Mittwoch, 14. Mai 2008 19:00
„Sie werden froh sein, wenn sie den ganzen gereinigten Gottesdienst einst allein in der heiligen Muttersprache abhalten dürfen.“ Die Reformen des Zweiten Vatikanums waren das Ergebnis eines langen Denkprozesses.


Messe während der Wanderung
(kreuz.net) Im Juli/August des Jahres 2006 veröffentlichte die katholische Zweimonats-Zeitung ‘Kirchliche
Umschau’ einen interessanten Artikel von Christian Cortes unter dem Titel: „Wie Beifall von der falschen
Seite kommend, Liturgiereformer irritieren könnte.“
Der Artikel zitiert zu Beginn die prophetische Aussage
eines Vorläufers des Zweiten Vatikanums aus dem Jahr 1930:
„Die Zeit ist noch nicht da, in der deutsche
Priester inmitten der römisch gebundenen obersten Kaste mit der Forderung einer Umgestaltung an Seele,
Haupt und Glied hervortreten können.“
Dann stellt der Reformer fest: „Die Religion Jesus war zweifellos
die Predigt der Liebe.“
Jesus selber war nach ihm „eine edle, feurige Persönlichkeit, die eine Lehre
der Güte und Nächstenliebe vertrat, und dafür gemordet wurde. Ist das nicht schöner als der doch unwahrhaftige
Versuch, schon kleine Kinder in eine Dogmatik zwingen zu wollen, deren Voraussetzungen nicht mehr bestehen?“
Natürlich vertrat der Reformer auch die These von der großen Umformung des die Liebe verkündigenden
Jesus in einen von der Kirche verkündigten Jesus Christus.
Deshalb bezeichnete er die christlichen Kirchen
als „eine ungeheuerliche, bewußte und unbewußte Umfälschung der schlichten, frohen Botschaft vom Himmelsreich
inwendig in uns, von der Gotteskindschaft, vom Dienst für das Gute und der flammenden Abwehr gegen das
Böse.“
Der UrverfälscherAls Urverfälscher der Ursprungsverkündigung Jesu machte er den Heiligen
Apostel Paulus aus.
Dieser habe die Liebesverkündigung Jesu dogmatisiert: „Aus einer allgemeinen Gesinnungsgemeinschaft
wurde starre Dogmengleichheit.“
Oder: „Das Für-Wahr-Erklären metaphysisch-religiöser Behauptungen
und geschichtlicher oder sagenhafter Ereignisse“ ersetzte eine einfache Liebesgesinnung.
Die Römische
Kirche sei sogar der Versuchung erlegen, ihre Dogmenwahrheiten „mit Hilfe politischer Organisation“ durchzusetzen.
Sie habe dabei in Kauf genommen, von der staatlichen Macht abhängig zu werden.
Dieser Vorläufer des
Zweiten Vatikanums hat natürlich auch eine Therapie für die Kirche seiner Zeit bereit: Entdogmatiserung,
reinigende Rückkehr zum Ausgangspunkt, Suche nach einem unmittelbaren Weg zur Persönlichkeit Christi.
Für die paulinische Kreuzestheologie oder für Jesus, der als Lamm Gottes die Sünden der Welt hinwegnimmt,
hatte er nichts übrig: „Jesus opferte sich als Herr, nicht als Knecht.“
Abschaffung der Äußerlichkeiten
Die geforderte Erneuerung der inneren Einstellung bedeutet auch einen Verzicht auf Äußerlichkeiten:
„Aus der inneren Neueinstellung zum Jesusbild ergibt sich auch eine unbedingt notwendige, scheinbar nur
äußerliche Änderung: der Ersatz der die quälende Kreuzigung darstellenden Kruzifixe in Kirchen und
auf den Straßen der Dörfer.“
Statt dessen soll die starke Persönlichkeit Jesu in seiner praktizierten
Liebe in den Vordergrund treten.
Schon fast vierzig Jahre vor der Einführung des Neuen Ritus war dem
prophetischen Reformer klar, daß seine Ideen auch eine große Liturgiereform forderte. Zitat:
„Sie werden
froh sein, wenn sie den ganzen gereinigten Gottesdienst einst allein in der heiligen Muttersprache…
abhalten dürfen.“
Denn schon unser Reformer glaubte zu wissen, daß der gottesdienstliche Kult sich
primär oder gar ausschließlich an den Menschen wendet.
Auch das Kircheninnere wollte er zeitgemäß
umgestalten: Weg mit der Barockkunst, den „Bastardkunststücken“. Er fordert auch eine Abschaffung der
traditionellen Kirchenmusik.
Im Geist der modernern WissenschaftenDie Parole eines zeitgemäßen Christentums
zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen des Reformers. Er begründete sie mit den Erkenntnissen
der modernen Wissenschaft und mit dem neuen heroischen Lebensgefühl, in dem für menschenverachtende
Sündenlehren und Sühneopfervorstellungen kein Platz mehr sei.
Der prophetische Kirchenkritiker berichtet
auch, wie ihm im Jahr1911 im katholischen Bayern ein Schock-Erlebnis widerfuhr, das ihn zum Reformer machte.
Er sah sich die Kirche auf der Fraueninsel im Chiemsee an:
„Als ich gerade bei einem Beichtstuhl vorübergehen
will, fällt neben mir ein fast zwei Meter großer blonder Bauernjunge von etwa zwanzig Jahren in die
Knie und rutscht drei Schritte auf das Gitter des Beichtstuhles zu, um dort mit einem Flüstern zu beginnen.“
Der Reformer war über diese menschenverachtende Demütigung entsetzt: „Da fragte ich mich: Habt ihr
das aus dem stolzen Volk gemacht, daß es die Unwürdigkeit eines derartigen Kniefalles nicht mehr versteht?“
Das Christentum müsse menschengemäß werden und dürfe nicht entwürdigen – ermahnte er.
Der Name
dieses 1946 hingerichteten Reformers ist heute in Kirchenreformkreisen in totale Vergessenheit geraten.
Würde sein Name – Alfred Rosenberg, Chefideologe der ‘Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei’ –
genannt, würde helle Empörung wach.
Die Zitate stammen aus seinem Buch „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“.
Eines ist einer autobiographischen Notiz, die in „Letzte Aufzeichnungen 45/46“ nachzulesen ist, entnommen.
Frappierend ist die Ähnlichkeit dieser weitgesteckten Reformideen mit der konziliären und nachkonziliären
Liturgiereform.