Montag, 5. Mai 2008 17:08
Aufgrund familiärer Schwierigkeiten beschloß meine Mutter, mich ins örtliche Pfarrhaus einzuquartieren. Hier begann es mit den dunklen Seiten des dortigen Pfarrers. Von einem Ex-Priester.


Es geschah an einem Sommerabend.
(kreuz.net/
‘Vatican Magazin’) Alle, die in der Nähe des Pfarrers lebten, zitterten vor ihm. Sie fürchten
seine Unbeherrschtheit, seine Rasereien, seine Ausfälligkeiten. Aus der Ferne mochte er strahlen, bei
Licht besehen war er ein Despot.
Ich bezog ein Zimmer in einem kultivierten Haus. Ich kam aus der Armut
und den bedrückenden Verhältnissen eines Arbeiterhaushalts und fand mich wieder in einem Ambiente aus
schönen Möbeln, neuesten Büchern, erlesenen Weinen.
Ich lernte mit der Serviette essen, Konversation
zu führen und nach der Haushälterin zu winken. Es war wie im Traum. Ich wußte nicht, wie mir geschah.
Der Despot war überaus nett zu mir und ich wußte nicht, womit ich es verdient hatte.
Er kleidet mich
von Kopf bis Fuß neu ein, überhäufte mich mit Geschenken, ließ mich an seinen Überlegungen teilhaben,
lud mich am Abend ein, das Stundengebet mit ihm zu sprechen.
Ich ging aufrecht und wie mit Flügeln.
Ich fühlte mich erhoben, wie von einer Aura der Großzügigkeit umgeben. Ob ich mir nicht vorstellen
könne, Priester zu werden? Priester? Du meine Güte – ich war gerade von der Schule geflogen.

Novemberausgabe des ‘Vatican-Magazin’
Mein Ego
paßte in eine Westentasche. Wie groß der Mann von mir dachte! Für einen Moment meinte ich, endlich
der geliebte, angenommene, respektierte Sohn zu sein, der ich bei meinem leiblichen, gewalttätigen Vater
nicht sein durfte. Ich wußte nicht, daß es der letzte glückliche Moment meiner Jugend sein sollte.
Das Einzige, was mir ein eher unbewußtes Unbehagen verursachte, waren die körperlichen Annäherungen
des Priesters. Warum mußte er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Arm um mich legen?
Warum mußte man sich am Abend mit einer Umarmung verabschieden? Es war unangenehm, mehr jedoch nicht.
Es wäre mir auch unangenehm gewesen, wenn mein eigener Vater mich in den Arm genommen hätte.
Eines
Sommerabends, nicht lange nach meinem Einzug, ereignete sich das Vorkommnis, nach dem in meinem Leben
nichts mehr war wie vorher.
Der Pfarrer und ich hatten körperlich gearbeitet. Vielleicht hatten wir
irgendwelche Kisten nach oben unters Dach geschleppt. Jedenfalls saßen wir beide müde und schwitzend
nebeneinander auf dem Bett meines Zimmers, das sich ebenfalls unterm Dachgeschoß befand.
Ich weiß noch,
daß wir beide Bierflaschen in Händen hielt, solche mit Bügelverschluß. Wir tranken, lachten, bis die
Stimmung plötzlich überkippte – in etwas, das mir Angst machte: eine Art von Schmusigkeit und körperlichem
Nähesuchen.
Das Bett war eindeutig der falsche Platz zum Ausruhen.
Mir stellten sich die Nackenhaare
auf. Was machte der Mann mit seiner Hand, die über meine Oberschenkel nach oben glitt? Ich preßte die
Beine zusammen, klammerte mich an meine Bierflasche, versuchte, von ihm abzurücken.
Ich rieche heute
noch seinen Bieratem, spüre den massigen Körper, fühle, wie er mich gepackt hielt, während er mir
mit der Zunge gierig den Hals abschleckte und mit seiner Pranke in den Schritt fuhr, mein Glied suchend.
All das weiß ich noch.
Was ich nicht mehr weiß: Wie ich mich von ihm befreite, wie er aus dem Zimmer
kam.
Woran ich mich wieder erinnere: Wie ich den Riegel hinter ihm in die Tür schob und dastand – zitternd.
Daran erinnere ich mich noch sehr gut, daß ich über einen ganz langen Zeitraum nichts tat, als mich
den Konvulsionen meines Körpers zu überlassen.
Jahre später haben sie mich gefragt: „Warum bist du
nicht zu deinen Eltern gegangen, nicht zu irgendeinem Erwachsenen, nicht zur Polizei?“ Ich sagte ihnen,
was ich auch heute sage: „Ich wußte nicht, was das war. Ich hatte keinen Namen dafür.“
Ob es sinnvoll
ist, daß heute schon Kindergartenkinder wissen, was ein Päderast ist, mag dahingestellt sein. Ich wußte
es als Halbwüchsiger nicht. Und wenn ich es gewußt hätte, so wäre es außerhalb meines Vorstellungshorizonts
gewesen, daß ein Priester so etwas macht/tut/ist.
Tatsache ist: Ich war über nahezu zehn Jahre nicht
imstande, meine eigene Geschichte anzuschauen oder auch nur Worte dafür zu finden. Ich wollte sie nicht
wahrhaben. Ich spaltete sie von mir ab. Ich wurde zwei Menschen.
Von der Stunde an, in der ein Mensch
mit Gewalt in meine Intimität eindrang, befand ich mich in einem Gefängnis, zu dem ich selbst den Schlüssel
nicht kannte. Über Jahre und Jahre war ich wie in einem verschlossenen Kassiber unterwegs. An mich kam
niemand heran.
Der Übergriff war wie ein Brandzeichen in meiner Seele, das mich bis zum Jüngsten Tag
mit meinem Mißbraucher verbinden sollte. Was er mit mir gemacht hatte, wurde für mich Stigma der Absonderung.
Mein mir selbst fernes Geheimnis katapultierte mich hinaus aus der Gemeinschaft der Menschen. Ich war
eingeschlossen in einem Gehäuse aus letzter Einsamkeit und namenloser Angst. Ich weiß nicht, warum ich
nicht die Kraft hatte zu fliehen.
Ich weiß nicht, warum ich wie ein gefangenes Tier in diesem Haus blieb,
warum ich Dankbarkeit heuchelte, den Sohn spielte, den zum Priesteramt prädestinierten Zögling und Vertrauten
von Herrn Pfarrer, dem man mit Ehrfurcht und Hochachtung begegnete …
Den Rest möchte ich in aller
Kürze erzählen: Ich wurde tatsächlich Priester.
Der Beitrag erschien ursprünglich im ‘Vatican Magazine’.
Nächstes Mal: Im Grunde wollte ich nur Sex, Sex, Sex© Titelbild: Dave Ceasar Dela Cruz, CC