Dienstag, 15. April 2008 11:39
Jahrhundertelang unangefochten
In Schulbüchern und Lernmaterialien werden zum Thema Juden und Mittelalter weiterhin Klischees und Schwarz-weiß-Malerei verbreitet. Von Hubert Hecker.
Symbolfoto
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(kreuz.net) Zum Thema Juden im Mittelalter heißt es in einem älteren, aber immer noch gängigen Schulgeschichtsbuch für die Sekundarstufe I in Deutschland: „Der spitze Judenhut und die gelbe Kleidung (sic!) sonderten die Juden trotz ihres Reichtums auch äußerlich vom christlichen Bürgertum ab.“

Eine solche Darstellung der Zustände ist „nicht nur fachlich fehlerhaft, sondern enthält einen langjährig gehegten antijudaistischen Topos: das Bild des reichen Juden, der aus der städtischen Gemeinschaft ausgeschlossen blieb“ – schreibt der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main, Georg Heuberger, in einem Heft der Pädagogischen Schriftenreihe seiner Einrichtung:

„Das Thema Juden und Mittelalter ist bestens dazu geeignet, vorherrschende Klischees zu bekräftigen: das Mittelalter als ‘dunkle Epoche’, die für die Juden nichts als Verfolgung und Vernichtung gebracht hätte.“

Wie sich dieses Klischee in den Köpfen von Schülern festsetzt, kann man aus einem Schülerprojekt der Lahntalschule Biedenkopf in Hessen ersehen.

Dort schreiben Achtkläßler zum Thema Juden: „Im gesamten Mittelalter waren Judenverfolgungen in christlichen Ländern an der Tagesordnung. In ganz Europa grenzte man die Juden aus.“

Solchen Unsinn einer tagtäglichen Judenverfolgung im Zeitraum von tausend Jahren Mittelalter präsentiert die Schule auf ihrer Internetseite – ohne daß den betreuenden Lehrern so ein Phantasiegespinst auffällt.

Sogar einige staatliche Leitmedien für Geschichtspolitik schüren diesen historischen Verfolgungswahn – wie etwa eine Schrift der brandenburgischen ‘Landeszentrale für politische Bildung’:

„Mittelalter und Renaissancezeit waren für die Juden der meisten europäischen Länder ein Schrecken ohne Ende.“

Als Rädelsführer für diese angebliche Schreckensherrschaft werden geistliche und weltliche Dunkelmänner ausgemacht, die dem „durch und durch abergläubischen Menschen des Mittelalters“ die Juden als „Dämonen in Menschengestalt“ präsentierten, dem „alles nur denkbar Böse zugetraut“ werden sollte.

2000 Jahre christlicher Antijudaismus
Gegen diese Reduzierung der Juden auf eine gesichtslose, ausgegrenzte oder gar dämonisierte Opfergruppe protestiert Georg Heuberger ganz energisch.

Zwar habe es im Zusammenhang mit Kreuzzügen und Pest verschiedene Pogrome gegen die mitteleuropäischen Judengemeinden gegeben.

Dagegen stehe aber die jahrhundertelange relativ unangefochtene Stellung der Juden in der christlichen Gesellschaft Europas gewissermaßen als die Normalität der Beziehung.

Napoleon wertet die Juden auf. Druck von 1804.
Napoleon wertet die Juden auf. Druck von 1804.
Ab 1150 lebten die Frankfurter Juden etwa drei Jahrhunderte gutnachbarlich im zentralen Viertel der Stadt zwischen dem Dom und dem Main.

Heuberger hebt die Bedeutung der Juden für die mittelalterliche Wirtschaft hervor sowie die Tradierung von Wissen auf bestimmten Gebieten wie Medizin, Philosophie und Mathematik.

Zum Ausgang des Spätmittelalters wurden die Bürgerrechte der Juden mehr und mehr eingeschränkt, was sich in den entstehenden Judenghettos darstellt – „ein Phänomen der frühen Neuzeit“.

Der Museumsdirektor beklagt, daß durch die Schulbücher und Lernmedien „merkwürdige Kontinuitätsstränge im Verständnis der Schüler gefördert und verdichtet werden“.

Somit wird den Schülern suggeriert, „als gäbe es eine Kontinuitätslinie der Verfolgung, die sich als Automatismus vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert durchzieht.“

An diesen falschen Ursachen- und Erklärungssträngen für die Judenverfolgung im 20. Jahrhundert sind allerdings auch manche jüdische Autoren schuld, die pauschal von einem angeblich 2000jährigen christlichen Antijudaismus sprechen.

Die oben zitierten Schulbuch- und Schüleräußerungen legen aber noch einen anderen Verdacht nahe, und zwar daß sie eine Projektion der nationalsozialistischen Judenpolitik auf das Mittelalter sind.

Tatsächlich war die dauerhafte Ausgrenzung, Stigmatisierung und Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten etwa ab 1937 „an der Tagesordnung“ und in der NS-Zeitschrift ‘Der Stürmer’ wurden die Juden wöchentlich als „unser Unglück“ dämonisiert.

Dieses antisemitische Verfolgungsprogramm der Nationalsozialisten wird auf das Mittelalter zurückprojiziert und muß dann als Wurzelgrund für die Judenverfolgung des 20. Jahrhunderts herhalten.

Zu einfaches Weltbild
Einige Straßenzüge neben dem Jüdischen Museum befindet sich das ‘Historische Museum Frankfurt’.

Dort verfolgt man im Rahmen der Ausstellung „Frankfurt im Spätmittelalter“ einen ganz anderen Kurs. Das zeigen die vom Museum publizierten pädagogischen Begleitmaterialen zum Thema „Juden in Frankfurt“.

Darin wird der Eindruck vermittelt, daß die geschichtlichen Akteure in geradezu manichäischer Weise als Gute oder Böse, Reine und Unreine einzuordnen sind.

In den Materialien wird zunächst aus der Sittenlehre des Wormser Rabbiners Elieser ben Isaak um 1050 zitiert:

„Sei rein an deinem Leibe, versäume früh nicht das Händewaschen, und die reinen Hände falte zum Gebete; preise deinen Schöpfer, wenn du deine Kleider anlegst und wenn du deine Nahrung zu dir nimmst.“

Es wäre leicht gewesen, dieser Quelle einen Paralleltext mit ähnlichen Aussagen aus der höfischen Kultur zur Seite zu stellen – zum Beispiel aus der Tanhuser Hofzucht von 1250.

Aber die Autoren wollten lieber mit einem weit hergeholten Text die Mehrheitsbevölkerung in den Schmutz ziehen.

Dazu wird ein Brief des Johann von Neumann an den Erzbischof von Prag über die dreckigen Straßen des mittelalterlichen Nürnberg zitiert:

„Man muß als Reiter fürchten, daß das Pferd in dem tiefen grundlosen Dreck ausgleitet oder plötzlich über einen Stein stolpert, so daß der Reiter mitten in den stinkenden Straßenkot hineingeworfen wird.“

Die Botschaft dieser gegenübergestellten Texte ist klar: Die jüdischen Hände sind sauber zum Gebet gefaltet, während sich die Christen oder nicht-jüdischen Deutsche im Kot ihrer schmutzigen Straßen wälzen.

So einfach kann die Sache dann doch wieder nicht gewesen sein.

Der Autor ist Geschichtslehrer an einem Gymnasium.
© Bild: Andrea Volpini, CC
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