Samstag, 22. März 2008 13:33
Größer als die Rettung für ein paar Jahrzehnte irdischen Lebens, war das Wunder der Selbsthingabe. Ostern im Konzentrationslager: „Hier kannst du nur fluchen oder beten“.


Autobiographie von Prälat Hermann Scheipers
(kreuz.net) Im nationalsozialistischen Konzentrationslager gab es die Chance, die Todeshingabe Christi
am Kreuz und seine Auferstehung neu zu begreifen und in seiner Nachfolge zu akzeptieren.
Das erklärte
Prälat Hermann Scheipers (94) am 17. März auf der Webseite des Bistums Dresden-Meissen.
Der Geistliche
wurde in Ochtrup im Regierungsbezirk Münster geboren. Er ist einer der letzten überlebenden Insassen
des Priesterblocks im Konzentrationslager Dachau.
Im Jahr 1936 beendete er sein Theologiestudium in Münster
und trat ins Pastoralseminar des jungen, priesterarmen Bistums Meißen im Mitteldeutschland ein. Am 1.
August 1937 wurde Hw. Scheipers zum Priester geweiht.


Hermann Scheipers war von 1960 bis 1983 Pfarrer in der Schirgiswalder Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt
Die Verhaftung ereilte ihn am 4. Oktober 1940.
Er hatte sich als Priester offen für polnische Zwangsarbeiter eingesetzt und wollte für sie eine Heilige
Messe zelebrieren.
Im März 1941 kam er ins Konzentrationslager Dachau und wurde dort als Staatsfeind
eingestuft.
Am 27. April 1945 gelang dem Geistlichen auf einem Todesmarsch die Flucht in die Freiheit.
Im Jahr 1946 kehrte er ins Bistum Meißen zurück, wo er schon bald mit dem kommunistischen Regime der
DDR in Konflikt geriet.
1983 trat er in den Ruhestand und kehrte in das Bistum Münster zurück. Der
Prälat lebt heute in seiner Geburtsstadt.
Auf der Webseite des Bistums Dresden-Meißen erinnert er sich:
„Der Weg des Kreuzes war im Konzentrationslager vorprogrammiert“:
„»Ehrlos, wehrlos und rechtlos« –
so empfing uns der Kommandant bei unserer Einlieferung – waren wir der dämonischen Brutalität unserer
Henker ausgeliefert.“
Als Henker wirkten nicht nur die Schläger der SS, sondern auch die „Kapos“ und
die Funktionshäftlinge, das heißt, die privilegierten Mithäftlinge im Dienst der SS.
„Hier kannst
du nur fluchen oder beten“, erklärte dem Geistlichen ein Mitgefangener in den ersten Tagen der Haft.
Doch Gefahr lauerte auch von den übrigen Mithäftlingen: „Es war für mich erschreckend, daß viele
durch den Überlebenskampf selber zu Verbrechern wurden. Ich erlebte aber auch, daß viele sich in äußerste
Lebensgefahr begaben, um das Leben anderer zu retten.“
Man könne sein Überleben aus jahrelanger Haft
im Konzentrationslager als Wunder bezeichnen. Doch größer als die Rettung für ein paar Jahrzehnte irdischen
Lebens, sei das Wunder der Selbsthingabe gewesen, daß er in Dachau beim Seligen Karl Leisner, bei dem
Halbjuden und evangelischen Pfarrer Werner Sylten und bei Hw. Bernhard Wensch aus der Diözese Dresden-Meißen
angetroffen habe.
Hw. Scheipers hat die Primizmesse von Hw. Karl Leisner im Konzentrationslager miterlebt.
Im Hungerjahr 1942 geriet er mit Pfarrer Sylten auf den Invalidenblock: „Es gab absolut kein Entrinnen
mehr, wenn man auf dem Invalidenblock gelandet war.“
Von den 3.166 Häftlingen, darunter 336 Priester,
die allein im Jahr 1942 von Dachau aus nach Hartheim überstellt wurden, ist keiner seinem Schicksal entkommen.
„Nur zwei Priester wurden von da gerettet: Der Luxemburger Jean Bernard und ich“ – erinnerte sich der
Prälat.
Er überlebte durch die mutige Intervention seiner Zwillingsschwester Anna beim Reichssicherheitshauptamt
in Berlin.
Dagegen wurde Pfarrer Sylten am 12. August 1942 als „lebensunwertes Leben“ vergast.
Eine
besondere Erinnerung verbindet den Prälaten auch mit Hw. Wensch, der vor seiner Verhaftung als Jugendseelsorger
gewirkt hatte.
Im Schutz der Dunkelheit kam Hw. Bernhard Wensch zum Invalidenblock: „Er reicht mir durch
den Stacheldraht das Kostbarste, was er schenken konnte: seine Brotration für den Tag. Brot war das Einzige,
was er überhaupt noch essen konnte, denn er litt an schrecklichem Durchfall.“
Der Prälat kommentiert:
„Auch die älteren unter uns haben es längst wieder vergessen, was das bedeutet, wenn man praktisch nur
von Wassersuppen leben muß.“
„Ich hätte damals dies Stück Brot gar nicht annehmen dürfen, aber ich
ahnte nicht, wie schlimm es um meinen Mitbruder stand. Er schenkte mir sterbend sein letztes Brot.“
Zwei
Tage nach meiner wunderbaren Befreiung aus dem Invalidenblock starb er am 15. August 1942 im Krankenrevier
des Lagers den Hungertod.