Heute vor hundert Jahren erblickte der Erfinder der Geschichten des italienischen Dorfpfarrers Don Camillo und seines kommunistischen Gegenspielers, Bürgermeister Peppone, das Licht der Welt. Von Giovanni Guareschi († 1968).
Don Camillo und Peppone
(kreuz.net/Don Camilo) Als die Zeit des Wahlkampfes kam, schimpfte Don Camillo mehrmals in klaren Art
und Weise über die lokalen Vertreter der Linken.
Eines schönen Abends, gerade noch zwischen Licht und
Finsternis – während Don Camillo von einem Weg in den Pfarrhof zurückkehrte – erschien eine Gestalt,
in einen Mantel gehüllt, und griff Don Camillo von hinten an.
Er machte sich den Umstand zunutze, daß
Don Camillo durch das Fahrrad behindert war, an dessen Lenkstange ein Korb mit siebzig frischen Eiern
aufgehängt war. Die Gestalt verprügelte den Priester und verschwand wieder.
Don Camillo sagte niemandem
etwas von diesem Vorfall.
Im Pfarrhaus angelangt, brachte er die Eier in Sicherheit und ging dann in
die Kirche, um sich mit Christus zu beraten. So tat er es immer in Augenblicken des Zweifelns.
„Was soll
ich tun?“ – fragte Don Camillo.
„Schmiere dir den Rücken mit ein wenig Öl ein und sei still“ – antwortete
ihm Christus vom Hochaltar. „Man muß
Don Camillo warnt den Heiland:
„Jesus, traue diesen Roten nicht.
Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau ihn Dir gut an: Hat er nicht ein Räubergesicht?“
vergeben, wenn
man uns beleidigt. Das ist die Regel.“
„Gut“, warf Don Camillo ein. „Hier handelt es sich aber um Prügel,
nicht um Beleidigung.“
„Was willst du damit sagen?“ erwiderte leise Jesus. „Sind vielleicht die dem Körper
zugefügten Beleidigungen schmerzhafter als jene, die dem Geiste zugefügt werden?“
„Einverstanden, Herr.
Du mußt aber in Betracht ziehen, daß man – indem man einen Deiner Diener prügelt – Dich beleidigt.
Mir geht es viel mehr um dich als um mich.“
„War ich vielleicht nicht noch mehr ein Diener Gottes als
Du? Und habe ich nicht auch jenem verziehen, der mich gekreuzigt hat?“
„Mit dir kann man nicht reden“,
schloß Don Camillo. „Du hast immer recht. Dein Wille geschehe. Wir werden verzeihen. Erinnere dich aber,
daß Du die Verantwortung zu tragen haben wirst, wenn diese Verbrecher durch mein Schweigen ermutigt werden
und mir eines schönen Tages meinen dummen Kürbiskopf einschlagen. Ich könnte dir Stellen aus dem Alten
Testament anführen…“
„Don Camillo, mir kommst Du mit dem Alten Testament? Bitte, ich übernehme die
volle Verantwortung. Und übrigens, unter uns, ein wenig Prügel stehen Dir gut. So wirst Du lernen, in
meinem Hause keine Politik zu treiben.“
Don Camillo hatte also verziehen. Eines blieb ihm aber im Halse
stecken wie eine Fischgräte: die Neugierde, wer es nur gewesen sein könnte, der ihn geprügelt hatte.
Die Zeit verging. Eines Abends saß Don Camillo noch zu später Stunde im Beichtstuhl saß. Da erkannte
er durch das Gitter das Gesicht des Anführers der extremen Linken.
Peppone im Beichtsuhl? Das war ein
Ereignis, bei dem einem der Mund offenstehen bleiben mußte.
Don Camillo strahlte: „Gott sei mit Dir,
lieber Bruder, mit Dir mehr als mit irgend jemandem, weil Du mehr als die anderen seinen Segen notwendig
hast. Es muß schon lange her sein, daß du das letzte Mal gebeichtet hast.“
„Es war 1918“, antwortete
Peppone.
„Stell Dir nur alle die Sünden vor, die Du in diesen dreißig Jahren mit all deinen heidnischen
Gedanken im Kopf begangen hast.“
„Na ja, es sind schon so manche.“, seufzte Peppone.
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel: Vor zwei Monaten habe ich Sie geprügelt.“
„Ernste Sache“, antwortete Don Camillo. „Indem
Du einen Diener Gottes beleidigt hast, hast Du Gott selber eine Beleidigung zugefügt.“
„Ich habe es
bereut“ – rief Peppone. „Außerdem habe ich Sie nicht als einen Diener Gottes, sondern als einen politischen
Gegner geprügelt. Es war ein Moment der Schwäche.“
„Außer dieser und der Zugehörigkeit zu deiner
teuflischen Partei – hast Du noch andere schwere Sünden zu beichten?“
Peppone schüttete den Sack aus.
Allen in allem war es nicht viel, und Don Camillo fertigte ihn mit zwanzig Vater Unsern und Ave-Marias
ab.
Als dann Peppone an der Kommunionbank kniete, um seine Buße abzubeten, fiel auch Don Camillo vor
dem Kruzifix auf die Knie.
„Jesus“, sagte er, „verzeihe mir, aber ich haue ihm eine herunter.“
„Denke
nicht einmal daran“, antwortete Jesus. „Ich habe ihm vergeben, Du mußt ihm auch vergeben. Im Grunde genommen
ist er ein braver Mensch.“
„Jesus, traue diesen Roten nicht. Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau
ihn Dir gut an: Hat er nicht ein Räubergesicht?“
„Ein Gesicht wie alle anderen. Don Camillo, in Dein
Herz hat sich Gift eingeschlichen.“
„Jesus, wenn ich Dir je gut und mit Hingabe gedient habe, dann bitte
ich um diese Gnade, Laß es wenigstens zu, daß ihm dieser Leuchter auf den Nacken fällt. Was ist schon
so ein Leuchter, mein Jesus?“
„Nein“, antwortete Jesus. „Deine Hände sind zum Segnen, nicht zum Schlagen
da.“
Don Camillo seufzte. Er verbeugte sich und verließ den Altar.
Er wandte sich dann noch einmal
um, um sich zu bekreuzigen. Dabei befand er sich geradewegs hinter Peppones Rücken, während dieser kniend
ganz im Gebet versunken war.
„In Ordnung“, flüsterte Don Camillo, indem er die Hände faltete und zu
Jesus hinaufschaute. „Die Hände sind zum Segnen da, nicht aber die Füße.“
„Auch das ist wahr“, sagte
Jesus vom Hochaltar, „aber ich bitte Dich, Don Camillo: nur einen!“
Der Fußtritt traf wie ein Blitz.
Peppone steckte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken ein, stand dann auf und seufzte erleichtert: „Zehn
Minuten warte ich schon darauf. Jetzt fühle ich mich viel besser.“
„Ich auch“, rief Don Camillo, und
sein Herz war jetzt leicht und rein wie der heitere Himmel.
Jesus sagte nichts. Aber man sah ihm an,
daß auch er zufrieden war.