Dienstag, 17. Juni 2008 09:46
Die vierzigjährige Tyrannei der Sandalisten
Gestern abend nahm ich am vielleicht schönsten Gottesdienst meines Lebens teil. Von Damian Thompson.
Alte Messe im Londoner Oratorium.
Alte Messe im Londoner Oratorium.
(kreuz.net) Gestern abend nahm ich am vielleicht schönsten Gottesdienst meines Lebens teil.

Pater Julian Large – ein ehemaliger Journalist der britischen Tageszeitung ‘The Telegraph’ – zelebrierte im Kleinen Oratorium in London eine traditionelle Messe.

Anlaß war die Veröffentlichung des Buches „In the Footsteps of Joseph Ratzinger“ – In den Fußstapfen Joseph Ratzingers – von Alessandra Borghese.

Das war eine unvergeßliche Erfahrung – eine großartige römische Liturgie im kleinen Rahmen.

Pater Julian trug eine blutrote, mit Gold bestickte Kasel. Er bot eine virtuose Darstellung der heiligen Gesten der traditionellen Messen. Manchmal verschwand der Pater fast hinter den Weihrauchsäulen.

Die Liturgie war feierlich, nicht im entferntesten affektiert.

Weil der Priester das Meßopfer zu Gott hin darbrachte – und in die gleiche Richtung blickte wie die Gläubigen – wurde seine Persönlichkeit irrelevant.

Das Buch von Prinzessin Borghese ist eine persönliche und liebevolle Auskundschaftung der bayrischen Wurzeln von Benedikt XVI.

Der Papst wäre über die Vorstellung des Buches im Rahmen einer Alten Messe erfreut gewesen, die dem hastig zusammengestellten – und auf eine barbarische Weise übersetzten – Bugnini-Meßbuch, das der Kirche im Jahr 1970 aufgezwungen wurde, in so vielfältiger Weise überlegen ist.

Vor einigen Jahren las ich einen bemerkenswerten Artikel des australischen Dominikaners, Pater Efraem Chiffley, mit dem Titel „Opfer und heiliger Raum“.

Darin erklärt der Pater, daß die Gott zugewandte Liturgie der natürlichen Orientierung des Menschen zum Heiligen hin näher ist als die weltlichen Schwatz-Gottesdienste.

Das komme sogar in Zeremonien zum Ausdruck, die vom Christentum so weit entfernt sind wie zum Beispiel der Kult der australischen Ureinwohner.

Ein anderer Dominikaner, Pater Aidan Nichols – den der Heilige Vater hoffentlich als Nachfolger von Kardinal Cormac Murphy-O’Connor in Betracht zieht – kommt zu einem ähnlichen Schluß:

„Riten, die keine Distanz erlauben, verweigern den Gläubigen auf eine paradoxe Weise, sich die Gottesdiensthandlung anzueignen. Sie behindern sie gerade dort, wo sie durch einen Sprung der religiösen Einbildungskraft zu Gott hingezogen werden könnten“ – schreibt er.

Es gibt in der Kapelle des Brompton Oratory in London keine große räumliche Distanz zwischen Priester und Volk.

Dennoch hüllte der Eindruck einer kosmischen Weite, der durch den Ritus erzeugt wird, die Gläubigen in Ehrfurcht und sogar in Erschütterung.

Beim anschließenden Abendessen kam die Konversation immer wieder auf diese Messe zurück: So groß war der Eindruck, der von ihr erzeugt wurde.

Interessanterweise erwähnte die Prinzessin in ihrer Ansprache nicht die ergreifenden Augenblicke der Liturgie, sondern sie sprach über ihre persönliche Beziehung zu Jesus.

Einer von denen, die ihr zustimmend zuhörten war Nicky Gumbel, der Vikar der betont protestantischen Holy Trinity Kirche in Brompton.

Gumbels Alpha Kurse haben Teile der anglikanischen Gemeinschaft in England mit moderner Orthodoxie erfüllt.

Papst Benedikt XVI. möchte die katholische Kirche durch die Wiedereinführung der rechtgläubigen Liturgie wiederbeleben, nachdem diese durch eine vierzigjährige Tyrannei von Sandalisten verwüstet worden ist.

Ich glaube, es nicht übertrieben zu sagen, daß die Zukunft des englischen Katholizismus von der Ernennung eines Erzbischofs von Westminster abhängt, der diese Vision teilt.

Aber wo können wir einen solchen Mann finden?

Der Text wurde am 12. Juni im Blog veröffentlicht, den der katholische Journalist Damian Thompson bei der britischen Tageszeitung ‘The Telegraph’ unterhält.

© Titelbild: traditionalcatholic.org.uk
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