Mittwoch, 26. März 2008 13:27
In einer Reportage über die Alte Messe hat der Journalist einer Kirchenzeitung seine erschütternde religiöse Oberflächlichkeit ausgebreitet. Ein Kommentar.


Kerzenweihe in der Osternacht.
(kreuz.net, Paderborn) Kürzlich schickte die Paderborner Kirchenzeitung ‘Der Dom’ ihren Mitarbeiter Stefan
Niggenaber als Spion aus, um die Alte Messe in Paderborn auszuforschen.
Niggenaber kam mit den Vorurteilen
zurück, die er in die heiligen Handlungen hineintrug.
Sein Artikel war Teil eines
konzentrierten Angriffs
der Kirchenzeitung gegen die Alte Liturgie.
In seinem Bericht hakt Niggenaber zunächst das „schummrige
Licht“, „gedämpftes Glockengeläut“, „rosa Blumen“ und „hohe Kerzen“ ab.
Dann kommt er auf sich selber
zu sprechen:
„Auch ich mische mich unter die stille Menschenansammlung, bleibe jedoch irgendwie isoliert.
Es scheint, als ob niemand etwas mit mir zu tun haben möchte“ – jammert er. Niggenaber fühlt sich von
den Gläubigen, die sich auf den Gottesdienst vorbereiten, zuwenig beachtet.
Um 18.30 Uhr stellt er hundert
Menschen fest, die sich in die „hölzernen Bankreihen“ drängen:
„Die schwarzhaarige Frau neben mir gräbt
sich schon vor Meßbeginn tief in ihr »Vollständiges Römisches Meßbuch« ein“ – läßt Niggenaber
seine Blicke schweifen.
Im Nacken spürt er empfindsam „den Atem einer Ordensschwester“. Sie betet kniend
das Pater Noster – „selbstverständlich auf Latein“.
Der Beobachter fühlt sich „fremd und beobachtet“ –
eine offensichtliche Projektion. Gerade noch hat er sich über das Gegenteil beklagt.
Dann beginnt die
Orgel zu spielen. Im Kontext der Alt-Meß-Vorurteile des Journalisten verwandelt auch sie sich in einen
Poltergeist: „Plötzlich poltert der Organist los“. Der Alten Ritus färbt halt auf alles ab.
Ein Tanzabend?
Dann knöpft sich Niggenaber den Zelebranten und seinen Meßdiener vor. Es handelt sich um Domdechant
Heribert Schmitz und den Küster des Doms.
Der Journalist beurteilt sie im Verstehenshoriziont eines
Tanzabends: „Als das Duo an den Menschen vorbeizieht senken sich die Köpfe, fast ehrfürchtig.“
Niggenaber
hält das für eine Gehorsamsbezeugung. Dann wird er statt von der Gottheit, die ihn anschaut, ganz vom
„Rücken“ des Herrn Prälaten, der sich ihr zuwendet, in Beschlag genommen:
„Mit dem Rücken zur Gemeinde
baut sich Prälat Heribert Schmitz vor dem Altar auf. Wir singen lateinische Meßgesänge. Ich verstehe
kein Wort, blicke pausenlos auf den Rücken von Heribert Schmitz.“
„Mir bleibt nichts anderes übrig“ –
brummt er wie ein Nachtfalter, der um die Straßenlaterne kreist und den Sternenhimmel übersieht.
Während
der Domdechant immer weiter ins Meer der göttlichen Gegenwart hinausfährt, bleibt Niggenaber am Strand
zurück:
„Der Domdechant funktioniert wie ein Uhrwerk, flüstert Formeln und Gebete Richtung Altar und
Kruzifix“ – gibt er eine Außenansicht der Formen.
Siehe, ich mache alles altDann gerät die Messe –
so Niggenaber – „in Schwung“: „Auch die schwarzhaarige Frau neben mir weiß offenbar, was zu tun ist“.
Dem scharfen Seitenblick des Journalisten entgeht nicht, daß die Dame „seltsame Notizen in ihr Gesangbuch
in altdeutscher Schrift“ macht.
Er vergißt zu erwähnen, daß sie auch die alte deutsche Rechtschreibung
benützt. So ist das mit der Alten Messe halt: Sieh’, ich mache alles alt.
Doch dann kommt ein kritischer
Augenblick: „Ein Großteil der Feiernden ist offenbar verwirrt“ – erkennt Niggenaber:
„Die vorderen Bänke
stehen, während die hinteren knien.“
Die Altgläubigen fordern offenbar ihr Schicksal heraus. Denn wer
sich in diesem ehrwürdigen Ritus nicht streng an die Rubriken hält, sich sofort in die Hölle stellt.
Hier hätte Niggenaber sagen müssen, daß die Alte Messe eine reine Klerus-Liturgie ist, bei der es
sowieso keine Rolle spielt, was die Gläubigen hinten tun. Nicht wahr?
Irreale MystikDann übermannt
Niggenaber ein Ausruf: „Alles scheint so irreal, ein wenig mystisch.“
Irreale Mystik? Nach vierzig Jahren
real existierender Liturgie des Novus Ordo, ist Mystik in der Tat gewöhnungsbedürftig und wirklichkeitsfremd.
Immerhin stellt Niggenaber fest, daß alles „irgendwie feierlicher“ ist als das sonntägliche Hochamt
in seiner Heimatgemeinde.
Bei der „Gabenbereitung“ glaubt er sogar „ausnahmsweise“ zu wissen, „was dort
vorne passiert.“ Seine Wortwahl läßt darüber Zweifel aufkommen: Er meint die Opferung.
Den zentralen
Teil der Messe – Präfation, Kanon, Wandlung, Vaterunser, Agnus Dei – hat er offenbar ohne weiteren mystischen
Zwischenfall verschlafen und springt gleich zur Kommunion. Dort muß er „wieder passen“.
Was der Bauer
nicht kennt„Mundkommunion, das ist so gar nicht mein Ding“ – jammert er und meint: „Außerdem weiß ich
gar nicht, wie das geht.“
Die Neugläubigen tun sich mit dem neuen Alten schwer: Was der Neubauer nicht
kennt, das frißt er nicht.
Niggenabers Kommunionhemmungen siegen über seinen brennenden Wunsch, den
eucharistischen Heiland im Herzen zu empfangen:
„So versinke ich wieder in meiner Bank, falte die Hände.
Andere hingegen reihen sich ein, bauen sich in Dreierreihen vor dem Altar auf und lassen sich die Hostie
vom Prälaten in den Mund legen.“
Immerhin fühlt sich Niggenaber schuldig: „Als der Mann mit dem dunklen
Talar zurückkommt, sieht er mich strafend an“ – beobachtet der angeblich mit gefaltenen Händen in der
Bank Versunkene und entschuldigt sich:
„Ja, ich bin halt sitzen geblieben, gestehe ich mir im Stillen
ein“.
Daß der Alte Ritus solche Entsühnung nicht verlangt, entgeht ihm: Im Neuen gehen alle zur Kommunion,
im Alten, jene, die sich darauf vorbereitet haben.
Wie zu erwarten endet Niggenaber mit einem Negativgefühl:
„Vom Schluß werde ich enttäuscht. Ein letztes Gebet auf Latein, allerhand Geläut und Bekreuzigungen
und die Meßfeier ist abrupt zu Ende.“
Was wird Niggenaber über die Neue Messe sagen? Dort ist der Schluß
im Vergleich zum Alten Ritus wesentlich kürzer.
Und das von ihm gehörte „Geläut“ ist vermutlich auf
den Ministranten zurückzuführen, der über seine Glocke gestolpert ist.
Liegt es in der Familie?Beim
Auszug glaubt der Journalist, „eine gehörige Erfahrung“ gemacht zu haben: „Jetzt weiß ich wenigstens,
wovon Opa und Oma immer gesprochen haben.“
Es ist nicht auszuschließen, daß Niggenabers Vorfahren ihr
religiöses Programm mit der gleichen Oberflächlichkeit und inneren Teilnahmslosigkeit absolviert haben
wie der Enkel.
Des Journalisten Fazit: „Aber auf Dauer, da bin ich mir spätestens jetzt ganz sicher,
möchte ich bei der heiligen Messe auch wieder geistig anwesend sein dürfen.“
Womit die Sache auf den
Punkt gebracht wäre:
In der Alten Messe sind Menschen anwesend, die geistig abwesend sind, während
die geistig anwesenden Neugläubigen bei ihrer Messe meistens abwesend sind. Eine tragische Alternative.