalls
klar: In der leeren Mitte des Labyrinths von Chartres haben die frommen Dombauer mit Sicherheit nicht
das
verlorene „Selbst“ darstellen wollen.
Eine interessante Spur für eine christliche Umdeutung nordischer
Trojaburgen zeigt eine Wandzeichnung in der altschwedischen Kirche von Sibbo – zwanzig Kilometer nördlich
von Helsinki.
Die gotische Feldsteinkirche wurde im Jahr 1480 gebaut und ausgemalt.
In der schwarzen
Wandzeichnung steht das Kreuz im Zentrum. Es ist mit roter Farbe hervorgehoben. Das bedeutet eine Wendung
der Trojaburg zu Kreuz und Christus.
Das zweite neue Element der Zeichnung ist die Darstellung einer
großen Frau im mittleren Bereich. Das ist wahrscheinlich eine Umdeutung der Fruchtbarkeitsgöttin, die
in dem heidnischen Kultritual zentral war.
In der christlichen Glaubenswelt kann diese Frau nur die Gottesmutter
Maria sein.
Dazu paßt, daß der Frühlingsmonat Mai – die Zeit der nordischen Labyrinthriten – zum Marienmonat
geworden ist.
Papst Gregor der Große († 604) erlaubte in seinen
Missionsempfehlungen, heidnische Bräuche
christlich umzuformen. Danach würde der schwedische Frühlingsbrauch der Trojaburg-Begehung zu einer
marianischen Prozession weiterentwickelt worden sein.
Die herausragende Stellung der Frauenfigur in der
Sibbo-Labyrinthzeichnung könnte darauf hindeuten, daß eine Marienstatue durch die Labyrinthwindungen
getragen wurde.