Dienstag, 15. April 2008 16:48
Im anschwellenden Zorngesang der Neo-Atheisten steckt eine göttliche List. Das Problem sind nicht die Gottlosen, sondern die fatale Schwäche des zeitgenössischen Christentums. Ein neues Buch.


Alexander Kissler mit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis bei der Buchpräsentation.
(kreuz.net) „Nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selber befreien.“ Mit diesem Satz beginnt das neue
Buch des deutschen Kulturjournalisten Alexander Kissler (38).
Das Werk trägt den Titel „Der aufgeklärte
Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und entlarvt den Fundamentalismus der „Neuen Atheisten“.
Bei
der Buchvorstellung in München sagte Kissler im Beisein von
Gräfin Gloria von Thurn und Taxis: „Nicht
immer steckt Freiheit drin, wo Aufklärung draufsteht. Nicht immer sind die am vernünftigsten, die das
Wort »Vernunft« am lautesten im Munde führen.“
Der renommierte Autor – er schreibt für die ‘Süddeutsche
Zeitung’ und die ‘Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung’ – sieht sowohl den christlichen Glauben als
auch die säkulare Vernunft in einer epochalen Krise.
Das Reklamieren von Vernunft sei zum Totschlagargument
herabgesunken, mit der man Debatten beende statt ermögliche: „Die Vernunft errichtet – führt man sie
einmal im Munde – sofort einen Verbotszaun. Sie ist längst selbst zu einem religiösen Dogma geworden.“
Atheismus im Zwangsjackenglück feister Selbstzufriedenheit

Buchcover
Gerade die vermeintlichen Agenten der Vernunft,
als die sich die „Neuen Atheisten“ verstehen, praktizierten oft die pure Unvernunft.
Ihre Bekenntnisse
seien an „Einsträngigkeit und Eintönigkeit kaum zu übertreffen. Sie kultivieren das Zwangsjackenglück
feister Selbstzufriedenheit.“
Immer da, wo die Gegenwart sich glaubenskritisch ausspreche, klinge aus
ihr die „Armada der Altvorderen“.
Die „Neuen Atheisten“ hätten lange Bärte, da sie den Glaubenshaß
der Gegner der Urchristen und den biologischen Materialismus des 19. Jahrhunderts wiederkäuten.
Kissler
setzt sich auch mit dem Atheismus-Fundamentalist
Richard Dawkins auseinander.
Dieser hoffe wie weiland
der Monist, Eugeniker und Scharlatan Ernst Haeckel († 1919) auf die „abschließende Theorie von allem“ –
die Universalformel, mit der sich die Welt erklären und aller Religion der Todesstoß versetzen lasse.
Doch Kissler zeigt sich kritisch: „Machte sich jeder Mann und jede Frau die Anregungen Dawkins’ zu eigen
und begegnete den Religionen nicht mit ‘automatischem Respekt’, würde der Grundwasserspiegel an Toleranz
und Solidarität rapide sinken.
Eine Gesellschaft nach Dawkins’ Geschmack wäre keine spaßige Angelegenheit.
Intolerant ginge es zu, respektlos und unverschämt.“
Die fatale Schwäche des ChristentumsAngesichts
einer solchen Herausforderung ist die Schwäche des gegenwärtigen Christentums – so Kissler – besonders
bedenklich.
Der Journalist sieht die akute Gefahr, daß sich der Glaube brav einem experimentellen Wahrheitsbegriff
unterordnet und so sein Innerstes preisgibt. Eine Mehrheit der Gläubigen habe die Forderungen der Welt
derart in sich aufgesogen, daß Glaube und Welt kaum mehr zu unterscheiden seien:
„Christen sind oft
jene versprengten Tataren, die sich melden, wenn sie betroffen sind, wenn sie sich herausgefordert sehen,
wenn sie Stellung beziehen, und die dann so reden, wie man im politischen Alltagsgeschäft eben redet.“
Sie würden sich freuen, daß man sich für ihre Meinung interessiert, und dabei übersehen, daß eben
nur ihre Meinung und nicht ihr Glaube gefragt sei: „Die Mikrofone sind geöffnet, wenn Kardinäle und
Bischöfe die Asylpolitik kommentieren, den Klimawandel, die Fußballweltmeisterschaft.“
„Jovial geben
sie Auskunft und freuen sich nach jedem Lacher, den sie provozieren, daß sie endlich in der Mitte der
Gesellschaft angekommen sind, auf Augenhöhe mit den Staatsministern und Generalsekretären.“
Dabei sei
das Bewußtsein gegangen, daß sie ein Anstoß sein sollten, ein Stachel im Fleisch der Selbstzufriedenen
und nicht deren Pausenclown – so Kissler.
Der Vorteil der RechtgläubigenDer Journalist ermuntert die
Christen zu einer neuen, gewinnenden Offenheit und zur Neuentdeckung der eigenen Traditionen:
„Was immer
man von religiöser Orthodoxie halten mag – ihr unbestreitbarer Vorteil liegt in ihrer Absehung vom Ich
und in diesem gewaltigen Vorbehalt namens Glaube und Überlieferung, vor dem jedes Ich Demut lernt. Im
Atheismus kennt die Egozentrik kein Halten mehr.“
Kissler ist sich ungewiß, ob der Glaube angesichts
der in Europa vorherrschenden altliberalen Theologie noch diese Bereitschaft entwickeln kann. Stark präsentiere
sich einstweilen nur der Aberglaube:
„Wie sonst ist das gleichzeitige Anschwellen von Hightech und Esoterik,
von Zahlenfetischismus und Schamanentum zu erklären?“
Darum hofft Kissler auf die Neoatheisten: „Man
könnte im anschwellenden Zorngesang der Atheisten eine göttliche List erblicken.“
Kissler weiter: „Kaum
haben die Theologen begonnen, vom Kern ihrer Botschaft – der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen – zu
schweigen, übernehmen die Atheisten das theologische Kerngeschäft.“
„Sie erinnern verzagte Verkündiger
daran, daß Christentum ohne Transzendenz, Christentum ohne Endgericht ein Selbstbetrug ist.“
Alexander
Kissler,
Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam.
Pattloch, München 2008. 16,95 Euro.
Siehe www.alexander-kissler.de© Titelbild: www.alexander-kissler.de