Montag, 10. März 2008 10:23
Die Karikatur eines Professors
In Paderborn wird die Alte Messe „in einer dem alten Ritus angenäherten Form“ zelebriert. Ein neokonservativer Lokal-Liturgiker gab zum Thema Ausführungen von sich. Im Vergleich dazu hört sich eine Stammtischdiskussion wie ein Oberseminar an. Ein Kommentar.
Illustration im Artikel gegen die Alte Messe in der Paderborner Bistumszeitung.
Illustration im Artikel gegen die Alte Messe in der Paderborner Bistumszeitung.
(kreuz.net) Die Kirchenzeitung des Erzbistums Paderborn hat kürzlich die Alte Messe zur Titelgeschichte gemacht:

„Aufbruch oder Rückschritt? »Tridentinische« Messe“ titelte die Wochenzeitung am 2. März auf ihrer Frontseite.

Der dazu publizierte Artikel ist ein Frontalangriff gegen die Liturgie, welche die Kirche mit geringen Änderungen seit weit über 1500 Jahren zelebriert.

Der Leitartikel stammt von Gerd Vieler (51). Er ist bei der Kirchenzeitung als Chef vom Dienst beschäftigt. Sein Artikel steht unter dem Titel „Vom Gast zum Mitfeiernden“.

Diese manipulative Überschrift stellt den angeblichen Zustand bei der Alten Messe einem angeblichen Zustand bei der Neuen Messe gegenüber.

Untertitel: „Auch liturgische Feiern unterliegen der Mode und den zeitlichen Notwendigkeiten“.

Es ist klar, daß der Untertitel eine Aussage zum Ist-Zustand im Neuen Ritus darstellt.

Das Paderborner Bistumsblatt beruft sich auf den neokonservativen Prof. Michael Kunzler
Das Paderborner Bistumsblatt beruft sich auf den neokonservativen Prof. Michael Kunzler
Legendenbildung

Der Artikel ist mit einem großen Bild illustriert, das ein aufgeschlagenes altes Meßbuch und Canontafeln zeigt.

Die Legende unter dem Bild dient der Legendenbildung und ist ein Sammelsurium karikierender Unterstellungen.

So informiert sie den Leser, daß „selbstformulierte Worte bei strenger Anwendung des Ritus von 1570“ nicht erlaubt seien. Alles müsse daher korrekt „aufgesagt“ und „am besten abgelesen“ werden – so die Formulierung:

Für die Erwirkung von Gnade durch die Feier der Messe seien „allein die richtigen, durch den Priester gesprochenen Worte maßgeblich“. Alles andere sei „schmückendes Beiwerk“ gewesen – diffamiert die Legende.

Zu Beginn zitiert der Artikel die Redewendung, daß man „bis 1970“ Messen für die Verstorbenen habe lesen lassen.

Dieser Ausspruch habe damals seine „volle Berechtigung“ gehabt.

Denn das Alte Meßbuch habe bezüglich der Eucharistiefeier „nur zwei handelnde Personen“ gekannt: den Priester und den Meßdiener. Nur das, was der Priester am Altar betete, sei wirklicher Vollzug der Liturgie gewesen, erzählt Vieler weiter:

„Alles andere, was in der Messe gesungen oder gebetet wurde, war für die gültige Zelebration unbedeutend“.

Das sei zwar „400 Jahre“ in Geltung, aber nur Ausdruck „der Mode und der Notwendigkeiten“ der angeblichen Entstehungszeit gewesen.

Das Bistumsblatt bewirbt eine Messe in einer dem Alten Ritus angenäherten Form
Das Bistumsblatt bewirbt eine Messe in einer dem Alten Ritus angenäherten Form
Liturgische Projektionen

Vielers Taktik ist klar: Der Zustand des neuen Ritus, der aus einer Mode heraus geboren wurde und in jeder Messe und Kirche einer neuen Mode unterliegt und vor leeren Kirchen zelebriert wird, soll in die Alte Messe hineinprojiziert werden.

Dann fährt Vieler sein Hauptgeschütz auf – eine Publikation des neokonservativen Paderborner Liturgikers Hw. Michael Kunzler (56) über die Alte Messe.

Darin zieht der neokonservative Professor gegen den Alten Ritus los, wie es der schlimmste modernistische Propagandist nicht besser hätte tun können.

Er weise darauf hin, daß es im Laufe der vielen Jahrhunderte einen kontinuierlichen angeblichen „Wandel“ der Liturgie gegeben habe.

Hw. Kunzler gibt ein Beispiel für sein Verständnis von Wandel: „Wenn etwa dem Täufling bei der Taufe ein Salzkorn in den Mund gelegt wurde, wurde das zur Entstehungszeit verstanden, heute sei es für die meisten Gläubigen unverständlich.“

Doch wer nach dem Alten Ritus rufe, müsse auch solche Dinge wiedereinführen – triumphiert er.

Die Frage bleibt: Ist das Salz der Weisheit, das dem Täufling in der altrituellen Taufe auf die Zuge gelegt wird, für die sogenannten heutigen Gläubigen schwerer verständlich als das Taufwasser, nachdem die Taufe heute gemeinhin als „Aufnahme in die Kirche“ ausgedeutet wird?

Wäre es darum im Sinne der allgemeinen Verständlichkeit nach Hw. Kunzler nicht einsichtiger, das Wasser wegzulassen und den Täufling per Handschlag zu taufen?

Ein Sammelsurium von Versatzstücken?
Es wird noch schlimmer: „Was heute als »Tridentinische« Messe angesehen würde, sei in der Regel nur eine Aneinanderreihung von Versatzstücken“ – wird Hw. Kunzler zitiert:

„Wenn es überhaupt so etwas wie eine »Tridentinische« Messe gäbe, könne sie auf Gottesdienstbesucher vollkommen verzichten.“

Man reibt sich die Augen: Versatzstücke? Verzichtet auf die Gläubigen? Das erinnert doch allzudeutlich an die zusammengestückelte und von den Gläubigen zurecht verlassene Neue Liturgie.

Hat Hw. Kunzler seinen Professorentitel bei der Tombola gewonnen?

Die Meßbeschimpfung in der Paderborner Kirchenzeitung geht weiter:

Jetzt ist von einer angeblichen „Drohung“ in der Alten Messe die Rede, daß bei Hinzufügen oder Weglassen einer Handlung oder eines Textes sich nach einer alttestamentlichen Szene „die Erde auftue und den Zelebranten in das Feuer der Hölle geworfen werde“.

Das habe zu Skrupeln und schlechtem Gewissen geführt.

Doch der Artikel vergißt hinzuzufügen, daß diese Skrupel wenig waren im Vergleich zu den Schrecken der Liturgiemißbräuche, welche die Gläubigen erleiden, seitdem ein durchgeknallter Klerus in der liturgischen Enthemmung lebt.

Früher gab es keine Mikrophone
Nächstes Thema. Der Artikel beruft sich auf Hw. Kunzlers Ausdeutung der Homilie in der Alten Messe:

Da die exakte Ausführung des Ritus keinen Platz für eine „freiformulierte Predigt“ gelassen habe, „nahm der Zelebrant kurzerhand eine Auszeit während der Meßfeier, legte sein Meßgewand ab, stieg auf die Kanzel und deutete durch ein Kreuzzeichen an, daß nun etwas völlig neues beginne.“

Die Predigt und die Kommunion seien nicht Teil der Liturgie gewesen.

Auch diese Unterstellung ist eine leicht durchschaubare Projektion aus dem Neuen Ritus.

Dort werden Predigt und Kommunionausteilung schon lange nicht mehr als Teil der Meßfeier betrachtet. Darum können sie auch problemlos herausgebrochen und von irgendwelchen Laien übernommen werden, während der Priester – der angebliche „Vorsteher der Liturgie“ – still vor sich in einer Ecke hockt.

Außerdem: Dem Liturgiker scheint zu entgehen, daß es früher in der Kirche keine Mikrophone gab: Deshalb zog es ihn zur Predigt auf die Kanzel, die viel näher bei den Leuten plaziert ist.

Realitätsfremde Darstellungen
Dann wird Hw. Kunzler zum Thema Ostung des Gottesdienstes zitiert.

Diese sei keineswegs etwas „typisch Tridentinisches“ – offenbart er: Das nach Osten ausgerichtete Gebet sei „sogar Bestandteil von anderen Religionen“.

Statt offensichtliches zu berichten, hätte Hw. Kunzler besser die Schlußfolgerung für den Neuen Ritus gezogen: Die sogenannte „Zelebration zum Volk hin“ ist eine traditionslose, liturgiefremde und antikatholische Neuerung.

Hw. Kunzler zieht es vor abstrakte Theorien von sich zu geben: Die Meßfeier zur Gemeinde hin sei durch die liturgischen Änderungen nach dem Konzil nicht vorgeschrieben worden.

Was will der Liturgiker damit sagen? Vielleicht, daß irgendein Priester es heute wagen sollte, den Neuen Ritus zum Herrn hin zu lesen?

Dann müßte er auch erklären, wie das praktisch durchzuführen ist, ohne daß der entsprechende Geistliche von seiner Gemeinde oder vom Bischof nicht geteert und gefedert wird.

Wer statt bei der Theorie bei der Wirklichkeit bleibt, weiß: Die Handkommunion und die Zelebration Richtung Kirchenbänke sind jene beiden Urdogmen des Neuen Ritus, deren Übertretung ein Priester mit der augenblicklichen Hinrichtung bezahlt.

Liturgische Sprachverwirrung
Auch die lateinische Sprache sei „nichts typisch Tridentinisches“ – geht es im gleichen Stil weiter.

Wer damit argumentiere, daß er die Messe in der Sprache der Urkirche feiern wolle, müsse das auf Griechisch tun. Das mag sein. Aber wo hat Hw. Kunzler dieses Argument gehört?

Die Urgemeinde habe aramäisch gesprochen – behauptet er dann, obwohl sich Fachleute über die Verbreitung der aramäischen Sprache zur Zeit Jesu bis heute nicht im Klaren sind.

Die Alte Messe ist ein Produkt des liturgischen Wildwuches
Hw. Kunzlers Verdrehungen drehen sich ohne Ende: „Allein wegen der vielen im Laufe der Zeit nicht mehr nachzuvollziehenden und teilweise nur durch Abschreibfehler in die Liturgie eingebrachten Elemente, die auch als Wildwuchs bezeichnet werden, sieht Kunzler die Reformbedürftigkeit der Liturgie vor dem Vatikanischen Konzil“.

Dazu führe er in seinem Buch „viele Beispiele“ an, sekundiert die Kirchenzeitung – und erwähnt kein einziges.

Wenn die Bekämpfung des liturgischen Wildwuchses dem Professor wirklich ein Anliegen wäre, hätte er keine Bücher über den Alten Ritus zu schreiben gebraucht.

Die Wildwuchs-Liturgie schlechthin ist der Novus Ordo. Doch diesen faßt er im weiteren mit Samthandschuhen an, nachdem er die Liturgie der Heiligen mit drei Federstrichen abserviert hat.

Zuerst wiederholt er das Märchen von der „Mitwirkung der Gläubigen“ im Neuen Ritus und einem angeblichen „Gästestatus“ der Gläubigen im Alten.

Dann gibt er sich scheinkritisch: Das Pendel habe jetzt „zu weit“ in die andere Richtung ausgeschlagen – als ob der Alte Ritus und der real existierende Novus Ordo zwei gleichwertige Mißbräuche darstellen würden.

Er könne sich „manchmal“ des Eindrucks nicht erwehren, daß der Gottesdienst deshalb „gemacht“ würde, damit viele daran mitwirken und sich in dieser Mitwirkung wiederfinden könnten – verharmlost er den harten liturgischen Alltag im Neuen Ritus.

Die ständige Suche nach gottesdienstlichen Modellen, die bei den immer weniger werdenden Gottesdienstteilnehmern ankommen würde, seien „nicht immer“ förderlich für die Liturgie – flötet er.

Altgläubige sind dumm
Das sieht der Liturgiewissenschaftler auch als Grund für die Vehemenz an, mit der „einige Gläubige“ die Liturgiereform ablehnten, „ohne allerdings das, was sie wieder einführen wollen, genau zu kennen“.

Schon klar, daß die Altgläubigen alle Ignoranten sind.

In seinem Motu Proprio habe der Papst den Alten Ritus wieder zugelassen, um diesen Leuten, die offenbar nicht wissen, was sie wollen, entgegenzukommen.

Auch das Erzbistum Paderborn wolle mit einer Zulassung der Alten Messe einem „geistlichen Bedürfnis“ nachkommen. Doch dort dürften nur Priester, die innerlich den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zustimmen, diese Messe öffentlich zelebrieren.

Dazu brauche es die Zustimmung des Bischofs – leugnet Hw. Kunzler die Gültigkeit des Motu Proprio ‘Summorum Pontificum’.

Das Tüpfchen auf dem i ist die Bildlegende am Schluß des Artikels. Dort heißt es:

„Regelmäßig findet in der Krypta des Paderborner Domes mittwochs um 18.30 Uhr eine Eucharistiefeier in einer dem alten Ritus angenäherten Form statt.“
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