Sonntag, 16. März 2008 17:44
In Deutschland machen sich die Beginen breit
Gemeinhin hält man sie für ausgestorben. Doch der Schein trügt. Eine neue Art von Krieg und Pest macht sie jetzt wieder möglich.
Ein früherer Beginenhof in Brügge.
Ein früherer Beginenhof in Brügge.
(kreuz.net, Fulda) Schwester Brita Leib (63) lebt als Pfarrhaushälterin im Fuldaer Stadtteil Gläserzell und bezeichnet sich als Begine. Das berichtete die ‘Fuldaer Zeitung’ am 8. März.

Die Beginen waren Frauen-Gruppierungen im 13. Jahrhundert. Sie entstanden als Kriege und Pest viele Frauen und Mädchen als Witwen und Waisen zurückließen.

Um versorgt zu sein, blieb ihnen in der Regel nur der Weg ins Kloster oder in die Zwangsverheiratung.

Doch einige wollten weder das eine noch das andere. So entwickelte sich in Flandern eine Art neue Frauenbewegung: die Beginen.

Als alleinstehende Frauen, die ein frommes selbstbestimmtes Leben führten, wohnten sie in abgeschlossenen Stadtvierteln, die man Beginenhöfe nannte.

Von dort aus arbeiteten sie unter den Armen und in der Krankenpflege. Sie führten handwerkliche Tätigkeiten aus, trieben Handel und unterrichteten Mädchen und Frauen.

Ihr Lebensmodell breitete sich in ganz Europa aus. Drei bis zehn Prozent der Frauen lebten in den mittelalterlichen Städten als Beginen. Der Papst anerkannte ihre Lebensform.

Seit den 90er Jahren ist die Beginenbewegung in Deutschland wieder belebt worden.

Das Beginentum ist ein Bekenntnis zu einem spirituellen und politisch-sozial engagierten Leben – so Schwester Brita. Sie ist gebürtige Freiburgerin und Konvertitin.

Nach dem Studium und einer gescheiterten Ehe mit einem Universitätsprofessor war sie plötzlich im Alter von 35 Jahren alleinerziehende Mutter von drei Kindern.

Als diese aus dem Haus waren, trat sie einem Orden als Oblatin bei.

Doch nachdem sie Bekanntschaft mit Beginen gemacht hatte, fand sie in dieser Lebensform ihre wahre Berufung.

Sie trat aus dem Orden aus und arbeitet seither als Pfarrhaushälterin in Gläserzell. Ferner ist sie als pastorale Mitarbeiterin und geistliche Begleiterin mit bischöflicher Beauftragung tätig.

Seit vier Jahren ist Schwester Brita auch zweite Vorsitzende des Dachverbandes der Beginen.

In dieser Funktion ist sie viel unterwegs. Sie forscht, hält Vorträge und versucht, das Gedankengut der Beginen zu verbreiten, die es heute bundesweit wieder in über dreißig Städten gib.

Schwester Brita ist überzeugt: „Wir befinden uns in einer ähnlichen Umbruchzeit wie zur Zeit, als die Beginenbewegung aufkam.“

Inzwischen sind in Deutschland nur noch 31 Prozent der Frauen in Deutschland traditionell verheiratet: „Was machen die übrigen 69 Prozent, wenn sie beruflich etabliert sind oder Familie hinter sich haben?“, fragt sie.

Deshalb plant Schwester Brita einen Beginenhof, der künftig in Bochum 14 alleinstehenden und alleinerziehenden Frauen ein Zuhause in spiritueller Gemeinschaft sein soll.

In Deutschland sind bereits neun solcher Beginenhöfe entstanden.

Es handelt sich um Lebensgemeinschaften von Frauen jeglichen Alters und Hintergrunds, die aus Eigentumswohnungen, Reihenhäusern, Miet- und sozial geförderten Wohnungen bestehen.

Sieben weitere Beginenhöfe werden allein in diesem Jahr folgen.

© Titelbild: Elke Wetzig, CC
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