Samstag, 10. Mai 2008 10:40
Während der ganzen Seminarzeit war ich unfähig, einen anderen Menschen auf meinem Zimmer zu ertragen. Ich wurde blaß. Es bereitete mir Magenkrämpfe. Von einem Ex-Priester.


Engel und Priester
(kreuz.net/
‘Vatican Magazin’) Den Rest möchte ich in aller Kürze erzählen: Ich wurde tatsächlich
Priester, freilich nicht in der Diözese, der mein Mißbraucher angehörte. Ich weiß noch, wie ich das
Seminar betrat, das ich mir vorher nicht einmal angeschaut hatte, so egal war es mir.
Wie ich da kniete
und nicht wußte, warum. Ich war meinem Mißbraucher entkommen und war trotzdem gefangen, zuletzt in mir.
Irgendwann dachte ich: Wenn ich schon nicht weg kann, ist das vielleicht Gottes Wille. Also – sei gehorsam,
mach es!
Während der ganzen Seminarzeit war ich unfähig, einen anderen Menschen auf meinem Zimmer zu
ertragen. Ich wurde blaß. Es bereitete mir Magenkrämpfe. Von meiner Spaltung wußte niemand.
Niemand
ahnte etwas von meinen verrückten erotischen Wünschen, von meinen Fluchtträumen, vom Doppelleben in
meinem Inneren. Ich las kluge Bücher.
Im Grunde wollte ich nur Sex, Sex, Sex. Würde die Geschichte
heute spielen, einer wie ich in meiner damaligen Verfassung würde wohl in ein „Second Life“ abtauchen,
sich in pornographischen Welten tummeln und darin mit Haut und Haaren versinken, versacken und verkommen.
Gott sei Dank gab es diesen Horror damals noch nicht.
Mein Doppelleben flog nach meiner Diakonatsweihe
auf. Auf einer Wallfahrt verliebte ich mich in ein eigenwillig schönes Mädchen. Wie es der „Zufall“
wollte, war sie aus demselben abgelegenen Dorf, in das man inzwischen meinen Mißbraucher versetzt hatte.
Ich möchte die zerrissenen Briefe nicht sehen, die ich Susanne schrieb. Die Briefe, die sie schrieb,
waren eine einzige Provokation für mich: Sie forderte mich darin mit steigender Intensität auf, mich
endlich um Pfarrer X. – meinen Mißbraucher – zu kümmern, er habe niemand, sei völlig einsam, verkomme
im Alkohol.
Er rede gut von mir, ich sei der einzige Mensch, der ihm vielleicht helfen könne. Und dann
kam der Brief von Susanne, in dem der Satz stand: „Wenn du nicht endlich was für ihn tust, bist du ein
Schwein!“
Mein Antwortbrief, der Versuch einer verzweifelten Exkulpierung vor einem Mädchen, das mein
Herz berührt hatte, war mein Outing. Wahrscheinlich staunte niemand mehr über das, was da plötzlich
als mein „Warum“ auf dem Papier stand, als ich selbst.
Es war die Wahrheit, wenn auch noch nicht die
ganze. Dazu brauchte es noch Jahre und die Hilfe anderer Menschen. Man hätte mich nicht weihen dürfen.
Man tat es. Die Verantwortlichen wußten nicht genug von mir. Ich selbst kannte meine eigene Geschichte
kaum.
Der Beitrag erschien ursprünglich im ‘Vatican Magazine’.Nächstes Mal: Die Verwüstungen meiner
Seele waren tiefgreifend
© Titelbild: Fickr-Benützer „cjb22“, CC