Dienstag, 15. Februar 2005 17:47
Der Sonderband der vatikanischen Zeitschrift „Divinitas“ zur umstrittenen Liturgie von Addai und Mari, die keine Wandlungsworte besitzt, ist nun in einer ausführlichen deutschen Inhaltsangabe zugänglich.

(kreuz.net, Köln) Im November 2004 erschien ein Sonderband der vatikanischen theologischen Zeitschrift
„Divinitas“ über die Liturgie der Assyrischen Kirche des Ostens. Im Zentrum steht dabei die Beurteilung
der umstrittenen Liturgie von Addai und Mari. Diese Liturgie unterscheidet sich in auffälliger Weise
von anderen Hochgebeten. In ihr fehlen nämlich die Wandlungsworte, die als der eigentliche Kern der heiligen
Messe gelten.
Die vatikanische Anerkennung der „Liturgie von Addai und Mari“ als gültige Form der Eucharistiefeier
bewirkte im Jahre 2001 und danach eine heftige innerkirchliche Diskussion. Der Sonderband von „Divinitas“
ist als eine halboffizielle Reaktion darauf zu werten.
Da die meisten der Beiträge des Sonderbands in
italienischer, französischer oder englischer Sprache abgefaßt sind, hat die jüngste Ausgabe der in
Köln erscheinenden theologischen Zeitschrift „Una Voce Korrespondenz“ die nicht-deutschsprachigen Aufsätze
detailliert
vorgestellt.
Die „Una Voce Korrespondenz“ ist eine theologisch-liturgische Zeitschrift, die
zweimonatlich von der „Una Voce Deutschland“ publiziert wird. Die „Una Voce Bewegung“ ist eine Organisation,
die sich besonders für die Förderung der lateinischen Messe im traditionellen Ritus einsetzt.
Die Vorstellung
in der „Una Voce Korrespondenz“ bietet zuerst eine Übersetzung der wichtigsten Teile der sogenannten
„Anaphora der Apostel Addai und Mari“. Eine Anaphora ist das eucharistische Hochgebet – das Herzstück
der eucharistischen Liturgie – das im Normalfall die Wandlungsworte enthält. Die „Anaphora der Apostel
Addai und Mari“ ohne Wandlungsworte ist das am häufigsten verwendete Hochgebet der mit Rom nicht unierten
Assyrischen Kirche.
Der erste Artikel stammt von Yves Chiron, der einen kurzen Blick auf die Rezeption
des wohl um 200 entstandenen Hochgebetes wirft. Chiron ist durch seine Papstbiographien sowie durch Bücher
über Pater Pio bekannt geworden.
Danach verweist der Mailänder Liturgiewissenschaftler Enrico Mazza
auf die Tatsache, daß es eine ganze Reihe früher Hochgebete – auch des Abendlandes – gibt, in denen
die Wandlungsworte ebenfalls fehlen.
Der niederländische Moraltheologe Bonifazio Honings, der an der
Päpstlichen Lateranuniversität wirkt, erbringt den Nachweis, daß zur Erfüllung des Auftrages Christi –
„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – nicht unbedingt das Sprechen der gleichen Worte, sondern das Tun dessen,
was Christus getan hat, erforderlich ist.
Robert F. Taft, Professor Emeritus des Pontificio Istituto
Orientale, betont den Vorrang der übrlieferten liturgischen Texte („Theologia prima“) vor ihrer mittelalterlichen
scholastischen Ausdeutung („Theologia secunda“). Das „Päpstliche Orient-Institut“, 1917 von Benedikt
XV. gegründet, befaßt sich mit Geschichte, Liturgie und Kirchenrecht der orthodoxen und altorientalischen
Kirchen.
Taft vertritt die Ansicht, daß die Wandlungsworte erst in der mittelalterlichen und nachtridentinischen
Theologie als unverzichtbare Form der Wandlung in der Messe herausgearbeitet worden seien. Man könne
dieses Erfordernis nicht im nachhinein der Liturgie der Urkirche überstülpen. Natürlich seien die Worte
des Herrn („Das ist mein Leib“ – „Das ist mein Blut“) die Grundlegung des Sakramentes. Sie seien aber
selbst dann wirksam, wenn sie in einer konkreten Feier nicht wortwörtlich wiederholt würden, sondern
im Opfer, in Lobpreis und Dank nur indirekt vorhanden seien.
Ähnlich argumentiert der Jesuitenpater
Cesare Giraudo, derzeit Präsident des Pontificio Istituto Orientale. Eine deutliche Absage erteilt er
Versuchen, in der Anaphora von Addai und Mari die Wandlungsworte nachträglich einzufügen, wie es bei
den unierten Chaldäern und Malabaren „zwangsweise“ geschehen sei.
Man solle eine gewachsene Liturgie
nicht aufgrund späterer Spekulationen künstlich anreichern. Pater Giraudo ruft dazu auf, sich mit Vertrauen
in die Schule der lex orandi – das heißt, der überlieferten Liturgie – zu begeben: „Sie ist es, die
uns sagt, was die Eucharistie ist, und wie die Kirche von immer sie vollzieht!“
Der bereits erwähnte
Enrico Mazza spricht sich in einem weiteren Aufsatz klar für die Anerkennung der umstrittenen Anaphora
ohne Wandlungsworte aus. Die häufige Bezugnahme des Textes auf das Beispiel, das der Herr „uns gegeben
hat“, und das Bewußtsein, diesen von Christus gestifteten Urtypos in der Liturgie auszuführen, sei ein
hinreichender Ersatz für den fehlenden Einsetzungsbericht.
Gegenteiliger Ansicht ist der angesehene
italienische Thomist und Dogmatiker, Monsignore Brunero Gherardini. Er beharrt darauf, daß nur das wortwörtliche
Wiederholen der Wandlungsworte – „und sonst gar nichts“ – das Sakrament verwirkliche. Damit sei eine Liturgie
ohne diese Worte ungültig. Christi Weisung „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ schließe die Wandlungsworte
notwendigerweise ein.
Ähnlich wie Monsignore Gherardini argumentieren die beiden deutschsprachigen Beiträge
im Sonderband. Der abgedruckte Artikel des Kölner Theologen und Philosophen Dr. David Berger ist fast
gleichlautend schon im Jahr 2002 in der „Una Voce Korrespondenz“ erschienen.
Als „wissenschaftlich zuverlässigsten“
Beitrag stellt die „Una Voce Korrespondenz“ den Aufsatz des Liturgiewissenschaftlers Uwe Michael Lang
vor. Lang beschäftigt sich eingehend mit dem philologischen Textbefund. Dabei interessiert ihn vor allem
die Frage, an welcher Stelle des Hochgebetes die – später möglicherweise verlorengegangenen – Wandlungsworte
gestanden haben könnten. Lang bemerkt, daß die nachträglich vorgenommene Einfügungen allesamt nicht
befriedigend seien.
Diese Vorstellung der wichtigsten nicht-deutschen Beiträge aus „Divinitas“ erschien
um so notwendiger, als im deutschen Sprachraum teilweise entstellende Berichte über den Sonderband von
„Divinitas“ im Umlauf sind.
So konnte man in Heft 12/2004 der katholischen Zeitschrift Theologisches
eine Ungenauigkeit zur Position von Msgr. Gherardini lesen. Dieser habe dargelegt, daß die Feier einer
eucharistischen Liturgie ohne Einsetzungsworte „kein Akt der Verehrung Christi“ sei.
In Wirklichkeit
betont Gherardini aber, daß in einem solchen Fall nicht das Sakrament zustande komme, sondern es „bestenfalls
eine Art eucharistischer Andacht“ – tutt’al più ad una forma di devozione eucaristica – darstelle.
Ebenfalls
in „Theologisches“ heißt es, der Beitrag von Uwe Michael Lang sei zu dem Schluß gekommen, daß die Einsetzungsworte
in der ostsyrischen Liturgie „durch die liturgische Reform des Patriarchen Isho’yadh [richtig: Isho’yabh]
III. im 7. Jahrhundert entfernt“ worden seien.
Lang diskutiert zwar diese Hypothese, kommt aber im Schlußwort
zu dem Ergebnis, es sei „unwahrscheinlich, daß Patriarch Isho’yabh III. den Einsetzungsbericht aus Addai
und Mari eliminiert“ habe. Solche Fehldeutungen fanden leider auch Eingang in andere Veröffentlichungen.
Una Voce Korrespondenz, Heft 1/2005 (Januar-Februar). Bestelladresse:
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