Mittwoch, 26. März 2008 09:44
Außerdem braucht es hundert Jahre, um die angeblichen Ergebnisse des Zweiten Vatikanums umzusetzen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz im Interview.

Zweites Vatikanisches Konzil
(kreuz.net) Am 22. März sprach der Journalist der deutschen Tageszeitung ‘Die Welt’, Gernot Facius, mit
dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Mons. Robert Zollitsch von Freiburg. Es ging dabei um
verschiedene Themen.
Auf den eklatanten Rückgang des Kirchenbesuches in Deutschland – von 22% im Jahr
1990 auf noch 14% heute – angesprochen, antwortete Erzbischof Zollitsch unter anderem:
„Es hängt vieles
davon ab, wie ansprechend wir die Gottesdienste gestalten, wie einladend sie sind.“
Vielleicht habe man
zuwenig versucht, die Begeisterungswelle nach der Papstwahl und dem Kölner Weltjugendtag weiterzuführen,
wendet der Journalist ein.

Erzbischof Zollitsch von Freiburg
Der Erzbischof antwortet: „Wir haben nach dem Weltjugendtag in unserer Erzdiözese
Freiburg ein Jahr der Berufung ausgerufen. Ein Ergebnis war, daß wir im Jahr darauf doppelt so viele
Neuaufnahmen an Priesterkandidaten hatten wie im Jahr zuvor.“
Dann wird der Erzbischof von Facius darauf
hingewiesen, daß in Deutschland seit dem Jahr 1972 jährlich mehr Katholiken bestattet als getauft werden.
Auch dafür hat Mons. Zollitsch eine Erklärung auf Lager: „In Deutschland werden zu
wenige Kinder geboren.
Das ist einer der Hauptgründe, daß die Zahl der Katholiken zurückgeht.“
Darum müsse die Kirche in
der Gesellschaft missionarisch präsent sein: „Da können wir uns an Amerika ein Beispiel nehmen.“
Dort
sei es selbstverständlicher, über Glauben und Religionszugehörigkeit zu reden: „Bei uns ist das fast
schon eine intime Frage.“
„Ohne das Konzil wären die Probleme, die wir haben, viel, viel stärker“Doch
dann rückt der Journalist dem Problem näher an den Pelz und fragt: „Sind die Erosionserscheinungen im
deutschen Katholizismus eine Folge des nicht hinreichend aufgearbeiteten Zweiten Vatikanischen Konzils?“
Der Erzbischof erklärt, selber zur „Konzilsgeneration“ zu gehören und im Jahre 1965, dem Abschlußjahr
des Konzils, zum Priester geweiht worden zu sein:
„Ich habe mit Freude und auch mit Begeisterung verfolgt,
was dieses Konzil für die Theologie, die Liturgie gebracht hat.“
Das Konzil habe viele Fragen aufgegriffen,
die da gewesen seien. Man habe „nach vorne“ geschaut.
In der Umsetzung sei freilich manches „zum Teil“
mit Übereifer geschehen. Doch der Erzbischof hat Verständnis: „Damit mußte man rechnen.“
Jedes „große
Konzil“ habe eine Gruppe von Menschen zurückgelassen, die nicht mitgegangen seien: „Das ist eine Last,
die uns bedrückt.“
Mons. Zollitsch hält das Zweite Vatikanum für ein „großes Geschenk“ für die Kirche:
„Ohne das Konzil wären die Probleme, die wir haben, viel, viel stärker.“
Allerdings brauche die Umsetzung
eines Konzils in der Regel nicht fünfzig, sondern an die hundert Jahre: „Wir haben noch viel zu tun,
die Ergebnisse des Zweiten Vatikanums umzusetzen.“
Der Erzbischof nannte zu dieser Aussage keine Beispiele.
Außerdem wurde er von Gernot Facius nicht auf die Frage angesprochen, mit welchem Kirchenbesuch er nach
Ablauf dieser Frist noch rechne.
Keine liturgischen ProblemeMit dem Motu Proprio ‘Summorum Pontificum’
habe der Papst zeigen wollen, alles zu versuchen, um eine definitive Kirchenspaltung zu vermeiden:
„Aber
ich fürchte, dieses Versöhnungsziel werden wir leider Gottes nicht erreichen.“
Faktisch sei die Nachfrage
nach der Alten Messe in der Kirche
viel, viel kleiner, als es in der Diskussion aussehe.
Auf die Frage,
ob „Nachlässigkeiten in der Feier der Liturgie“ den Wunsch nach dem Alten Ritus verstärkt hätten, gibt
sich der Erzbischof wirklichkeitsfremd:
„Natürlich kann ich nicht ausschließen, daß in Einzelfällen
die Feier der Liturgie nicht in jeder Hinsicht dem entspricht, was ihre tiefste Bedeutung und Würde ausmacht,
und damit gelegentlich zu Unzufriedenheit führt.“
Davon einmal abgesehen, erlebe und erfahre er jedoch
den größten Teil unserer Gottesdienste als „würdevoll“.
Zur Frage des militanten Atheismus glaubt
Mons. Zollitsch, daß eine Gefahr besteht, daß das, was man Ehrfurcht vor der Religion, vor der Überzeugung
des anderen nennt, verblaßt:
„Wir sind in dieser Hinsicht zu gleichgültig und vielleicht auch zu großzügig
geworden.“
Er sei nicht dafür, daß man jedes Wort ständig auf die Goldwaage legen müsse: „Aber es
müßte im Umgang miteinander durchaus mehr Ehrfurcht, mehr Respekt vor der religiösen Überzeugung des
anderen zum Ausdruck kommen.“
Das deutsche Staatskirchenrecht sieht Mons. Zollitsch nicht in Gefahr:
„Weil sich zeigt, daß es sich bewährt hat.“
Für die deutsche Demokratie ist der Erzbischof „dankbar“.
Er kämpfe dafür, daß die Menschen zu den Wahlen gingen.
Zur Verfaßtheit der protestantischen Gemeinschaften
erklärt er schließlich: „Die evangelische Kirche ist theologisch gesehen nicht im gleichen Sinne Kirche
wie wir, und sie will es in diesem Sinne auch nicht sein.“
„Zu meinem theologischen Verständnis von
Kirche gehört, daß Kirche eine sichtbare Gemeinschaft ist, daß sie durch das Amt geprägt ist, daß
sie die Vollzahl der Sakramente hat“ – wiederholt der Erzbischof die Definition der Kirche, wobei er das
gemeinsame Glaubensbekenntnis vergißt.
Diesen Unterschied müsse man sehen.
Etwas anderes sei die soziologische
Sicht: „Unter diesem Aspekt kann ich ihr das Kirchesein nicht absprechen.“
Der Begriff „Kirche“ ist kein
Terminus der Soziologie.
© Bild Erzbischof Zollitsch: GNU-Lizenz