Mittwoch, 26. März 2008 18:44
Der Beruf des Priesters stinkt
Ein Mißbrauchsopfer berichtet. Und macht sich Gedanken über das sinkende Ansehen des Priesterberufs. Der Text hätte eine Anklage werden können. Von einem Ex-Priester für das ‘Vatican Magazine’.
Heute ist der Priesterberuf verachtet.
Heute ist der Priesterberuf verachtet.
(kreuz.net) Der Priester von früher sah aus wie Don Camillo, manchmal auch wie Pius XII. Die Leute mochten ihn. Sie gingen für ihn durchs Feuer. Ein Pfarrer, ein Geistlicher, ein Priester zu sein – das war einmal der angesehenste Beruf der Welt.

Längst ist der Pfarrer im Mittelfeld der Rankings versackt. Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten, Hochschullehrer haben ihn an Ansehen überholt. Das liegt nicht an übler Nachrede, nicht Überforderung, nicht an schlechter Ausbildung und schon gar nicht der viel gescholtenen Säkularisierung.

Es liegt an Nachrichten aus Wien, St. Pölten, Boston, St. Louis, Regensburg und neuerdings wieder Rom, die das Wort „Priester“ zu einem Synonym der Schande gemacht haben.

Die ehemals hohe Reputation der Gottesmänner wurde auf eine skandalöse Weise verspielt.

Einst war der Priesterberuf geachtet
Einst war der Priesterberuf geachtet
Vor vierzehn Tagen verließ ich mit einem jungen Familienvater den Gottesdienst. Er raunte mir zu: „Gott sei Dank sind meine Kinder keine Ministranten, bevor sie so einem in die Finger fallen.“

So weit ist es gekommen mit den Priestern. Man verachtet sie, verdächtigt sie, meidet sie, warnt vor ihnen – und manchmal leider zu Recht.

Dennoch weigere ich mich, in den Chor derer einzustimmen, die immer lauter rufen: „Hört doch endlich auf. Laßt es mit dem Zölibat. Es ist doch mit Händen zu greifen, wohin das führt!“

Ich habe ganz andere Gedanken: Ich glaube nicht, daß es sich die Kirche leisten kann, auf die Lebensform Jesu zu verzichten.

Ich halte es für puren Unglauben zu behaupten, Jesu Einladung in die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sei nur mal so eine Idee, deren reale Durchführbarkeit modernen Menschen praktisch, sexualtechnisch und überhaupt nicht zugemutet werden könne.

Novemberausgabe des 'Vatican-Magazin'
Novemberausgabe des ‘Vatican-Magazin’
Ich hätte Angst vor einer Kirche, in der Funktionäre die Priester ersetzen, in der diplomierte Gottesspezialisten mit tariflicher Absicherung am Altar stehen, einer Kirche, deren zentrale Protagonisten nur noch auf Wissen und nicht mehr auf Hingabe abgecheckt wurden.

Mir schaudert vor einer Kirche, die, statt auf Apostel, auf Beamte gebaut ist. Ich sage das auch in Hinsicht auf die ökumenischen Implikationen einer solchen Aussage, weil es glücklicherweise einen Dietrich Bonhoeffer und andere gab und gibt.

Ich habe Verbrecher im Priesterrock erlebt, aber auch die bedeutendsten, verehrungswürdigsten und größten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe.

Ich halte dafür, daß das eine vom anderen unterschieden werden kann.

Obwohl ich eine sehr eigene Geschichte habe, ziehe ich heute – es war nicht immer so – den Hut vor Männern, die aus freien Stücken und Liebe zu Gott Priester werden. Jetzt noch, in dieser Stunde der Kirche.

Sie wählen – um es mit Charles de Foucauld zu sagen – den „letzten Platz“. Sie ziehen, wie einst Mutter Teresa, das Kleid der Toilettenputzerinnen an. Sie begeben sich zu den Verachtetsten der Verachteten. Der Beruf des Priesters stinkt.

Ihn trotzdem wählen? Ja, denn das ist eine der Paradoxien der Erlösung, denen die Gnosis nie Verständnis entgegenbrachte: Gott selbst hat sich mit dem Gestank der Sünde identifiziert.

In seiner Passion ging er an den Ort, an dem ihn sein eigener Vater nicht mehr anschauen mochte. Heute Priester werden, das ist ein Weg in die Passion.

Der Beitrag erschien ursprünglich im ‘Vatican Magazine’.

Nächstes Mal: Der Zölibat ist kompletter Irrsinn
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