Dienstag, 22. April 2008 09:36
Was ein Steyler Missionar über seinen abgefallenen Mitbruder sagt
Ist der davongelaufene Bischof und Ordensmann seiner neuen Aufgabe als Präsident eines Staates überhaupt gewachsen? Oder droht nach dem Wahlsieg die große Ernüchterung?
Fernando Lugo bei Johannes Paul II.
Fernando Lugo bei Johannes Paul II.
(kreuz.net/Steyler Mediendienst) Mit 40% der Stimmen wurde der abgefallene Bischof und Steyler Missionar Fernando Lugo am Wochenende zum neuen Präsidenten Paraguays gewählt.

Damit wurde die bisherige Regierungspartei ‘Colorado’ nach 61 Jahren ununterbrochener Herrschaft klar abgewählt.

Mit dem aus der Schweiz stammenden Steyler Missionar, Pater Walter von Holzen, sprach Tamara Häußler-Eisenmann, Pressereferentin der Steyler Missionare in Deutschland.

Was ist Fernando Lugo, der so viele Menschen mobilisieren konnte, für ein Mann?

Fernando Lugo ist ein sehr charismatischer Mensch. Er hat es geschafft, sämtliche Oppositionsparteien dazu zu bringen, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen.

Sie wollten in die Regierung, um Änderungen herbeiführen zu können, die Paraguay so dringend braucht. Eine Koalition von Oppositionsparteien hat Lugo nach langen Verhandlungen schließlich als Präsidentschaftskandidaten aufgestellt.

Lugo hat ein großes Talent, mit einfachen Menschen umzugehen. Er hört ihnen zu, spricht sowohl Spanisch als aus Guarani. Er weiß, was die Armen bewegt, was sie brauchen, welche Nöte sie plagen. Er ist ein Kandidat des Volkes und deshalb hat dieses Volk ihn gewählt. Er versprach einen Neuanfang, nach dem sich das Volk so sehr sehnte.


Ist Lugo seiner Aufgabe als Staatspräsident überhaupt gewachsen?

Ich glaube ja. Wenn er sich noch ein gutes Team zusammenstellt, ist er der Aufgabe gewachsen. Es ist gewiß die eine Sache, ob man Priester oder ob man Politiker ist. Natürlich ist es für ihn eine große Herausforderung.

Aber Lugo hat in den letzten Monaten sehr viel gelernt. Er hat 1½ Jahre Vorbereitungszeit gehabt, in der er sich mit dem Metier Politik befassen konnte.

Lugo hat mit großem Erfolg eine funktionierende Koalition von Oppositionsparteien aufgebaut. Er hat gelernt, zuzuhören und Konzessionen zu machen. Er muß lernen, ein Politiker zu werden. Aber ich habe keine Zweifel, daß er es schaffen wird.

Natürlich ist es jetzt sehr wichtig, daß er die richtigen Minister um sich schart. Aber dies sollte ihm gelingen. Wichtig ist, daß er seine Überzeugungen gegen innerparteiliche Druckversuche durchhalten und umsetzen kann.

Welche Qualifikation bringt Lugo denn mit, um ein guter Präsident zu sein?

Lugo hat eine sehr gute Ausbildung. Durch seine Arbeit als Missionar und Bischof weiß er, was für unsere Leute in Paraguay wesentlich ist. Seine politischen Visionen wachsen aus dem pastoralen Kontakt mit der Basis.

Er ist ein sehr sozial eingestellter Mensch. Er war im Augenblick die einzige Chance, die unsere armen Menschen in Paraguay gesehen haben.

Paraguay
Paraguay
Vom Bischof zum Präsidenten ist ein recht ungewöhnlicher Weg…

Ja, aber das ist sein Weg, seine Entscheidung. Es war eine Frage des Gewissens. Seine Steyler Mitbrüder haben ihn auf diesem schwierigen Weg begleitet. Er ist persönlich zum Schluß gekommen, daß er als Bischof nicht so viel für die Menschen tun kann, wie er möchte. Als Politiker, als Präsident hat er da viel mehr Möglichkeiten.

Man kann das sicherlich diskutieren. Aber man muß es in jedem Fall respektieren. Es ist eine absolut persönliche Gewissensentscheidung.

Die Wahlen sind völlig friedlich verlaufen. Ist das nicht ungewöhnlich für eine „Revolution“ nach 61 Jahren?

Ja, man kann wirklich sagen, daß es eine friedliche Revolution gewesen ist. Wir hatten hier große Angst, daß es vielleicht zu Unruhen kommen würde. Aber es waren insgesamt 300 internationale Wahlbeobachter hier in Paraguay, und das Ergebnis war eindeutig.

Wäre es sehr knapp gewesen, hätte es vielleicht Unruhen gegeben. Aber das war nicht der Fall. Lugo hat 40% der Stimmen erhalten.

Die Kandidatin der Regierungspartei Blanca Ovelar hat noch in der Nacht ihre Niederlage eingeräumt – ebenso wie der Präsident.

Wir hatten eine hohe Wahlbeteiligung von 62 Prozent – auch wegen des guten Wetters. Es gab nirgendwo Schwierigkeiten. Es waren sehr ruhige Wahlen.

Ein einfaches Volk hat ein korruptes System abgewählt. Es war die massive Antwort eines übermüdeten Volkes, eine massive Antwort auf ein korruptes System einer kleinen herrschenden Minderheit.

Das Volk hat es so satt gehabt, die Frustration war so hoch. Paraguay wollte einen Wechsel, es war einfach höchste Zeit.

Was sind Ihrer Meinung nach die ersten Punkte, die Lugo angehen muß?

Zunächst muß Lugo ein gutes Kabinett aufbauen. Dann wird er sicherlich die Gerichtsbarkeit neu organisieren. Was Paraguay braucht sind unabhängige Gerichte. Das hat es bisher nie gegeben. Alles stand unter Einfluß der Regierungspartei. Das ist eine große Herausforderung.

Dann natürlich die Korruption. Paraguay ist eines der korruptesten Länder der Welt. Mit dieser Korruption ist ein Wirtschaftswachstum kaum möglich.

Das Land ist ein großer Erzeuger von Soja und Rindfleisch, deren Weltmarktpreise in den vergangenen Jahren explodiert sind und dennoch lebt die Mehrheit der Menschen in Armut.

Alle sollen vom Reichtum des Landes profitieren. Lugo hat sich die soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben. Dazu gehören als Grundlage eine funktionierende Gerichtsbarkeit und die Bekämpfung der Korruption. Sonst gelangt das Geld nämlich nie zu den Ärmsten.

Von einer funktionierenden Gerichtsbarkeit und einer geringeren Korruption kann der Bauer aber zunächst trotzdem nicht seine Familie ernähren…

Das sehen Sie richtig. Die Menschen wollen Effekte sehen. Sie wollen sehen, daß die Wahl Lugos für sie persönlich etwas gebracht hat. Sie werden es sich eine Weile ansehen, aber dann auch ganz klar etwas für sich einfordern.

Aber da mache ich mir keine Sorgen. Lugo ist der Präsident aller Paraguayer und das werden auch die Ärmsten des Landes hoffentlich schnell zu spüren bekommen.

Außerdem hoffe ich, daß Lugo die Paraguayer dazu bewegen kann, hier zu bleiben. Denn ein großes Problem unseres Landes ist die Emigration. Über 100.000 Menschen haben Paraguay in den letzten Jahren den Rücken gekehrt.

Das ist ein großes Problem. Denn in der Regel sind es diejenigen, die man auch hier für den Aufbau des Landes braucht – die 20 bis 40jährigen. Zurück bleiben die Kinder und Alte. Mütter und Väter verlassen ihre Familien aus wirtschaftlicher Not und versuchen ihr Glück in Spanien oder Argentinien.

Lugo muß den Menschen Perspektiven aufzeigen, ihnen Hoffnung machen für ein besseres Leben. Die Wahl ist ein erster Schritt, aber der weitere Weg ist ein sehr, sehr schwerer.

Dennoch glaube ich, daß er ihn gut bestreiten wird. Entscheidend war, daß es jemandem gelungen ist, nach 61 Jahren das Machtmonopol des Partido Colorado zu stoppen. Damit ist nun der ersehnte Neuanfang möglich.

Pater Walter von Holzen ist ein Steyler Missionar. Er lebt und arbeitet seit 32 Jahren in Paraguay. Der gebürtige Schweizer ist Direktor des päpstlichen Missionswerkes in Paraguay.
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