Sonntag, 8. Juni 2008 11:28
Schlimmer als Mord
Ein Philosoph hat lange nicht geglaubt, daß die Abscheulichkeit noch zu seinen Lebzeiten beginnen würde. Doch nun werden die Wahnsinns-Visionen der 60er Jahre von Perückenträgern umgesetzt.
Der emeritierte Münchner Philosoph Robert Spaemann.
Der emeritierte Münchner Philosoph Robert Spaemann.
(kreuz.net, Wien) „Ist ein solches Halbschwein mein Bruder, oder meine Schwester, oder was?“ Das fragte der emeritierte Münchner Philosoph Robert Spaemann (81) anläßlich der Produktion von Mensch-Tier Hybridwesen in Großbritannien.

Spaemann äußerte sich am vergangenen Montag zu dem Thema vor dem ‘Österreichischen Rundfunk’.

Für Spaemann sind Experimente mit Chimär-Wesen kriminell und ein Angriff auf den Gedanken einer Menschheitsfamilie:

„Ich persönlich finde das schlimmer, als einen Menschen umzubringen.“

Der Philosoph vergleicht die Forschung mit Kleinstkindern, die angeblich therapeutischen Zwecken dient, mit den Versuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Damals machten Ärzte mit Juden und anderen Häftlingen Unterkühlungsversuche. Diese dienten später für die Behandlung von Soldaten an der Ostfront: „Aber trotzdem waren diese Forschungen kriminell.“

Darstellung eines Chimärwesens
Darstellung eines Chimärwesens
Mit Vollgas und Perücke in den Abgrund

Im Mai hatte sich Spaemann auch in einem längeren, sehr lesenswerten Artikel im deutschen Monatsmagazin ‘Cicero’ über Chimär-Wesen geäußert.

Dabei erinnerte er an lebensfeindlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte:

Als ich vor dreißig Jahren schrieb, die exzessiven Maßnahmen künstlicher Lebensverlängerung würden mit Sicherheit in nicht ferner Zukunft den Ruf nach Euthanasie aufkommen lassen, da warf man mir absurde Schreckensvisionen vor.

Als ich schrieb, die in Holland legalisierte Tötung auf Verlangen werde auf eine schiefe Ebene führen, die mit der Tötung ohne Verlangen ende, verwies man mich auf die humanitäre Tradition der Niederlande, die einen solchen fundamentalen Sprung ausschließe. Inzwischen werden dort Tausende getötet, die nie danach verlangt haben.

Als das Klonen aufkam und auch das Klonen von Menschen erwogen wurde, wies ich auf die Horrorvision von halbmenschlichen Schimären hin, eines der größten Verbrechen, das Menschen begehen können, der Austritt aus dem Tao, das den unvordenklichen Rahmen des Humanen bedeutet.

Ich glaubte allerdings nicht, daß der Startschuß hierfür noch zu meinen Lebzeiten abgefeuert würde, und zwar im Vereinigten Königreich, dessen Richter noch mit Perücken Recht sprechen.


Die Vision der Befürworter
Der Philosoph erklärt in dem ‘Cicero’-Beitrag auch, warum es hochproblematisch ist, das menschliche Erbgut planmäßig verbessern zu wollen.

Er erinnerte dabei an die Visionen der Befürworter auf einer Konferenz in den 60er Jahren.

Bei dem Symposium forderten die Teilnehmer die Produktion von intelligenten Menschen, die Krankheitserregern
Robert Spaemann
„Es fehlen die Kriterien, um eine systematische Verbesserung des menschlichen Genpools ins Auge fassen zu können. Was ist ein wünschenswerter Mensch?“
bei interplanetarischen Aufenthalten widerstehen könnten und gleichzeitig die Produktion von einfältigen, aber fleißigen und zufriedenen Sklavennaturen, um die niederen Dienste zu leisten.

Spaemann warnt, daß – wenn die qualitative Identität der Mensch planbar würde – diese „humanbiologische Planwirtschaft“ nicht den Eltern überlassen werde.

Ein weiteres Argument ist für den Philosophen noch schwerwiegender:

„Es fehlen die Kriterien, um eine systematische Verbesserung des menschlichen Genpools ins Auge fassen zu können. Was ist ein wünschenswerter Mensch? Soll er intelligenter sein oder glücklicher? Oder warmherziger, kreativer, genügsamer, robuster, sensibler? Man muß die Frage nur stellen, um ihre Absurdität zu erkennen.“

Auch die Bekämpfung von Krankheiten und angeblichen Defekten durch einen Eingriff in die Keimbahn sieht Spaemann kritisch:

„Was ist ein eindeutiger Defekt? Eine Abweichung von der Norm? ‘Gesundheit’ im Sinne des Gesundheitsbegriffs der Weltgesundheitsorganisation?“

Gemessen am Gesundheitsbegriff „eudaimonia“ der Griechen bewertet Spaemann die damaligen Dissidenten in der Sowjetunion als „psychisch Kranke“.

Die Dissidenten waren unangepasst und litten unter der herrschenden Normalität – beschreibt Spaemann:

„Sie wollten lieber leiden, als das Abnormale dieser Normalität nicht mehr zu empfinden.“

Spaemann warnt, daß Menschen bald nur noch jene Rücksichten zuteil werden, welche Tierschutzgesetze für Schweine vorschreiben, bevor diese geschlachtet werden.

©Bild Chimäre: Rebecca Kennison, CC
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