Mittwoch, 20. Oktober 2004 12:09
Bischof Ivo Fürer im Gespräch mit dem St. Galler Tagblatt.

(kreuz.net) Offensichtlich einen Praktikanten – sein Name wird mit René Scheu angegeben – hat das St.
Galler Tagblatt, eine Lokalzeitung im Schweizerischen Bodenseeraum, vorbeigeschickt, um den dortigen Diözesanbischof,
Dr. Ivo Fürer, zu befragen. Des Herrn Scheu Anrede läßt „Seine Exzellenz, den Bischof“ kleinbürgerlich
zum „Herrn Fürer“ zusammenschmelzen.
„Herr Fürer“ wird vom Praktikanten zu verschiedenen Themen befragt:
die Jugend, das Image der Kirche, die Ökumene und der Papst. Der Bischof von St. Gallen ortet die Probleme
in der Starrheit der veralteten liturgischen Formen, in einer Phantasielosigkeit der Kirche, in der pastoralen
Unverbindlichkeit und im angeblichen römischen Zentralismus.
„Die Kirche hat bei vielen Menschen – und
nicht nur bei jungen – zweifellos ein wenig attraktives oder gar schlechtes Image“, meint der Bischof
im Interview und führt das auf die Vergangenheit zurück, obwohl er betont, daß sich die Zeiten geändert
haben:
„In der Vergangenheit fühlten sich viele Menschen von der Kirche bevormundet. Das Image einer
starren Institution blieb an ihr teilweise haften. Doch haben sich die Zeiten geändert und mit ihr die
Kirche. Das schlechte Image aus früheren Tagen scheint sie aber noch immer zu begleiten – zu Unrecht,
wie ich meine. Hier gibt es noch viel für uns zu tun.“
Bischof Fürer ortet das Problem in veralteten
Formen und kirchlicher Phantasielosigkeit, welche die Jugendlichen vom Gottesdienstbesuch abhalten: „Viele
beklagen sich, daß die Jungen nicht mehr in die Kirche gehen. Gleichzeitig haben sie jedoch kein Verständnis
dafür, wenn einmal eine Rockgruppe in einem Gottesdienst mitwirkt. Wir sollten von den Jungen nicht fordern,
daß sie sich einer alten Welt anpassen. Sie haben ihre eigenen Interessen und Ausdrucksformen. Uns mangelt
es da wohl manchmal an Phantasie.“
Die Unverbindlichkeit der modernen Kirche, die sich scheut, Verantwortung
für das Leben der Menschen zu übernehmen, trage dazu bei, daß die Kirche für Jugendliche nicht attraktiv
ist: „Die Kirche ist jedoch immer noch geprägt von der Festigkeit vergangener Tage. Hier muß sie sich
unbedingt mehr auf die Jungen zubewegen. Andererseits ist es aber auch so, daß immer mehr Jugendliche
sich danach sehnen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben jemand anderem zu übergeben. Für diese
Menschen ist unsere Kirche schon wieder zu unverbindlich.“
In diesem Zusammenhang kommt der Bischof auch
auf den Fundamentalismus zu sprechen: „Auf Fundamentalismus im Sinne einer Ideologie treffen wir vor allem
in Gemeinschaften, in denen ein Guru jedem genau sagen kann, was man tun muß, um in den Himmel zu kommen.
Fundamentalistischem Denken hingegen können wir überall begegnen, wo jemand versucht, seine Aneignung
der Bibel absolut zu setzen. Die Übergange sind hier freilich oft fließend.“
Zugleich aber wehrt sich
Bischof Fürer gegen eine Bagatellisierung der Eucharistie: „Es gab jüngst die Diskussion über die Feier
des ökumenischen Gottesdienstes. Für mich ist es eine Bagatellisierung der Eucharistie, wenn man behauptet:
Das alles spielt keine Rolle, Hauptsache wir kommen in Erinnerung an Jesus zusammen und feiern Gemeinschaft.
Denn ich glaube, daß Jesus in der Eucharistie wirklich unter uns ist – das ist für mich die
tiefste
Erfahrung von Gemeinschaft mit dem Auferstandenen.“
Auf die Ökumene angesprochen, vertritt Bischof Fürer
die Vorstellung einer „Ökumene der Differenzen“: „Es gibt zwei Möglichkeiten, einander näher zu kommen.
Wir können die Gemeinsamkeiten stärker betonen und nichts sagen, womit die je andere Kirche nicht leben
kann.
Oder wir können die Differenzen betonen und in guter christlicher Tradition versuchen, diese verschiedenen
Gaben Gottes einander mitzuteilen. Ich ziehe den zweiten Weg vor. Konkret: Die evangelische Kirche muß
katholischer werden, etwa im Verständnis der Sakramente. Und die katholische Kirche muss evangelischer
werden, indem sie sich etwa deren Nähe zur Bibel aneignet.“
Das Interview endet mit einem Angriff auf
Rom: „Die jetzigen zentralistischen Tendenzen sind da sicher kein guter Weg. Es müßte auf verschiedenen
Ebenen mehr Entscheidungsmöglichkeiten geben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dafür Grundlagen gelegt.
In der Praxis sind wir aber noch nicht so weit. Ich bin aber überzeugt, daß das Papsttum zur Kirche
gehört.“