Montag, 18. Februar 2008 12:05
Unerhört! Skandalös!
Den Dogmenwächter und Sprachhütern der Holocaust-Religion stehen schwere Zeiten bevor. Es ist ein Buch im Anmarsch, das sich nicht an die kanonisierten Sprach- und Denkregelungen hält. Von Leo G. Schüchter.
Coverspruch des Werkes "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell
Coverspruch des Werkes „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell
(kreuz.net) Der Roman „Die Wohlgesinnten“ des in Barcelona wohnhaften französisch-amerikanischen Schriftstellers Jonathan Littell (40) macht die Holocaust-Gemeinde schon vor seiner Veröffentlichung in Deutschland nervös.

Am 11. Februar publizierte das Wochenmagazin ‘Der Spiegel’ ein Interview mit dem Schriftsteller jüdischer Herkunft.

Dabei tritt der Journalist als Holocaust-Apologet auf, während Littell die gängigen Dogmen der Holocaust-Religion hinterfragt.

Er erwähnt verdrängte Themen der Nazizeit – das „deutsche Leid, das Unrecht, das auch Deutschen widerfahren ist“, den „Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, die Vertreibung aus dem Osten“.

Pflichtbewußt moniert der ‘Spiegel’-Journalist, daß der Hinweis auf deutsche Opfer „die Schulddebatte verdrängen“ würde. Die Leiden der Opfer sollten vom Leiden des Tätervolks getrennt behandelt werden.

Der Schriftsteller Jonathan Littell
Der Schriftsteller Jonathan Littell
Littell widerspricht. Die Trennung des Judenmords von Krieg, Vertreibung und Bombenkrieg mache den Holocaust zu einem quasi theologischen Thema: „Dadurch wird er enthistorisiert“.

Doch in der historischen Einordnung zeige sich, daß die großen Massenmorde von den Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs – Deutschland, Österreich, Rußland – organisiert worden seien: „Rasse hier – Klasse da – die Inhalte sind verschieden, der Prozeß ist derselbe.“

In einem weiteren Interview mit der Wochenzeitung ‘Die Zeit’ vom 3. November 2007 ergänzt Littell:

„In den 30er Jahren hatte der Stalinismus bereits Millionen Menschen umgebracht, während die Nazis erst bei einigen Tausend waren. In jenem Augenblick schien der Nationalsozialismus für viele fast wie eine gute Lösung.“

Entsetzt von solchem historisierenden Relativismus sucht der ‘Spiegel’-Journalist die Denkschablonen der Holocaust-Religion zu retten: „Aber stellt das nicht die Einzigartigkeit des Verbrechens an den Juden in Frage?“

Littell antwortet, daß die gesamthistorische Betrachtung das Problem irgendwie dejudaisiere: „Und das ist gut so, denn es ist ein universelles Problem. Der Holocaust war ja nicht eine Art Stammeskrieg zwischen Deutschen und Juden.“

Den Schriftsteller interessiert die Natur von Staatsverbrechen. Er will wissen, wie diese organisiert werden und den bürokratischen Geist sowie die administrative Bewerkstellung des Tötens kennenlernen.

Als Beispiele dafür erwähnt er auch den Bosnien-Krieg und den Krieg in der russischen Teilrepublik Tschetschenien. In beiden Kriegsgebieten hat Littell jahrelang für eine humanitäre Hilfsorganisation gearbeitet.

Das Phänomen hätte man – so der Autor – auch an diesen Gegenwartskriegen darstellen können. Aber zum Krieg der Nationalsozialisten gebe es mehr Materialien.

Littell wird auch vom ‘Spiegel’-Interviewer gefragt, was ihn als Jude dazu bewogen habe, sein Zeugnis der Barbarei aus der Sicht eines Täters zu beschreiben.

Seine Antwort: „Mein Grundsatz lautet: Es handelt sich um ein menschliches Problem. Ich gehe es nicht als Jude an, sondern als Mensch.“

Erneut überprüft der ‘Spiegel’-Journalist Littells Holocaust-Rechtgläubigkeit: „Laufen Sie nicht Gefahr, die deutsche Schuld zu relativieren?“

Der Schriftsteller verneint: „Das Geschehen läßt sich nicht relativieren. Es ist in gewisser Weise absolut. Der Holocaust ist nicht allein ein Problem der Juden – als Opfer – und der Deutschen – als Täter –, sondern das Problem aller Menschen.“

Sein Roman wolle den Lesern zeigen, daß die Täterschaft auch ihr Problem sei und sie selber potentiell zu Henkern werden könnten.

Littell erwähnt auch die Empörung seiner Kritiker zu diesem moralischen Gedankenspiel: „Unerhört! Skandalös! Ein Jude versetzt sich in das Denken und Fühlen eines Judenmörders!“

Man kann die Empörung der Holocaust-Gemeinde irgendwie verstehen: Denn die antifaschistischen Gutmenschen glauben doch gerade, daß sie mit ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus für immer diesseits der moralischen Barrikade stehen.

Doch Littell will rassistische Denkschablonen überwinden. Er erwähnt, daß der Regisseur des neunstündigen Streifens ‘Shoah’, Claude Lanzmann (82), einmal zu ihm gesagt habe: „Sie haben wundervolle jüdische Kinder.“

Doch Littell hatte kein Gefallen an dieser Aussage: „Nein. Ich habe wundervolle Kinder. Punkt, aus.“

Der ‘Spiegel’-Reporter fragt weiter, ob er bei der Schilderung von Massenerschießungen keine Ekelschwellen habe überwinden müssen.

Littell antwortet, daß es ihm in seinem Roman nicht um die Methode des Tötens gehe und diese außerdem nicht spezifisch nazistisch sei. Er habe die Motive der Henker und die Organisation des Tötens zu ergründen versucht.

Dabei habe er festgestellt, daß eine hohe Kultur die Versuchung zur Barbarei nicht ausschließt. Mozart hören und Flaubert lesen bewahre nicht automatisch davor.

Die schwachen westlichen Werte würden erst recht keinen Schutz vor barbarischen Exzessen bieten – ergänzt der Autor in seinem ‘Zeit’-Interview: „Wenn Gott verschwindet, stehen wir vor einem Dilemma“.

Littell bezeichnet sich selber als nicht-religiös. Dennoch meint er: „In einer Welt ohne Gott ist es schwierig, ein ethisches und moralisches Bezugssystem einzurichten.“

„Unsere Gesellschaft gleitet auf dem bißchen Erinnerung daher, einmal zu den Guten gehört zu haben. Sie lebt von den Resten“

„Ich habe keinerlei Hoffnung für diese Welt.“
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