Donnerstag, 10. April 2008 09:52
Das Interview, das nicht veröffentlicht wurde
Der Text stammt aus dem Jahr 1978. Damals konnten massive Drohungen der US-Bischöfe verhindern, daß er publiziert wurde. Der erste Teil des Original-Interviews.
Pater Pio küßt den Ring Erzbischof Lefebvres.
Pater Pio küßt den Ring Erzbischof Lefebvres.
(kreuz.net) Der französische Missions-Erzbischof Marcel Lefebvre († 1991) ist als Widerstandskämpfer gegen das Zweite Vatikanische Konzil in die Kirchengeschichte eingegangen.

Im Jahr 1978 sprach eine führende katholische Zeitung der Vereinigten Staaten mit dem Erzbischof. Die US-Bischofskonferenz drohte beim Abdruck des Interviews mit der Exkommunikation des Herausgebers und mit der Auflösung der Zeitung. Das Interview wurde nicht veröffentlicht.

Eine bearbeitete Version des Gesprächs wurde im Juli 1988 von der US-Wochenzeitung ‘Spotlight’ veröffentlicht. Kürzlich publizierte die Webseite ‘catholicapologetics.info’ das Original-Interview.

Sie haben an den Beratungen des Zweiten Vatikanums teilgenommen?

Ja.

Haben Sie dessen Dokumente unterzeichnet und den Konzilsbeschlüssen zugestimmt?

Ich habe wegen der letzten zwei Sitzungsperioden nicht alle Dokumente des Zweiten Vatikanums unterschrieben – als erstes Dokument jenes, das sich mit „Religion und Freiheit“ befaßt. Das andere – das von der „Kirche in der modernen Welt“ – habe ich ebenfalls nicht unterschrieben. Dieses Dokument ist nach meiner Auffassung am meisten am Modernismus und Liberalismus ausgerichtet.

Ist es aktenkundig, daß Sie die Dokumente nicht nur nicht unterschrieben haben, sondern auch dagegen protestiert haben?

Ja. In einem von mir in Frankreich veröffentlichten Buch beschuldige ich das Konzil, bei diesen Erlässen geirrt zu haben. Ich habe auch jene kirchlichen Dokumente vorgelegt, aufgrund derer ich die Position des Konzils – besonders in den beiden Beschlüsse über die Religionsfreiheit und „Die Kirche in der modernen Welt“ – angreife.

Warum waren Sie gegen diese Beschlüsse?

Weil diese zwei Dokumente von der liberalen Ideologie inspiriert sind, die frühere Päpste als religiöse Beliebigkeit beschrieben haben, wie sie von Freimaurern, Humanisten, Modernisten und Liberalen verbreitet wurde.

Was haben Sie dagegen?

Diese Ideologie sagt, daß alle Kulturen gleich sind. Alle Religionen sind gleich, Sie geht davon aus, daß es nicht einen einzigen und alleinigen Glauben gibt. All das führt zu Mißbrauch und einer Perversion der Gedankenfreiheit. Diese Entartungen der Freiheit, die alle Päpste durch die Jahrhunderte verurteilten, wurden nun vom Zweiten Vatikanischen Konzil angenommen.

Wer hat diese Resolutionen eingebracht?

Ich denke, es gab eine Anzahl Kardinäle mit ihren theologischen Beratern, die mit den liberalen Ideen einverstanden waren.


Wer zum Beispiel?

Kardinal [Augustin] Bea [ein deutscher Jesuit], Kardinal [Leo] Suenens [von Mechelen-Brüssel], Kardinal [Joseph] Frings [von Köln], Kardinal [Franz] König [von Wien]. Sie trafen sich bereits vor dem Konzil, um diese Beschlüsse zu diskutieren. Es war ihr ausdrückliches Ziel, einen Kompromiß mit der säkularen Welt einzugehen und freimaurerische und modernistische Ideen in die Kirchenlehre einzuführen.

Gab es auch US-Kardinäle, die diese Ideen und Beschlüsse unterstützten?

Ich habe deren Namen gerade nicht präsent, aber es gab einige. Tatsache ist, daß eine führende Kraft für diese Beschlüsse Pater Murray war.

Meinen Sie [den US-Jesuiten]Pater John Courtney Murray [† 1967]?

Ja.

Welche Rolle hat er gespielt?

Er war während der Beratungen und bei der Erstellung der Konzilsdokumente sehr aktiv.

Haben Sie den Papst [Paul VI.] Ihre Befürchtungen und Sorgen bezüglich der Dokumente wissen lassen?

Ich habe schon vor dem Konzil mit dem Papst gesprochen. Ich habe drei öffentliche Interventionen gemacht und im Sekretariat des Konzils zwei weitere ausgefüllt. Es waren also insgesamt fünf Interventionen gegen die Beschlüsse des Zweiten Vatikanums.

Die Opposition gegen die Resolutionen hat dazu geführt, daß der Papst versuchte, eine Kommission zu gründen, um die gegnerische Partei beim Konzil zu versöhnen. Die Kommission sollte aus drei Mitgliedern bestehen. Ein Mitglied sollte ich sein.

Als die liberalen Kardinäle erfuhren, daß ich Teil der Kommission sein sollte, gingen sie zum Heiligen Vater und sagten ganz offen, daß sie diese Kommission nicht akzeptierten und daß sie meine dortige Anwesenheit nicht wollten. Der Druck auf den Papst war so groß, daß er diese Idee aufgab.

Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um die Beschlüsse zu stoppen, die ich als dem katholischen Glauben widersprechend und als zerstörerisch für ihn betrachte. Das Konzil wurde auf legale Weise versammelt. Aber es hatte den Zweck, diese Ideen durchzusetzen.

Gab es Kardinäle, die sie unterstützten?

Ja, Kardinal [Ernesto] Ruffini [von Palermo], Kardinal [Guiseppe] Siri [von Genua] und Kardinal [Antonio] Caggiano [von Buenos Aires].

Gab es Bischöfe, die Sie unterstützten?

Ja. Viele Bischöfe unterstützten meinen Standpunkt.

Wie viele Bischöfe?

Mehr als 250 Bischöfe. Sie schlossen sich in einer Gruppe zusammen mit dem Ziel, den wahren katholischen Glauben zu verteidigen.

Was ist mit diesen Unterstützern passiert?

Einige sind tot. Andere sind über die ganze Welt verstreut. Einige unterstützen mich in ihren Herzen. Aber sie befürchten, ihre Position zu verlieren, die für sie zu einem späteren Zeitpunkt nützlich sein könnte.

Gibt es auch jemanden, der Sie heute [im Jahr 1978] unterstützt?

Ja. Zum Beispiel Erzbischof [Arrigo] Pintonello von Italien, Bischof [Antônio] de Castro Mayer von Brasilien. Viele andere Bischöfe und Kardinäle kontaktieren mich oft, um ihre Unterstützung zu bekunden. Sie wünschen aber bis zu diesem Zeitpunkt, anonym zu bleiben.

Was ist mit den Bischöfen, die nicht liberal sind, Sie aber trotzdem ablehnen und kritisieren?

Ihre Ablehnung beruht auf einem falschen Gehorsamsverständnis gegenüber dem Papst. Dieser Gehorsam, der auf den ultramontanen Gehorsam des letzten Jahrhunderts zurückgeht, ist vielleicht gut gemeint. Er war in jenen Tagen gut, weil die Päpste gut waren. Heutzutage ist das ein blinder Gehorsam, der mit der Praxis und Annahme des wahren katholischen Glaubens wenig zu tun hat.

An diesem Punkt ist es wichtig, die Katholiken auf der ganzen Welt daran zu erinnern, daß der Gehorsam gegenüber dem Papst nicht die oberste Tugend ist.

Die Hierarchie der Werte beginnt mit den drei theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sie werden von den vier Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Klugheit und Stärke gefolgt.

Der Gehorsam ist von der Tugend der Gerechtigkeit abgeleitet. Er ist also weit vom ersten Rang der Hierarchie der Tugenden entfernt.

Einige Bischöfe möchten nicht den kleinsten Eindruck erwecken, daß sie gegen den Heiligen Vater sind. Ich verstehe das gut. Das ist offensichtlich sehr unangenehm, wenn nicht sehr schmerzvoll.

Ich mag gewiß nicht im Widerstand gegen den Heiligen Vater sein, aber ich habe keine Wahl, wenn ich das sehe, was derzeit aus Rom zu uns kommt, der katholischen Lehre entgegensteht und für Katholiken unakzeptabel ist.

Gehen Sie davon aus, daß der Heilige Vater diese Ideen akzeptiert?

Ja, das tut er. Aber das ist nicht nur der Heilige Vater. Das ist ein ganzer Trend. Ich habe erwähnt, daß einige Kardinäle von diesen Ideen ergriffen sind. Vor mehr als einem Jahrhundert haben Geheimorganisationen, Freimaurer, Humanisten, Modernisten und andere, von denen wir jetzt Texte und Beweise haben, ein vatikanisches Konzil vorbereitet, in dem sie ihre Ideen für eine humanistische Kirche infiltrieren wollten.

Glauben sie, daß einige Kardinäle Mitglieder solcher Geheimorganisationen sein könnten?

Ob sie es sind oder nicht, ist an diesem Punkt keine besonders wichtige Frage. Sehr wichtig und schwerwiegend ist, daß sie im wesentlichen so handeln, als ob sie Agenten oder Diener humanistischer Geheimorganisationen wären.

Glauben Sie, daß diese Kardinäle solche Ideen freiwillig übernommen haben? Oder sind sie falsch informiert worden? Wurden sie hintergangen oder ist es eine Kombination von allem?

Ich glaube, daß sich humanistische und liberale Ideen durch das 19. und 20. Jahrhundert hinweg verbreitet haben. Diese säkularen Anschauungen sind überall zu finden, in der Politik genauso wie in der Kirche.

Diese Ideen sind in die Seminare und in die ganze Kirche eingedrungen. Heute wacht die Kirche auf und findet sich selbst in einer liberalen Strickjacke.

Das ist der Grund, warum man liberale Einflüsse findet, die während der letzten zwei Jahrhunderte durch alle Gesellschaftsschichten in die Kirche vorgedrungen sind. Das Zweite Vatikanische Konzil wurde von Liberalen ins Leben gerufen. Es war ein liberales Konzil. Der Papst ist liberal und jene, die um ihn herum sind, sind Liberale.

Glauben Sie, daß der Papst ein Liberaler ist, obwohl er sich nie als Liberaler deklariert hat?

Der Papst hat nie gesagt, daß er nicht liberal sei.

Wann hat der Papst gezeigt, daß er liberal ist?

Der Papst beweist bei vielen Gelegenheiten, daß er die modernistischen Ideen für gut hält und daß er für einen Kompromiß mit der Welt ist. Er sagt selber, daß es notwendig sei, eine Brücke zwischen der Kirche und der säkularen Welt zu schlagen.

Er hat gesagt, daß es notwendig sei, humanistische Ideen zu akzeptieren und zu diskutieren sowie Dialoge zu führen. An diesem Punkt, ist es wichtig zu klären, daß Dialoge der katholischen Glaubenslehre widersprechen.

Denn es ist die Voraussetzung bei Dialogen, daß zwei gleichwertige, sich widersprechende Teile zusammenkommen. Deshalb können Dialoge keinenfalls etwas mit dem katholischen Glauben zu tun haben.

Wir sehen unseren Glauben als den einen wahren Glauben in der Welt. Diese ganze Verdrehung endet in Kompromissen, welche die Kirchenlehre zerstören – zum Unglück für die Menschheit und genauso für die Kirche.
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