Dienstag, 11. März 2008 10:58
Nur widernatürliche Scheinheiligkeit und pfäffische Heuchelei können den spontan auf Betätigung drängenden Geschlechtstrieb als Sünde herabwürdigen. Die kirchlichen Vorschriften zur Ehe sind unmoralisch. Von Lisa Abelin.


Die SS-Zeitschrift ‘Das schwarze Korps’ zeigte Nacktbilder im FKK-Kitschstil.
(kreuz.net) Während der Weimarer Republik bis 1932 führte die sozialistische Propaganda für „freie
Liebe“ und Abtreibung sowie gegen die Familie in Deutschland zu einer Aufweichung der Sexualmoral.
In
den Städten florierte das Geschäft mit Nackt-Revuen, Pornographie und Prostitution.
Nach Angaben der
feministisch orientierten US-Historikerin Dagmar Herzog förderte der Nationalsozialismus eine „Fortschreibung,
Ausweitung und Intensivierung der bereits vorhandenen liberalisierenden Tendenzen“.
Zwar lösten die
Nationalsozialisten die kommunistischen Sexualberatungsstellen auf und schlossen Bordelle. Doch zugleich
wurde die neue Sexualunmoral durch sie wirksamer als vorher verbreitet.
Schon 1934 gab ein Handbuch den
Führerinnen im „Bund Deutscher Mädel“ die Anweisung, die ihnen anempfohlenen jungen Mädchen zum vorehelichen
Geschlechtsverkehr zu ermutigen.


Fotos aus NS-Illustrierten mit Leichtgeschürzten und Nackten.
Über Dresden vermerkte der deutsche Schriftsteller Victor Klemperer
(† 1960) in seinem Tagebuch, daß die „Krankenhäuser übervoll sind, nicht nur von schwangeren, sondern
auch von tripperkranken fünfzehnjährigen Mädchen“.
Nicht ohne Grund sagte der Volksmund über den
‘Bund Deutscher Mädchen’ bald „Bubi Drück Mich“.
1937 hieß es in den Deutschlandberichten der Exil-SPD
über die Hitlerjugend: „Promiskuität ist der tatsächlich akzeptierte Zustand.“
Der deutsche Soziologe
Herbert Marcuse († 1979) notierte damals, daß die Effektivität des Nationalsozialismus auch auf der
Abschaffung der Tabus, dem Angriff gegen die Einehe und die „Emanzipation des Sexuallebens“ beruhe.
Viele
NS-Ärzte begrüßten die Freizügigkeit bezüglich außerehelicher Beziehungen, die Erleichterung von
Eheschließung und Scheidung sowie die Sanktionierung unehelicher Kinder.
Der nationalsozialistische
Arzt Walter Gmelin bezeichnete voreheliche Geschlechtskontakte im Jahr 1936 als eine „gesunde Reaktion
gegen Moralprediger“, wenn die jungen Leute „im geschlechtsreifen Alter den ihnen von der Natur mitgegebenen
Trieb befriedigen“.
Der von ihm konstruierte Gegensatz zwischen unberechtigter Moral und berechtigender
Natur wurde in weiteren nationalsozialistischen Schriften zugespitzt. Man lehnte die christliche Moral
ab und verherrlichte zugleich die Sexualität.


Die NS-Hetzzeitschrift ‘Der Stürmer’ bediente voyeuristische Instinkte mit der Schilderung von Sexualverbrechen und in seinen Karikaturen
Es sei ein „Heiliges, ein Großes um den naturgewollten,
spontan auf Betätigung drängenden Geschlechtstrieb“, notiert der nationalsozialistische Arzt Carl Csallner
in der schwülstigen NS-Diktion und vergöttlichte so die Naturkräfte.
Nur „widernatürliche Scheinheiligkeit“
und „päffische Heuchelei“ könnten sie als Sünde herabwürdigen: „Die Liebe ist das einzig wahre religiöse
Erlebnis der Welt“.
Die Historikerin Dagmar Herzog hält die „gezielte Sakralisierung von Liebe und die
Heiligung von sexueller Leidenschaft“ gar für das „Kernstück der NS-Sexualberatungsschriften“.
Mit
Recht verurteilte die Kirche den Versuch, die animalische Sexualität als säkulare Ersatzreligion anzubieten.
Die Nationalsozialisten stellten der kirchlichen Lehre eine mythologisierte Sexualität entgegen.
In
einer großen Ausstellung zu Geschlecht und Rasse von 1935 wurde die katholische Marienlehre gezielt verhöhnt:
„Unbefleckt und heilig ist die Empfängnis aus würdiger Liebe – unbefleckt und heilig ist die Geburt
wohlgearteten Lebens.“
Besonders die SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“ bemühte sich, die kirchliche
Moral lächerlich zu machen. Sie bezeichnete die „Heiligkeit der Ehe“ als „artfremdes und orientalisches“
Konzept, „um das starke und lebensfreudige Germanentum zu schwächen“.
Das Christentum sei mit seiner
Moral eine altmodische und lebensfremde Religion.
Dagegen sah die NS-Bewegung in der ungehemmten Betätigung
der Sexualität die gott- und naturgewollte höchste Erfüllung des menschlichen Daseins.
Der Reichsführer
der SS, Heinrich Himmler († 1945), bezeichnete die christliche Einehe als „satanisch“ und die kirchlichen
Vorschriften zur Ehe als „unmoralisch“. Er wollte Scheidung, vorehelichen Geschlechtsverkehr und außereheliche
Beziehungen offiziell fördern.
Viele kirchliche Autoren wehrten sich gegen die neuheidnische Sexualreligion.
So warnten süddeutsche Bischöfe vor den „falschen Propheten“, welche Ehe und Familie unterminierten.
Der Gelehrte und Trierer Priester Matthias Laros († 1965) prangerte in einer Seelsorgeschrift die „entsetzliche
Verwilderung und Überreizung des sexuellen Lebens“ an:
„Die Überbetonung des Sinnlich-Sexuellen hat
das ganze öffentliche und private Leben ergriffen.“
Das zeigte sich in den NS-Medien auch durch eine
Flut von Nacktbildern.
Ein Zehntel der Bilder in den jährlichen Kunstausstellungen waren hyperrealistische
Nacktdarstellungen von Künstlern, die als „Meister des deutschen Schamhaares“ oder „Unterleibl“ verulkt
wurden.
Illustrierte Zeitschriften zeigten seitenweise Leichtgeschürzte und Nacktbilder im Stil von
Frei-Körper-Kitsch. NS-Organisationen publizierten Aktfoto-Kalender in hohen Auflagen.
Zeitschriften
wie ‘Das schwarze Korps’ und ‘Der Stürmer’ gefielen sich in Detailfreude bei der Schilderung von Sexualverbrechen,
um den Voyeurismus anzuheizen.
Am Ende des Krieges, nach einer zwölfjährigen Propagierung von Triebbefriedigung
und sexueller Zügellosigkeit, waren die Menschen vielfach moralisch desorientiert und emotional verroht.
Das war der nationalsozialistische Boden, auf dem die sozialistischen Sexualbefreier aufbauen konnten.