Freitag, 9. Mai 2008 14:48
Zölibatsbekämpfer besitzen einen Nachteil: Solange sie an der kirchlichen Macht sind, liegen Frömmigkeit und Wachstum der Kirche auf Eis. Von Hubert Hecker.


Eulogius Schneider
(kreuz.net) Das Dorf Wipfeld am Main ist ein 1.100-Seelen-Dorf in Unterfranken – im Nordwesten des Freistaates
Bayern.
Ein Sohn der Gemeinde ist Johann Georg Schneider. Er wurde dort im Jahr 1756 als Sohn eines Winzers
geboren.
Auf Drängen seiner Eltern begann er die theologischen Studien, trat bei den Franziskanern ein
und wurde im Jahr 1783 als Pater Eulogius in Salzburg zum Priester geweiht.
Wegen seiner aufklärerischen
Ideen wurde Pater Eulogius zuerst als Hofprediger in Stuttgart und dann als Literaturprofessor in Bonn
entlassen.
Im Jahr 1791 zog Schneider – inzwischen Weltpriester geworden – ins revolutionsgeprägte Straßburg.
Dort erhielt er zahlreiche kirchliche Ämter. Er war unter anderem Professor am Priesterseminar und Prediger
am Straßburger Münster.
Von der Radikalisierung der Französischen Revolution war er hell begeistert.
Er dichtete sogar eine Ode auf die Revolution, die folgendermaßen schließt:
Gefallen ist des Despotismus
Kette,
Beglücktes Volk! von deiner Hand:
Des Fürsten Thron ward dir zur Freiheitsstätte
Das Königreich
zum Vaterland.
Kein Federzug, kein: „Dies ist unser Wille“,
entscheidet mehr des Bürgers Los.
Dort lieget
sie im Schutte, die Bastille,
Ein freier Mann ist der Franzos!

Eulogius Schneider – festgebunden an die Guillotine – am 15. Dezember 1793 auf dem „Paradeplatz“ in Straßburg
Bereits im Oktober seines ersten Jahres
in Straßburg hielt Schneider vor der Gesellschaft von Konstitutionsfreunden auch eine „Rede über die
Priesterehe“.
Zwei Jahre später heiratete er die Tochter eines Straßburger Weinhändlers. Schneider
war in der Zwischenzeit zum Jakobinerclubpräsidenten und Civilkommissar aufgestiegenen.
Ab 1792 machte
er sich als Ankläger im Revolutionstribunal um den Staatsterror verdient. Mit einer fahrbaren Guillotine
reiste der Freiheitsheld durchs Niederelsaß und vollstreckte etwa dreißig Todesurteile.
Doch von den
Staatsterroristen in Paris wurde der „kosmopolitische Scharlatan und Ex-Pfaffe“ gleichwohl mißtrauisch
beäugt. Der revolutionäre Blutapostel Louis de Saint-Just († 1794) nahm seine prunkvolle Hochzeit mit
einer sechsspännigen Kutsche zum Anlaß, um Schneider zu verhaften.
Vor seiner Überführung nach Paris
stellte man Schneider öffentlich an den Pranger – gefesselt an die Guillotine, mit der er noch kurz zuvor
für die Freiheit gekämpft und geköpft hatte.


Hinrichtung von Eulogius Schneider am 1. April 1794 in Paris
Drei Monate wartete der Ex-Pater im Pariser Ex-Kloster
Saint Germain des Près auf seinen kurzen Prozeß. Er endete am 1. April 1794 mit seinem Exitus auf dem
Schafott.
Zu diesem Zeitpunkt studierte der aus Mittelhessen in der Nähe Marburgs stammende Johann Ludwig
Koch († 1853) Theologie in Mainz. Im Jahr 1798 wurde er dort zum Priester geweiht.
Koch wandte sich als
junger Kaplan, Pfarrer und schließlich promovierter Kirchenrechtler der aufgeklärten Theologie eines
staatskirchlichen Josefinismus zu:
Er strebte in seinen Schriften eine deutsche Nationalkirche an, die
ihre rechtliche Existenz allein von der staatlichen Gewalt erhalten würde.
Im Jahr 1815 übernahm er
im Herzogtum Nassau den neugeschaffenen Posten des Kirchen- und Oberschulrats für die katholischen Belange.
In diesem Amt war er mit der Fundierung und staatskirchlichen Regulierung des neu zu gründenden Bistums
Limburg befaßt.

Johann Ludwig Koch, Nassauischer Schul- und Oberkirchenrat
Aufruhr verursachte Koch mit einer Initiative zur Lockerung des Zölibats.
Nach seinen
Vorstellungen sollten Priester, die keine kirchlichen Ämter mehr ausübten, wieder in den Laienstand
zurückversetzt werden und heiraten können.
Koch verfolgte dabei nicht zuletzt ein persönliches Ziel:
die Hochzeit mit seiner einstigen Katechismusschülerin Susanne Reisert.
Nachdem ihm die Trauung trotz
landesherrlicher Bewilligung verwehrt worden war, trat Koch 1821 aus der katholischen Kirche aus und schloß
sich der protestantischen Gemeinschaft an. Seiner Heirat stand nun nichts mehr im Wege.
In der Resolution
einer Regionalsynode von zehn Westerwälder Pfarrern im Jahre 1818 bezog sich der Landpfarrer Wilhelm
Bausch aus Frickhofen – später zweiter Bischof von Limburg – auf ebendiesen Oberschul- und Kirchenrat
Koch, den er für den Entwurf einer „liberalen Kirchenverfassung des neu zu gründenden Bistums“ in Anschlag
brachte.
Dabei erlaubte sich Bausch „eigene Ansichten für eine liberale Bistumsverfassung“ vorzuschlagen:
„Die Ehehindernisse sollten beschränkt und das wegen dem in seiner Unbedingtheit zu hart und unausführbar
sich zeigende Eheverbot der Geistlichen beseitigt werden.“
„Durch solche Modifikationen würde die Gewissensfreiheit
der Geistlichen sowohl als auch der Gläubigen gesichert und die nachteiligen Ärgernisse, welche aus
der seitherigen unbedingten Rücksichtslosigkeit zum Schimpfe und Nachteile der katholischen Kirche und
des Klerus’ entstand, für die Zukunft beseitigt werden können.“
Diese Formulierungen von Bausch standen
in deutlichem Bezug zur Zölibatskritik des Ex-Mönchs und Reformators Martin Luther aus einer Schrift
von 1520.
„Bischof Wilhelm Bausch war wie sein Vorgänger Jacob Brand in den liberalen und staatskirchlichen
Ideen seiner Zeit befangen“, urteilt Hw. Matthias Höhler in der „Bistumsgeschichte“ von 1908: „Deren
Verderblichkeit für die Kirche wurde er erst inne, als sie ihn in der Verwaltung seines Oberhirtenamtes
von allen Seiten einengten.“
Erst im Jahre 1842, mit dem Antritt des frommen und glaubenstreuen Bischofs
Mons. Peter Josef Blum – der am 18. April vor 200 Jahren im Rheingau geboren wurde – konnte der geistig
und geistlich oberflächliche Liberalismus im Bistum Limburg überwunden werden.
Das religiös-kirchliche
Leben nahm einen erfreulichen Aufschwung.
Damals war den zeitgeistigen Aufklärern und Zölibatskritikern
eine Dauer von ungefähr fünfzig Jahren an kirchlichem Einfluß zubemessen.
Fünfzig Jahre einer ähnlichen
Krise liegen auch gegenwärtig hinter der Kirche.
Das mag ein Anlaß sein zu hoffen, daß auch die heutige
Zölibatsdiskussion das Ende einer liberalen Kirchenepoche andeutet.