Dienstag, 25. März 2008 09:51
Glücklicher Leichengeruch?
Ein atheistischer Physiker glaubt, daß die Naturwissenschaften kurz vor der Entdeckung der Weltformel stehen. Doch dann wird er vom Tsunami weggespült, den er selber rief. Ein Kommentar.
Der Christ muß dem Atheisten - wie ein Vater - die Welt erklären.
Der Christ muß dem Atheisten – wie ein Vater – die Welt erklären.
(kreuz.net) Ende Januar publizierte die katholische Zeitung ‘Tagespost’ eine Stellungnahme des Bonner Physikers und selbsterklärten Atheisten Bernd Vowinkel.

Der Atheist reagierte auf einen Beitrag über die Herausforderung des neuen, missionarischen Atheismus. Sein Beitrag steht unter dem Titel „Gott sei Dank, ich bin Atheist“.

Vowinkel ist Mitglied des Förderkreises der kirchenfeindlichen ‘Giordano-Bruno-Stiftung’. Diese bemüht sich nach Angaben Vowinkels, einen angeblichen „Schaden, den die Religionen in unserer Gesellschaft anrichten, zu reduzieren oder ganz zu verhindern“.

Bei diesem Bemühen handle es sich um eine „intellektuelle Auseinandersetzung“ mit den Vertretern der großen Religionsgemeinschaften und dem Staat, wobei der „Respekt vor den jeweiligen Personen“ gewahrt bleibe.

Vowinkel erklärt auch, daß die ‘Giordano-Bruno-Stiftung’ sich für eine weitreichende Leugnung des Lebensrechtes ungeborener Menschen, für die Tötung hilfloser Menschen und für die Stammzellenforschung einsetzt: „Wir bekennen uns mit Stolz zum Utilitarismus“.

Das sei eine Geisteshaltung, bei der angeblich der Verstand im Vordergrund stehe.

Der Utilitarismus basiert jede ethische Bewertung einer Handlung auf dem Nützlichkeitsprinzip.

Statt den Menschen ein „Seelenheil im Jenseits“ zu versprechen, hält es der Giordano-Bruno-Atheist selbstbewußt für „erheblich sinnvoller und ehrlicher“, „größtmögliches Glück für Alle im Diesseits anzustreben“.

In seinen weiteren Ausführungen versucht Vowinkel den von den ideologischen Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts konstruierten Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Glauben der Kirche in die Schuhe zu schieben:

„Wir sind hier bei dem generellen Vorwurf, den ein Teil der Philosophen und alle Theologen den Naturwissenschaftlern machen, nämlich daß sie einem Kategorienfehler unterliegen, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen, die in den Bereich der Geisteswissenschaften fallen.“

Nachdem Vowinkel seinen Papiertiger aufgebaut hat, legt er die Flinte an, um ihn abzuschießen:

„Als Naturwissenschaftler frage ich mich, ob es wohl verschiedene Wirklichkeiten – oder Wahrheiten – geben kann und wie man eventuell Zugang zu einer anderen Wirklichkeit erhält.“

Den Beweis für seine implizite Behauptung, daß die Kirche die These von der doppelten Wahrheit vertritt, bleibt Vowinkel schuldig.

Statt dessen jubelt er, daß die Geschichte der Naturwissenschaften gezeigt habe, daß häufig „als mystisch“ angesehene Vorgänge nach eingehender Forschung naturwissenschaftlich erklärt werden konnten:

„Ein Musterbeispiel ist der Vitalismus, der bis Mitte des letzten Jahrhunderts noch viele Anhänger hatte.“

Der Vitalismus ist eine Lehre, die erklärt, daß Physik und Chemie nicht genügen, um Lebensprozesse zu erklären.

Was Vowinkel verschweigt: Der Vitalismus war eine Theorie der Naturwissenschaft, nicht der Kirche.

Dann kommt er auf die Evolutionstheorie zu sprechen. Diese werde mittlerweile sogar vom Vatikan anerkannt, „zwar nicht aus Einsicht, sondern weil der Druck der Fakten einfach zu groß wurde und man nicht zu dumm dastehen wollte.“

Bezüglich der Entstehung der Welt habe sich die Urknalltheorie erhärtet – so Vowinkel weiter: „Der Vatikan sieht nun notgedrungen im Urknall den Schöpfungsakt.“

Obwohl die Entstehung der Welt noch nicht restlos geklärt sei, könne man schon jetzt sagen, daß die Physiker keinen Gott bräuchten, um diesen Vorgang zu verstehen.

In der Physik sei bereits die Vereinheitlichung von drei der vier grundlegenden Naturkräfte gelungen:

„Gelingt auch noch die Einbeziehung der Gravitationskraft, so wären wir vermutlich in der Lage, die Physik der Welt von Anfang bis zum Ende zu verstehen.“

Man beachte die Qualifizierung dieser Aussage mit dem Wort „vermutlich“.

Seinem leuchtenden Bild der Naturwissenschaften stellt Vowinkel die finstere Ausbeute der Philosophie entgegen:

Was passieren könne, wenn sich Philosophen ohne grundlegende Kenntnisse der Naturwissenschaft auf dieses Gebiet begeben, sieht er am Beispiel des atheistischen deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas (78).

In seinem Essay „Die Zukunft der menschlichen Natur“ habe er sich über die Gentechnik ausgelassen und deren Auswirkungen angeprangert.

Dieses Essay sei ein glänzendes Beispiel dafür, wie ein Intellektueller sich bemüht, uns allen die Zukunft zu verdunkeln – zitiert Vowinkel einen Rezensenten des Werkes.

Vowinkels Fazit: „Wir müssen nicht Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft stärker voneinander trennen, sondern die vorhandene Trennung reduzieren.“

Doch die Wirklichkeit, die von der Theologie vertreten werde, biete ein „jämmerliches Bild“. Sie werde immer weiter von den Naturwissenschaften zurückgedrängt.

Dann erwähnt er einen in ‘Die Tagespost’ geäußerten Kritikpunkt, wonach der sogenannte neue Atheismus auf einen Mindeststandard des vernünftigen Argumentierens verzichte.

Diese Feststellung erzürnt Vowinkel sichtbar. Entsprechend billig und diffamierend ist sein Gegenargument:

„Wir sehen ein solches Argument als reinen Hohn an, da sie doch von einem Fürsprecher einer Religionsgemeinschaft kommt, die über Jahrhunderte hinweg vernünftig Denkende in Kerker gesperrt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat.“

Dann flüchtet er sich in Slogans: „Die Wirklichkeit der Theologie beruht eben nicht auf objektiven Fakten und der Vernunft, sondern auf reinem Wunschdenken. Dogmatismus ist in Beton gegossenes Wunschdenken.“

Mit anderen Worten: Alle Theologen sind und waren – gemessen am klugen Vowinkel – grundsätzlich und immer dahergelaufene Vollidioten.

Vowinkel ist sich dieser Erkenntnis so sicher, daß er sich eine Begründung erspart, in den nächsten Garten hüpft und dort über „spirituelle Erfahrungen“ doziert.

Diese würden nach „neueren Ergebnissen“ der Hirnforschung im Gehirn in einer bestimmten Region im Schläfenlappen des Großhirns erzeugt – verkündet er großspurig:

„Man kann sie inzwischen sogar über Hochfrequenzfelder oder Elektroden von außen erzeugen“ – erklärte er und verfehlt dabei die saubere Unterscheidung von objektiver Ursache und subjektiver Wirkung.

Nächstes Thema: der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer († 1860).

Mit ihm hält Vowinkel das Mitleid als Grundlage aller Ethik: „Dieser Ansatz ist recht gut mit dem heutigen Stand der Hirnforschung vereinbar“ – behauptet er:

„Aufgrund unseres Vorstellungsvermögens leiden wir mit anderen mit und erlangen dadurch die Motivation das Leid abzuwenden.“

Das Mitleiden könne „mit bildgebenden Verfahren“ auch nachgewiesen werden – gibt er an.

Es hänge unter anderem von den Genen, dem Hormonhaushalt und dem persönlichen Erfahrungsschatz ab: „Das Mitleid geht dabei über den Einzelfall hinaus und kann durchaus als Grundlage einer universalen Ethik dienen.“

Nicht so die christliche Ethik. Deren Grundlage sei „die Belohnung im Jenseits oder die Verdammung“ – verurteilt Vowinkel, obwohl er sich kurz zuvor als der Glückssteigerung verpflichtete Utilitarist vorgestellt hat.

Jetzt unterstellt er der von ihm vulgär-utilitaristisch verdrehte christliche Ethik überraschend „niedrige Beweggründe“.

Vowinkel beschließt seinen Artikel – nächstes Thema – mit einer Polemik gegen den Glauben an einen absolut gerechten Herrn, der über allen irdischen Herren steht:

„Wenn aber Gott allmächtig und gerecht ist, warum hat er dann am 26. Dezember 2004 mit einem Tsunami 231.000 Menschen vernichtet?“

Wieder erstaunt der Versuch des Naturwissenschaftlers, auf die emotionale Ebene abzulenken, statt sachlich und kühl die hier entscheidenden Fragen zu stellen:

1. Inwiefern ist ein Tsunami ein Argument gegen die Allmacht Gottes?

2. Inwiefern ist ein Tsunami ein Argument gegen die Gerechtigkeit Gottes?

Denn es ist offensichtlich, daß ein allmächtiger Gott der Menschheit keine Erklärung seiner Gerechtigkeit schuldet – noch braucht sich die Menschheit anzumaßen, die Gerechtigkeit des allmächtigen Gottes zu beurteilen.

Doch Vowinkel zupft die alte Leier: „Wenn es den christlichen Gott tatsächlich geben sollte, so muß er angesichts des Elends auf unserem Planeten entweder unfähig oder böswillig und ungerecht sein.“

Warum? Wie will Vowinkel einen Sachverhalt beurteilen, von dem er das Ende nicht kennt?

Das Christentum hat nie behauptet, daß sich die Gerechtigkeit auf dieser Welt erfüllt. Eine solche Behauptung wäre angesichts der manifesten Ungerechtigkeiten dieser Welt auch völlig lächerlich.

Statt hier weiterzudenken, flüchtet sich Vowinkel in einen unerleuchteten Atheismus:

„Wirklich überzeugend ist für rational Denkende aber nur eine Lösung des Widerspruchs: Es gibt den allmächtigen, absolut gerechten Gott gar nicht. Gott sei Dank, ich bin ein Atheist.“

Was Vowinkel übersieht: Damit ist der Widerspruch nicht gelöst, sondern zum Fundament aller Wirklichkeit erhoben.

In Vowinkels kleiner Welt krepieren die Armen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ohne Gerechtigkeit und Hoffnung vor sich hin, während satte, unterbeschäftigte Atheisten der reichen Ländern vom „größtmöglichen Glück für Alle im Diesseits“ schwafeln.

Der Tsunami ist kein Argument gegen Gott, sondern gegen den Atheismus.

In den Ohren der Kinder, die in den Fluten des südostasiatischen Meeres ersoffen sind, klingt Vowinkels „größtmögliches Glück“ wie blanker Hohn.
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