Donnerstag, 17. Februar 2005 14:52
Alte Messe wider Willen: Der letzte Brief eines Ostdeutschen an seinen westdeutschen Pfarrer
Ein katholischer Ostdeutscher kommt nach Baden-Württemberg und traut seinen Augen nicht. Die katholische Kirche und Liturgie sind nicht wiederzuerkennen. Er wendet sich an seinen Pfarrer und erhält keine Antwort. Schließlich findet er eine Lösung: die von Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründete Priesterbruderschaft des heiligen Pius X.
D., den 11. Juni 2004

Sehr geehrter Herr Pfarrer

Ich bin 24 Jahre alt und vor kurzem mit meiner Frau nach D. in Baden Württemberg gezogen. Seit knapp zwei Jahren lebe ich in Süddeutschland. Geboren und aufgewachsen bin ich in Spremberg im Bistum Görlitz, in der ehemaligen DDR. Dort war ich in der katholischen Pfarrgemeinde sehr aktiv. Ich war Meßdiener, Jugendsprecher, Mitglied im Pfarrgemeinderat und Sakristan.

Der Wegzug aus der Heimat aus beruflichen Gründen fiel mir sehr schwer. Meine Familie und Freunde mußte ich zurücklassen. Am neuen Ort hoffte ich, wenigstens in den Räumen der Kirche ein Stück Heimat zu finden. Doch ich wurde bitter enttäuscht. Die Kirche, die ich 22 Jahre lang kennen und lieben durfte, finde ich hier nicht wieder.

Dieser Verlust schmerzt mich sehr. Das ist kein materieller Verlust, den man kurzfristig beheben kann. Es ist der Verlust der Dazugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Auch wenn ich hier in die Kirche gehe und an den Gottesdiensten teilnehme, fühle ich mich als Außenseiter.

Bitte denken Sie jetzt nicht von mir: „Da kommt einer von drüben und meckert über uns.“ Ich habe mir lange überlegt, ob ich Ihnen schreiben soll. Ich kann nicht länger zuwarten. Zwar fahre ich öfters nach Hause und besuche dort meine Heimatpfarrei. Auch unsere kirchliche Trauung und die Taufe unseres Kindes werden in Spremberg stattfinden. Aber ich lebe jetzt im Westen und werde dies noch sehr lange tun. Hier wird mein Kind, das in wenigen Tagen zur Welt kommt, aufwachsen. Da Sie mein Pfarrer sind, haben Sie auch ein Recht zu erfahren, wie Ihre „Schäfchen“ denken.

Ich habe mich gestern nach dem Fronleichnamsgottesdienst auf dem Marktplatz entschlossen, Ihnen zu schreiben. Bitte entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise: Aber einen so entwürdigenden Gottesdienst an einem der höchsten Feste der katholischen Kirche habe ich noch nicht erlebt.

Die Kirche im Westen hat sich bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie hat ihre alten Rituale über Bord geworfen und rennt denen hinterher, die sich von uns getrennt haben. Ich möchte hier nicht schlecht über unsere protestantischen Mitbürger sprechen. Viele von ihnen sind in ihrem Glauben fester verwurzelt und leben ihn intensiver als mancher Katholik. Man muß vor solchen Protestanten Hochachtung haben. Aber die Protestanten gehören einer anderen Konfession an.

Im Gegensatz zur evangelischen Kirche, glauben wir an den lebendigen Jesus Christus, der im allerheiligsten Altarssakrament leibhaftig zu uns kommt. Der Empfang dieses hochheiligen Sakramentes ist Gemeinschaft mit unserem Retter und Erlöser, nicht mit anderen Gläubigen.

In den einleitenden Worten zum gestrigen Gottesdienst sprachen Sie in der Vergangenheitsform über die Bedeutung des Fronleichnamfestes. Anstelle einer Predigt gab es sodann einen unverständlichen und für mich sinnlosen „Dialog“.

Ich möchte Sie nicht persönlich angreifen oder gar beleidigen, denn ich kenne Sie nicht weiter. Vielleicht wäre Ihnen persönlich eine ehrfurchtsvollere Feier auch lieber gewesen. Außerdem betrifft, was ich sage, nicht nur die katholischen Pfarreien in dieser Gegend. Es ist in Westdeutschland ein Prozeß im Gange, der – wie ich befürchte – auch bald nach Ostdeutschland überschwappen wird.

Ich möchte auch nicht den Moralapostel spielen, denn ich selbst bin ein einfacher und sündiger Mensch. Ich kann aber zu den Zuständen in der Kirche nicht schweigen, weil ich die Kirche über alles liebe und weil ich weiß, daß Jesus Christus die Kirche gestiftet hat.

Nachwort des Briefautors:

Bei uns zu Hause gibt es die Fronleichnamsprozession mit Monstranz, Baldachin und drei außenstehende Hochaltären. Hier in Süddeutschland fand ich nichts Ähnliches.

Der im Brief genannte Fronleichnamsgottesdienst auf dem Marktplatz stand unter dem Motto „Leben aus Gottes Kraft“.

Statt einer Predigt berichtete ein ungefähr 15-jährtiger Junge, warum er über den Altar ein Graffiti angebracht hatte. Es gingen auch zehn Leute aus der Gemeinde ans Mikrofon und erzählten, woraus sie Gottes Kraft für ihr Leben schöpften. Neun von Ihnen sagten, unter anderem, „aus der Ökumene“.

Nach der Wandlung setzten sich die Priester hin, während Laien die Kommunion austeilten. An diesem Punkt verließ ich die Veranstaltung. Auf einen Nichtkatholiken muß der Gottesdienst ziemlich lächerlich gewirkt haben. Jemandem, der mit der Tradition aufgewachsen ist, tut so etwas innerlich sehr weh.

Bis heute warte ich auf eine Antwort des Pfarrers auf meinen Brief.

Kurze Zeit später mußten meine Frau und ich wegen der Taufe unseres Kindes mit dem Pfarrer sprechen. Ich dachte, er würde mein Schreiben ansprechen. Aber er sagte nichts.

Als wir ihm begegneten, konnte ich kaum glauben, einem Geistlichen gegenüberzusitzen. Der Pfarrer war mit Jogginghose und T-Shirt bekleidet. In dieser Kleidung ist er auch auf der Internetseite seiner Pfarrei zu sehen. Das Gespräch war sehr kurz.

Zu meiner orthodoxen Frau meinte der Pfarrer, daß man die Kinder früher hätte katholisch taufen müssen. Dies sei heute aber nicht mehr unbedingt nötig. Wir könnten unsere Kinder auch orthodox taufen lassen. Im übrigen wäre er für die Taufvorbereitung nicht zuständig. Dies müßten wir bei seiner Sekretärin erledigen.

Gott sei Dank habe ich in der Zwischenzeit eine katholische Pfarrei gefunden, die ihres Namens würdig ist. Durch eine ehemalige Arbeitskollegin kam ich zur Priesterbruderschaft St. Pius X. Zuerst war ich etwas verunsichert, weil mir der tridentinische Ritus fremd war.

Ein Pfarrer aus meinem Heimatbistum, zu dem ich guten Kontakt habe, sagte mir: „Da kannst du ruhig hingehen. Die sind wenigstens noch katholisch“. Wenn man sich aber offizielle katholische Publikationen anschaut, wird diese Gemeinschaft – im harmlosesten Fall – als ewiggestrig oder als sektiererisch und fundamentalistisch bezeichnet.

Mich hat es sehr gefreut, mit meinen Sorgen und Nöten, um den Zustand unserer Kirche nicht alleine zu sein und zu sehen, daß es Gläubige gibt, denen der gegenwärtige eklatante Liberalismus in der Kirche zuwider ist.

Wieso habe ich nicht schon früher von der Priesterbruderschaft erfahren? Wieso wird sie totgeschwiegen? Wenn man sich die Berichte in den Medien ansieht, erfährt man von vielen Kirchenkritikern, die bei kirchlichen Veranstaltungen ein Podium erhalten. Von einigen höchsten Kirchenvertretern – zum Beispiel Kardinälen – werden sie sogar als Segen bezeichnet.

Ich bin zwar nicht so theologisch gebildet wie ein Kardinal, aber wenn ich die Schriften der Priesterbruderschaft mit denen von Hans Küng, Eugen Drewermann und Konsorten vergleiche, so bin ich in der Lage zu sagen, wer für unsere Kirche ein Fluch und wer für sie ein Segen ist.
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