Freitag, 16. Mai 2008 17:00
Fragen über Fragen
Warum berief unser Herr Jesus Christus jüdische Männer zu seinen Aposteln, wenn diese dem Alten Bund hätten treu bleiben sollen? Von Uwe Lipowski.
Orthodoxe Juden
Orthodoxe Juden
(kreuz.net) Als mündiger Christ habe ich mir Gedanken zur sechsten Karfreitagsfürbitte des Neuen Ritus gemacht, in welcher die Kirche für die Juden betet.

Diese Fürbitte ist seit knapp vierzig Jahren gebräuchlich und wurde von Papst Paul VI. († 1978) eingeführt. Sie lautet:

Laßt uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.

(Beuget die Knie. – Stille – Erhebet euch.)

Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast Abraham und seinen Kindern
deine Verheißung gegeben.
Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk,
das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast:
Gib, daß es zur Fülle der Erlösung gelangt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.


In dieser Anrufung bittet der Neue Ritus unter anderem, daß Gott die Juden in der Treue zu seinem zuerst gesprochenen Bund bewahren möge.

Damit ist die ursprüngliche Bitte der Kirche, daß die Juden unseren Herrn Jesus Christus erkennen mögen, aufgegeben worden.

Je häufiger ich diese Formulierung durchlese und den angedeuteten Kontext betrachte, desto mehr Fragen stellen sich mir.

Ich habe diese Fragen im Folgenden zusammengestellt und so formuliert, daß fast immer eine zeitsparende Beantwortung mit Ja oder Nein möglich ist.

Ich hoffe, daß diese Fragen ohne die oft gebrauchten dialektischen Verrenkungen beantwortet werden können:

• Ist die Aussage Christi „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6) so zu verstehen, daß die Juden, sofern sie zum Vater gelangen, nicht durch ihn, sondern durch jemand anderen dorthin kommen?

• Ist die Aussage Christi „Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16) so zu verstehen, daß es für bestimmte Menschen einen Sonderweg mit bewußter Ablehnung von Taufe und Glauben gibt, um gerettet statt verdammt zu werden?

• Meinte der Heiland bei seinem Missionsauftrag „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19) in Wirklichkeit doch nicht alle Menschen?

• Wollte er die Juden von der Taufe und der Jüngerschaft ausgenommen wissen?

• Handelte der Apostel Petrus, der selber jüdischer Abstammung war, irrig, als er am Pfingsttag zahlreiche Juden taufte (Apg 2)?

• Warum berief Christus jüdische Männer zu seinen Aposteln, wenn diese doch dem Alten Bund hätten treu bleiben sollen?

• Ist die Aussage Christi „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11,27) so zu verstehen, daß der Vater den Juden anders als durch Jesus Christus geoffenbart wird?

• Warum wurden die der Erlösung harrenden Heiligen des Alten Testamentes genau dann auferweckt, als Christus sein Erlösungswerk des Neuen und Ewigen Bundes vollendet hatte (Mt 27,52f), wo doch der Neue Bund für die Juden nicht heilsnotwendig ist?

• Ist die Feststellung „Da riß der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei“ (Mt 27,51) direkt im Anschluß an den Bericht über den Kreuzestod Jesu darum im Evangelium vermerkt, weil es sich dabei um einen bedeutsamen Vorgang für den Bundesschluß Gottes mit uns Menschen handelt?

• Ist das Zerreißen des Vorhanges im Tempel ein bildhafter Hinweis auf die Erfüllung und das Ende des Alten Bundes?

• Muß der allmächtige Gott noch irgendeinen Punkt seiner im Alten Testament gegebenen Bundesversprechen einlösen? Wenn ja, welchen?

• Irrten die Kirchenlehrer der letzten zwanzig Jahrhunderte, als sie sagten, daß der Alte Bund erfüllt sei?

• Muß man einem Bund treu sein, der nicht mehr besteht, weil er erfüllt ist?

• Ist es angesichts des Kreuzesopfers Christi und seiner Auferstehung eine gegenüber dem allmächtigen Gott angemessene Haltung, in einer Fürbitte so zu tun, als ob Gott seinen aus freien Stücken gegebenen alten Bundeseid noch nicht eingelöst hätte?

Eine ausführlichere Fassung des Textes wurde am 14. Mai 2008 als Offener Brief an die deutschen Bischöfe publiziert.

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