Meßgerät im Sterbezimmer
Kann man die Kraft des Betens messen?
Eine Frau mit einem Hirntumor und ein Meßgerät im Sterbezimmer – und eine Geschichte, die das Leben schrieb. Von Klaus Deistung.
Menschliches Gehirn
Menschliches Gehirn
(kreuz.net) Im Buch „Hilfe aus dem Jenseits. Was das Gebet vermag. Ärztliche Berichte und Zeugnisse über plötzliche Heilungen durch Kräfte des Gebets“ von Wilhelm Otto Roesermueller (1902 bis etwa 1980) gibt es den dreiseitigen Beitrag: „Dr. N. J. Stowell mißt die Kraft des Gebetes“.

Dr. Stowell wird in dem Buch als „ein Naturforscher von Ruf“ und als „einer der bekanntesten Gelehrten in den, USA“ vorgestellt.

Eine Internet-Recherche, Anfragen bei Verlagen, kirchlichen Einrichtungen und Universitäten über die Person des Dr. Stowell förderten allerdings keine Ergebnisse zutage.

Es gibt auch keine Daten zu seinen angeblichen Versuchen. Es wird nur gesagt, daß der ominöse Dr. Stowell im pathologischen Laboratorium einer Klinik arbeitete und seine Versuche in diesem Rahmen durchgeführt hat.

Er soll dort mit der Aufgabe beschäftigt gewesen sein, die Wellenlänge und die Stärke menschlicher „Hirnstrahlung“ zu messen.

Das Problem: In der Pathologie werden keine Messungen an lebenden Patienten vorgenommen. Außerdem mißt man nicht Hirnstrahlungen, sondern Gehirnströme und Spannungen und zeichnet sie als Kurven auf.

Deren Wellenlänge wird nicht gemessen, sondern aus der Frequenz der Gehirnströme nach der Zeit berechnet.

Der angebliche Dr. Stowell behauptet in seiner Publikation, daß das Gehirn wie ein Radiosender funktioniert.

In Wahrheit kann man im Hirn nur winzig kleine Spannungen – vereinfacht zwischen 1/100.000 und 1/10.000 Volt – messen. Ein Vergleich mit einem Radiosender ist völlig an den Haaren herbeigezogen.

Dr. Stowell beschreibt dann ein Experiment, bei dem untersucht worden sei, was im menschlichen Gehirn beim Übergang vom Leben in den Tod geschieht. Als Versuchskaninchen wurde eine Frau gewählt, die als gottgläubig dargestellt wird. Sie litt an einem unheilbaren Gehirnkrebs, war aber geistig normal.

Für die Untersuchung wurde – so Dr. Stowell – ein hochempfindliches Aufnahmegerät in das Sterbezimmer gestellt. Es wird nicht gesagt, welches Gerät das war und was es – einfach ins Zimmer gestellt – hätte aufnehmen sollen.

Das Gerät besaß zur Auswertung der angeblichen Messung nach Angaben des sogenannten Dr. Stowell ein Zeigerinstrument, das bis zu 500 Grad nach rechts in positiver und 500 Grad nach links in negativer Wertung ausschlagen konnte – Null in der Mitte.

Es scheint dem Dr. Stowell nicht bekannt zu sein, daß ein Vollkreis 360 – und nicht 1000 – Grad besitzt. Ein Meßwerk hat etwa 90 Grad Zeigerausschlag. Außerdem würde man Hirnstrahlung – sollte es sie wirklich geben – nicht in Grad messen, sondern mit Kurven aufzeichnen.

Wie dem auch sei: Als die Frau betete schlug der Zeiger angeblich bei plus 500 Grad an.

Nun wurde auf Anordnung Dr. Stowells ein anderer Patient gereizt und zum Schimpfen gebracht. Hier schlug das Instrument angeblich bei minus 500 Grad an. Das Problem: Ein Anschlag ergibt keinen Meßwert. Eine Auswertung ist unmöglich.

Im weiteren behauptet Dr. Stowell, vorausgehend mit dem Apparat die Leistung einer Rundfunkstation gemessen zu haben.

Diese habe ihre Programme mit einer Stärke von 50 Kilowatt rund um den Erdball ausgestrahlt.

Ein solcher Rundfunksender von 50 Kilowatt Leistung – man spricht in diesem Zusammenhang nicht von „Stärke“ – wäre ein Kurzwellensender. Doch ein solcher kann nicht weltweit, sondern nur auf etwas weniger als der halben Nachtseite der Erde empfangen werden.

Bei der angeblichen Messung des Radiosender soll – so Dr. Stowell – ein Wert von neun Grad positiver Wertung festgestellt worden sein. Was das bedeutet, ist unerklärlich, weil notwendige Angaben fehlen.

Dann vergleicht Dr. Stowell den Radiosender mit dem Hirn der betenden Frau.

Das Problem: Menschliche Gehirnschwingungen liegen im Frequenzbereich von unter einem Herz bis unter hundert Herz. Die Wellenlänge von hundert Herz läßt sich mit 3.000 Kilometer berechnen. Da die Frequenz aber tiefer war, war die Wellenlänge noch größer.

Doch damit ist unwahrscheinlich, daß es möglich war, mit dem gleichen Gerät auch Rundfunkfrequenzen von über 3.000.000 Herz – mit einer Wellenlänge von hundert Metern – zu „messen“.

Der sogenannte Dr. Stowell kam zum Schluß, daß das Gehirn der betenden Frau auf dem Sterbebett eine angebliche Kraft entwickelt habe, die 55mal stärker (55x9=495) gewesen sei als die angeblich weltweite Ausstrahlung einer Rundfunkbotschaft.

Dieser Vergleich ist technisch und mathematisch völlig rätselhaft – oder einfach Unsinn.

Man beachte auch, daß das Gerät nach Angaben von Dr. Stowell im Zimmer aufgestellt war.

Es ist aber ohne abgeschirmte Elektroden, die direkt am Kopf des Patienten angebracht werden müssen, unmöglich, Hirnströme zu messen.

Fazit: Das Stowell’sche Experiment ist ein kompletter Unsinn, den man nur leichtgläubigen Menschen andrehen kann, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.

Mit dem echten Glauben an die Kraft des Gebetes hat sie nichts zu tun.