Dienstag, 18. März 2008 18:45
Ein jedes Mädel macht, was es will
„Was an Schmutz und Schund ich habe, hinein damit ins Schmökergrab.“ Diese Aktion richtete sich vor allem gegen die sexuelle Perversion der Nationalsozialisten. Von Lisa Abelin.
Eine nach dem "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" indizierte Schrift aus den 50er Jahren, die nur an Erwachsene verkauft werden durfte.
Eine nach dem „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ indizierte Schrift aus den 50er Jahren, die nur an Erwachsene verkauft werden durfte.
(kreuz.net) Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Propaganda für sexuelle Zügellosigkeit, waren die Menschen nach dem Krieg oft moralisch desorientiert und emotional verroht.

Die Ehe litt unter der Kriegserfahrung und Gefangenschaft der Männer und den Belastungen der Frauen an der Heimatfront.

In der Folge schnellte die Kurve der Scheidungen, unehelichen Kinder und Abtreibungen in die Höhe.

Die sexuelle Zügellosigkeit des Nationalsozialismus setzte sich in den Kontakten junger deutscher Frauen mit US-Besatzungssoldaten fort.

Die US-Militärbehörden stellten fest, daß mehr als ein Viertel ihrer Soldaten wöchentlich mit deutschen Frauen Sexualkontakte aufnahmen, obwohl es anfänglich ein Fraternisierungsverbot gab.

Bücherei-Aktion gegen Schmutz und Schund
Bücherei-Aktion gegen Schmutz und Schund
Es fiel den jungen Frauen nicht schwer, ihr Lotterleben zu rechtfertigen: Wir machen nur, was wir im ‘Bund Deutscher Mädchen’ gelernt und was die Landser in Frankreich praktiziert haben.

„Wie habt ihr es im Ausland denn gemacht? /
Hattet ihr Mädel und Frauen nicht bei Tag und bei Nacht? /
Drum haltet die Schnauze und seid fein still, /
ein jedes Mädel macht, was es will.“

Dieses satirische Gedichtchen überliefert der Historiker Klaus-Dietmar Henke (60).

Die Amerikaner sahen in der sexuellen Verfügbarkeit deutscher Fräuleins ebenfalls eine Folge der zügellosen NS-Moral – nahmen diese aber trotzdem gerne an.

In diesem Punkt bemühte sich die US-Besatzungsmacht nicht um eine „Umerziehung“ der Deutschen im Sinne ihres moralisch strengeren Heimatlandes.

Auch die meisten männlichen Deutschen hielten an der nationalsozialistischen Sexualunmoral fest.

Bei einer Befragung im Jahr 1949 bezeichneten mehr als 90 Prozent der westdeutschen Männer unter Dreißig den vorehelichen Geschlechtsverkehr als entweder erlaubt oder schlicht nötig.

Nach einer anderen Befragung erklärten mehr als 50% der Frauen, daß der voreheliche Verkehr für eine Beziehung gut sei.

Nur regelmäßige Kirchgänger lehnten den vorehelichen Verkehr deutlicher ab.

Diese Ergebnisse lagen – besonders bei den Frauen – erheblich über den vergleichbaren Zahlen aus Großbritannien und den USA.

Die Kirche bemühte sich, die in die Bevölkerung eingedrungene nationalsozialistische Unmoral aufzuklären.

Im Jahr 1951 zeigte der katholische Arzt Anton Hofmann in seinem Sexualratgeber auf, daß die nationalsozialistische Fixierung auf sexuelle Triebbefriedigung den Menschen entwürdigte und für Gewalt und Massenmord an fremden Menschen bereitmachte.

Der katholische Schriftsteller Walter Dirks († 1991), Herausgeber der angesehenen Frankfurter Hefte, kämpfte gegen die nach dem Krieg grassierende Abtreibungsmentalität.

Nach Dirks ging diese „in den Fußstapfen der SS-Ärzte“ weiter, weil sie die „unangenehme Tatsache ausblendet, daß die Tötung des menschlichen Lebens Mord ist“.

Den Mut, den eine Mutter brauche, um die Frucht einer ungeplanten Schwangerschaft auszutragen, verglich Dirks mit dem Mut, die der Widerstand gegen den Nationalsozialismus erforderte.

In einem hinterließ die nationalsozialistische Kampagne gegen die angeblich „lust- und lebensfeindliche katholische Moral“ in der kirchlichen Verkündigung der Nachkriegszeit Spuren:

Zwar geißelten katholische Beratungsschriften die nationalsozialistische Ermunterung zum unehelichen Geschlechtsverkehr. Sie betonten aber durchweg und etwas naiv die positiven Seiten von Lust und Liebe in der Ehe.

Schließlich begann auch die deutsche Bundesregierung unter der Führung des katholischen Bundeskanzlers Konrad Adenauer († 1967) die Erbschaften der nationalsozialistischen Unmoral abzubauen.

Es wurde die Kampagne gegen „Schmutz und Schund“ an Kiosken und im Kinosaal ins Leben gerufen. Sie führte zum Bundesgesetz von 1952, das die Ausstellung und den Verkauf pornographischer Bilder und Texte untersagte.

Das Gesetz verbot gleichzeitig alle Schriften, die zu Verbrechen oder Rassenhaß anstachelten oder den Krieg verherrlichten.

Jugendschriften und Eheratgeber der 50er Jahre betonten den Wert von Treue und Liebe, die warten kann.

Immer wieder setzten die Bischöfe ihre Autorität ein, um Propaganda für Ehebruch und Unmoral zu Fall zu bringen.

Während die Nationalsozialisten Frauen und Mütter vielfach zur außerhäuslichen Erwerbsarbeit heranzogen, betonte der erste deutsche Familienminister, Franz-Josef Wuermeling († 1986) die wichtige Rolle der Mutter „im Hauptberuf“.

Ihr Fehlen bei der Erziehung der Kinder könne „nicht wiedergutgemacht werden.“

Mit Phantasie bemühte sich das Familienministerium, die Mehrkinderfamilie zu fördern und zu schützen. Die scharfe Kritik an der nationalsozialistischen Sexual- und Familienzerstörungspolitik war dabei unübersehbar.

Die Hitler-Familie war einerseits als Zuchtanstalt mit der Frau als Gebärmaschine konzipiert, während gleichzeitig die ungezügelte Unzucht propagiert wurde.

Pastoraltheologische Schriften der 50er Jahre erklärten, daß Deutschland eine Bekehrung brauche und den Nationalsozialismus mit seinem „Nihilismus, tierischen Vitalismus und praktischen Atheismus“ verlassen müsse.

Der spätere Vorwurf an die Adenauerzeit, sich nicht mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt zu haben, entpuppt sich somit als gezielte Unterstellung.
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