Donnerstag, 15. Mai 2008 11:55
Ökumene bis der Notarzt kommt
Luther rutschte in Rom auf den Knien die Heilige Treppe hoch, auf der angeblich Jesus zum Palast des Pilatus geschritten sein soll, um einen Ablaß für seinen verstorbenen Großvater zu erwerben.
Die Pfarrerin Antje Müller in der 'Wetterauer Zeitung'
Die Pfarrerin Antje Müller in der ‘Wetterauer Zeitung’
(kreuz.net) Die evangelische Pfarrerin Antje Müller hat im Rahmen eines dreimonatigen Studienurlaubs in Rom die Situation der protestantischen Minderheit in Italien zu ergründen versucht.

Dabei machte sie nach eigenen Angaben auch Bekanntschaft mit „extremen Formen des Glaubens“. Das berichtete die ‘Wetterauer Zeitung’. Das Blatt erscheint als Tageszeitung in der Region zwischen Gießen und Frankfurt am Main.

Frau Müller arbeitet in der Stadt Reichelsheim – dreißig Kilometer nördlich von Frankfurt am Main.

Vor der ‘Wetterauer Zeitung’ bietet die lutherische Pfarrerin zwei Zitate ihres Religionsgründers, des abgefallenen Augustinermönchs Martin Luther († 1546).

Das erste: „Sei gegrüßt Du heiliges Rom, wahrhaft heilig von den heiligen Märtyrern, von deren Blut es trieft.“

Diesen Satz sprach Luther im Jahr 1510, als er als regulärer Augustinermönch zu Fuß über die Alpen nach Rom reiste und sich beim Eintritt in die Stadt auf die Knie warf.

Luther sei zu diesem Zeitpunkt noch ganz den „damaligen katholischen Praktiken“ verhaftet gewesen – entschuldigt Frau Müller.

So sei er die Heilige Treppe bei der Lateranbasilika auf den Knien hochgerutscht, „auf der angeblich Jesus zum Palast des Pilatus geschritten sein soll, um einen Ablaß für seinen verstorbenen Großvater zu erwerben“ – so die ‘Wetterauer Zeitung’ wörtlich.

Später habe er „das“ selbstironisch kritisiert: „Auch ich war zu Rom ein toller Heiliger, lief durch alle Kirchen und Kluften und glaubte alles, was dasselbst erstunken und erlogen ist.“

Für Frau Müller unfaßbar
Die Pastorin stellte zu ihrem Schrecken in Rom fest, daß sich fast 500 Jahre später in manchen Punkten in Rom immer noch nicht viel geändert habe: „Noch immer rutschen kniende Menschen betend die Scala Santa hoch, um Ablässe zu erwerben.“

Auch beim Besuch der vier römischen Hauptbasiliken sowie beim Vollbringen anderer verdienstlicher Werke wie Gebete und Meßbesuche werde ein Ablaß in Aussicht gestellt.

Der Ablaß ist eine Vergebung der genugtuenden Buße, die für Sünden geleistet werden müssen, die bereits in der Beichte nachgelassen wurden.

Die lutherische Pastorin muß immerhin zugeben, daß der Ablaß heute auch in Rom nicht mehr gegen Geld gewährt wird: „Aber die veräußerlichte, formalistische, ja abergläubische Frömmigkeit, die dahinter steht, ist die gleiche geblieben“ – verurteilt sie.

Es sei für Frau Müller unfaßbar, daß „die katholische Kirchenleitung“ bis heute am Ablaßwesen festhält: „Der ökumenische Konsens mit den Lutheranern, der 1999 in Augsburg verkündet wurde, wird durch solche Praktiken wieder zunichte gemacht“ – erklärt Frau Müller.

Die Lutheranerin dankt Gott dafür, daß der Ablaß heute für „deutsche Katholiken“ kaum noch eine Rolle spielt. Aber in den romanischen Ländern feiere er „fröhliche Urstände“.

Massenhysterie mit Billigung des Vatikans
Die Volksfrömmigkeit treibe dort überhaupt „seltsamsten Blüten“:

„So verehrt man weinende Madonnenstatuen, blutende Hostien, und seit März ist in Süditalien der Padre-Pio-Kult wieder hochgekocht.“

Padre Pio stellt Frau Müller als „ein umstrittener Kapuzinermönch aus Apulien“ vor, der „angeblich“ heilerisch und prophetisch tätig gewesen sei und die Wundmale Christi am Körper getragen habe:

„Zehntausende versammeln sich, um seine sterblichen Überreste zu verehren. Eine Art Massenhysterie mit Billigung des Vatikans“ – so das scharfe Urteil der Lutheranerin: „Dies alles betrübt mich etwas.“

Der Lichtblick
Dagegen war die Lutheranerin von den Mitarbeitern der auf tiefem journalistischem Niveau operierenden deutschen Sektion von Radio Vatikan erfreut. Sie seien „erfrischend offen und lebendig.“

Der Leiter dieser Sektion, Pater Eberhard von Gemmingen, fahre allmorgendlich mit seiner Vespa zur Arbeit und habe kürzlich vorgeschlagen, daß Frauen zu Kardinälen ernannt werden könnten.

Die „Truppe von Radio Vatikan“ sei echt ein munterer Haufen: „Man würde das gar nicht denken, sondern sie eher der Hofberichterstattung verdächtigen.“

Lob von der Protestantin bekommen auch die Gemeinschaft von St. Egidio und die Kleinen Schwestern von Charles de Foucauld.

Beide Gruppierungen sind in erster Linie sozial und politisch ausgerichtet.
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