Mittwoch, 12. März 2008 09:45
Der Bischof verabschiedete sich in die Exerzitien
In einer Nacht- und Nebelaktion hat das Bistum Aachen begonnen, sich auf Kosten seiner Pfarreien zu sanieren. Doch von dort meldet sich Widerstand. Von Annemarie Holzmann.
Webseite des Bistums Aachen. Vorne im Bild: Mons. Mussinghoff
Webseite des Bistums Aachen. Vorne im Bild: Mons. Mussinghoff
(kreuz.net) „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ An diesen Ausspruch des DDR- Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht († 1973) auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni 1961 fühlen sich die Katholiken im Bistum Aachen zur Zeit erinnert.

Am 7. März wurde einem guten Viertel aller Pfarreien der Diözese über Nacht eine Zwangsfusion verordnet.

Noch kurz zuvor hatte der Bischof von Aachen, Mons. Heinrich Mussinghoff, auf einer Visitationsreise geleugnet, daß es entsprechende Pläne gäbe.

Zwar existierte bisher ein pastoraler Strukturplan, nach dem die Diözese nicht mehr in Dekanate, sondern in „Gemeinschaften von Gemeinden“ geordnet werden sollte. Dabei sollte die rechtliche Eigenständigkeit der Pfarreien erhalten bleiben.

Das Bistum Aachen in Westdeutschland
Das Bistum Aachen in Westdeutschland
Über verbindlichere Formen von vertraglich geregelten Kooperationsverbänden – „Gemeinschaften der Gemeinden“ – und Wirtschaftszusammenschlüssen für Personal- oder Liegenschaftsfragen in „Kirchengemeindeverbänden“ sollte am Ende die Fusion von Pfarreien zwar ein Fernziel sein – jedoch ein freiwilliges, von allen Verantwortlichen mitgetragenes.

Doch dieser Prozeß geriet ins Stocken, nachdem viele Pfarreien ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben wollten.

Hinzu kam, daß 160 Pfarreien den Beitritt zu neu installierten regionalen Verwaltungszentren verweigerten, weil diese sich als ineffizient erwiesen.

Die meisten von ihnen haben sich im „Aktionsbündnis Kirche vor Ort“ vernetzt.

Es geht nicht um die Pfarreien
Wirtschaftsfachleute hatten schon länger nachgewiesen, daß die Diözese mit der Verwaltungsreform nicht das Wohl der Kirchengemeinden im Auge hat, sondern die Sanierung ihres durch jahrzehntelange Mißwirtschaft in die roten Zahlen gekommenen Haushaltes betreibt.

Eine schlechte Verwaltung und die Kostenexplosion durch einen fragwürdigen Personalausbau hatte die Diözese Aachen in die Schuldenfalle getrieben.

Der Generalvikar Manfred von Holtum lagerte daraufhin einen großen Teil der Verwaltung in Verwaltungszentren aus. Sie sollen künftig von den Kirchengemeinden bezahlt werden.

Diesem Prozeß der Kostenumverteilung widersetzen sich zur Zeit 160 Pfarreien, weil sie nicht nur ihr Kapital, sondern auch die Seelsorge vor Ort gefährdet sehen.

Zum Funktionieren der neuen Verwaltungsstruktur ist nämlich ein hohes Maß an ehrenamtlichem Einsatz in der Pfarrverwaltung nötig. Da dies aber fehlt, werden den Pfarrern neue Lasten aufgebürdet, statt sie zu entlasten.

Auch die Pflege einer guten Liturgie und einer professionell ausgeführten Kirchenmusik wird für viele Pfarreien unmöglich gemacht, weil ihre Mittel in der neuen Verwaltungsstruktur versanden.

Die bistumsweite Umstellung auf eine kaufmännische Buchführung bereitet nicht nur den neuen Verwaltungszentren Probleme.

Das Bistum selber hat zum Beispiel im Jahre 2007 keinen Haushalt vorlegen können, weil die EDV-Umstellung über ein Jahr nach ihrer Einführung nicht funktioniert.

Auf diesem Hintergrund empfinden viele die buchstäblich über Nacht angeordnete Zwangsfusion von Kirchengemeinden als üblen Taschenspielertrick.

Weil man den Widerstand vielen Pfarreien nicht „brechen“ konnte, wie es Generalvikar Manfred von Holtum wörtlich angeordnet hatte, greift man nun zum äußersten Mittel der Auflösung und Fusion von Pfarreien.

Die neuen Großgebilde werden dann den Verwaltungszentren angeschlossen, damit die Diözese sich an deren Vermögen gesundstoßen kann.

Degradierung der Priester
Derweil gehen vor Ort buchstäblich die Lichter aus. Kirchenvorsteher drohen ihr Amt niederzulegen. Priester sind frustriert und enttäuscht von der widersprüchlichen Strategie des Bischofs, der plötzlich von einem lockeren Stil der Entscheidungsfindung in pseudodemokratischen Prozessen auf harte Diktatur umgestellt hat.

In den neuen Großpfarreien kann nach dem Kirchenrecht nur ein Priester Pfarrer sein.

Das hat zu Folge, daß langgediente Pfarrer ihrer Leitungsvollmacht beraubt werden und zum Kaplan zurückgestuft werden, welcher der Befehlsempfänger von Pastoralteams wird.

Hinzu kommt der wichtige Umstand, daß man jahrzehntelang die Zügel im Bereich der Glaubensverkündigung hat schleifen lassen.

Die Folgen: liturgischer Wildwuchs, ein oft amts-anmaßender Einsatz von Pastoral- und Gemeindereferenten, eine Pfarrgemeinderatssatzung, die das Gremium zum Aufsichtsrat für den Priester macht und die Laien aktiv an der Gemeindeleitung beteiligt, Pastoralteams, die dem Priester die mit der Weihe übertragene Leitungsvollmacht bestreiten.

Angesicht der teilweise extremen Verwerfungen und Unterschiede in der Glaubenspraxis wird es in den neuen Zwangsehen von Pfarreien unterschiedlichster Prägung nicht nur zu Reibereien, sondern auch zu Amtsniederlegungen von Priestern und Verweigerungen von ehrenamtlich tätigen Laien kommen.

Priestermangel wird verschärft
Das ‘Aktionsbündnis’ befürchtet zudem auch eine weitere drastische Zunahme des Priestermangels:

„Die meisten Priester werden durch die Neuordnung nämlich nicht entlastet, sondern durch die neuen Strukturen ihres Berufsprofils beraubt. Schon jetzt meiden jungen Männer den Schritt in den Priesterberuf, der ihnen keine klare Rolle in der Leitung mehr zuweist.“

Indes verfolgen Generalvikar Manfred von Holtum und sein für den pastoralen Strukturwandel verantwortlicher Hauptabteilungsleiter und langjährige Bundespräses des ‘Bundes der deutschen katholischen Jugend’, Rolf-Peter Cremer, die eingeschlagene Linie mit ideologischer Verbissenheit bis zur Neige weiter.

Tragisch für Priester und Pfarreien, deren letzte Motivation auf dem grünen Tisch fragwürdigen Planspielen geopfert wird.

Während das Bistum Kopf steht, verabschiedete sich der Bischof nach der Pressekonferenz für eine Woche in Exerzitien.

Daß er dort zur Besinnung kommt, ist nach allem, was geschehen ist, zu bezweifeln.
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