Sonntag, 16. März 2008 11:13
Kirchenvertreter wie Bischof Egon Kapellari von Graz waren wahrscheinlich vor siebzig Jahren auch keine Judenschnüffler. Von Diplomingenieur Andreas Kirchmair.


Andreas Kirchmair im Interview bei ‘gloria.tv’
(kreuz.net) Mitte Februar gab ich der Video-Webseite ‘gloria.tv’ in Wien ein längeres
Interview. Dabei
fragte mich die Reporterin, ob meine Behauptung nicht etwas drastisch formuliert sei, die katholische
Kirche in Österreich habe die ungeborenen Kinder im Stich gelassen.
Dazu möchte ich eine aktuelle Begebenheit
erzählen.
Am vergangenen 31. Januar hielt Bischof Egon Kapellari von Graz bei einer Veranstaltung der
‘Industriellenvereinigung Steiermark’ und beim ‘Wirtschaftsforum der Führungskräfte’, wo ich Mitglied
bin, einen Vortrag.
Vor zum Teil prominenten Wirtschaftsvertretern des Landes sprach er zum Thema „Fragen
der Gesellschaft, Religion und Wirtschaft von heute – Christentum in einer differenzierten Gesellschaft“.
In seiner Rede erwähnte er unter anderem auch „komplexe Ursachen“ für die demographischen Veränderungen
und den Kindermangel, ohne spezifischer zu werden.
In der folgenden Diskussion warf ich ein, daß die
Ursachen des Kindermangels angesichts der Tatsache, daß zwar viele Kinder gezeugt, aber jedes zweite
von ihnen vorgeburtlich getötet wird, doch nicht „komplex“ seien.
Es sei leider typisch für viele Hirten,
diese Tatsache nicht öfter öffentlich zu benennen.
Ich äußerte mich auch zur Finanzierung der Ortskirche.
Dabei erklärte ich, daß ich die Koppelung von Kirchenbeitragszahlung und Kirchenmitgliedschaft für
ausgesprochen fragwürdig halte.
Ich schloß mit der Frage, warum Bischöfe bei Nichtzahlung des Kirchenbeitrags
die Exkommunikation befürworten, aber fast ausnahmslos schweigen, wenn es um die Frage der vom Kirchenrecht
geforderten Exkommunikation für alle an Kindesabtreibung Beteiligten geht.
In Österreich betrifft das
laut Experten etwa ein Drittel aller Frauen und Männer sowie das Abtreibungspersonal.
Kirchliche Härte
beim Geld und kirchliche Ignoranz bei Kindestötung und Seelenheil würden sich die Hände reichen – schloß
ich.
Bischof Kapellari antwortete mir zunächst recht weitschweifig. Gegen Ende und im Zusammenhang mit
meiner Frage zur Exkommunikation erklärte er schließlich, daß er kein „Seelenspion“ und kein „Abtreibungsschnüffler“
sei.
Was der Bischof wohl sagen wollte: Die getöteten Kinder und deren Eltern gehen ihn offenbar nichts
an.
Angesichts von täglich rund 200 Kindstötungen in Österreich frage ich mich, wie die öffentliche
Selbstvorstellung eines katholischen Bischofs, kein „Abtreibungsschnüffler“ zu sein, heute auf Menschen
wirkt.
Kirchenvertreter wie Bischof Kapellari waren wahrscheinlich vor siebzig Jahren auch keine „Judenschnüffler“.
Die hier zutage tretende Einstellung wurde mir kürzlich in einem privaten Gespräch von einem versierten
Kirchenmann erläutert:
Die meisten Bischöfe würden deshalb zur Abtreibung schweigen, weil sonst der
„soziale Friede“ in Österreich in Gefahr sei – erklärte der Kirchenmann.
Mit anderen Worten: Der soziale
Friede ruht auf der Kinderabtreibung.
Oder: Die Tötung der Ungeborenen ist ein Menschenopfer für den
sozialen Frieden, dem sich die Hirten offenbar mehr verpflichtet fühlen als den Kindern und Kleinen.
Das sind nur zwei kleine Blitzlichter, die ich aus eigener Erfahrung berichten kann.
Sie zeigen aber,
was sich in Österreich seitens der amtlichen Kirchenvertreter in Wirklichkeit abspielt – abseits der
üblichen Lippenbekenntnisse zum Lebensschutz und der mahnenden Papstworte.
Den meisten Oberhirten sind
die bereits getöteten und die in Lebensgefahr befindlichen ungeborenen Kinder offensichtlich egal.
Der
Autor ist selbständiger Unternehmensberater in der Steiermark und ehemaliger ehrenamtlicher Kirchenfunktionär.