11:57:02 | Dienstag, 7. Oktober 2008
„Schon damals las bei uns der Priester die Heilige Messe auf Deutsch und der Kirchengemeinde zugewandt, was
Pius Parsch, dem bekannten Liturgie-Reformer, zu danken war.“

Kardinal Theodor Innitzer
(kreuz.net) Am 7. Oktober 1938 feierten die katholischen Jugendlichen Wiens das Rosenkranzfest. Daraus
wurde eine große Demonstration gegen die Nationalsozialisten.
Darüber berichtete der Zeitzeuge Bernhard
Stillfried – ehemaliger Sektionschef und gegenwärtiger Geschäftsführer der Wiener „Österreich Kooperation“ –
am 3. Oktober in der ‘Wiener Zeitung’.
Sechs Monate vor dem 7. Oktober 1938 war die Wehrmacht in Österreich
einmarschiert.
Das Rosenkranzfest wurde mit einer Abendmesse im Wiener Stephansdom gefeiert. Der Gottesdienst
richtete sich besonders an die Jugend.
Zu dieser Zeit waren die katholischen Jugendverbände bereits
von den National-Sozialisten verboten worden.
Liturgische DeutschtümlereienStillfried absolvierte
damals die von Laien geführte katholische Neulandschule, die – wie er ausführt – zu Recht als „sehr
fortschrittlich“ galt:
„Schon damals las bei uns der Priester die Heilige Messe auf Deutsch und der Kirchengemeinde
zugewandt, was
Pius Parsch, dem bekannten Liturgie-Reformer, zu danken war.“
„Nicht selten hat Domkurat
Karl Rudolf, Gründervater der Neulandschule, die Messe in unserer Schulkapelle nach der neuen Liturgie
zelebriert“ – erinnert sich Stillfried.
Für die Rosenkranz-Messe des Wiener Erzbischofs, Kardinal Theodor
Innitzer, durfte keinerlei Werbung gemacht werden – auch kirchenintern nicht.
Jugendmesse im alten Stil
Darum erwartete die Jugendseelsorge der Diözese keinen Massenandrang. Dennoch kamen die katholischen
Jugendlichen – aufgrund von Mund zu Mund Propaganda – zu Tausenden, erinnert sich Stillfried:
Dicht gedrängt
standen sie im Dom: „Deutlich war das Verlangen dieser jungen Menschen zu spüren, sich mit ihrer bedrängten
Kirche zu solidarisieren.“
Kardinal Innitzer zelebrierte die Messe. Ein Jugend-Priester hielt die Predigt.
„Als das Rosenkranzfest an seinem Ende angelangt zu sein schien, bestieg der Kardinal die Kanzel; das
war – wir fühlten es genau – nicht vorgesehen gewesen“, erzählt Stillfried:
„Er begann mit den Worten:
»Unser Führer ist Christus, unser König«. Wir alle verstanden das, wir alle empfanden das so: Unser
Führer war Hitler wirklich nicht!“
Freudige Zustimmung erfüllte den Dom: „Nach der Ansprache des Kardinals
sangen wir »Großer Gott, wir loben Dich« und das Herz-Jesu-Bundeslied »Auf zum Schwure«.“
„Wir danken
unserem Bischof“Das Gedränge beim Verlassen der Kirche war groß: „Denn alle wollten ihrem Oberhirten
auf dem kurzen Weg ins nahe Erzbischöfliche Palais das Geleit geben.“
„Niemand von uns wollte schon
nach Hause gehen, noch viel zu erfüllt waren wir alle von dem gerade Erlebten“ – erinnert sich Stillfried:
„Wir verweilten vor dem Erzbischöflichen Palais, und unsere Lieder wechselten sich mit Sprechchören
ab: »Wir wollen unsern Bischof sehn« oder »Wir danken unserm Bischof«.“
Der Kardinal zeigte sich
am Fenster und winkte uns zu, sodaß erneuter Jubel ausbrach.
Doch dann gab es Schwierigkeiten: „Einige
Dutzend Hitlerjungen tauchten auf und versuchten zu stänkern, doch sie wurden abgedrängt; die kecksten
von ihnen bezogen auch Prügel.“
„Das Regime war auf diese Massenkundgebung nicht vorbereitet gewesen,
und zufällige Passanten wollten ihren Augen nicht trauen“ – erinnert sich Stillfried: „Das so etwas unter
Hitler noch möglich war!“
Gnadenlose VergeltungDoch am Abend des 8. Oktober erfolgte die Rache: Kommandos
der Hitler-Jugend stürmten das Erzbischöfliche Palais, zerschlugen Fenster und Türen, stürzten Möbel
um, zerschnitten Wandbilder und drangen in die Privatgemächer des Kardinals ein, der gerade noch in Sicherheit
gebracht werden konnte.
Die jugendliche Sturmtruppe warf Möbel und sonstige Gegenstände aus den Fenstern,
die später auf dem Gehsteig unter Gejohle in Brand gesteckt wurde.
Dann zog die Horde auf die gegenüber
liegende Seite des Stephansplatzes zum Curhaus – der Residenz der im Dom beschäftigten Priester –, wo
man den Jugendseelsorger vermutete.
Hier wiederholte sich das gewaltsame Schauspiel, alles wurde kurz
und klein geschlagen: „Dann bekamen die Hitler-Anhänger einen der Kuraten zu fassen, warfen ihn aus dem
Fenster und ließen ihn schwer verletzt unten liegen.“
Kurz danach verhaftete die Gestapo eine größere
Zahl katholischer Jugendführer. Einige von ihnen landeten im Konzentrationslager.
Die NSDAP organisierte
eine Massenkundgebung auf dem Heldenplatz. Dabei wurde Kardinal Innitzer vor etwa 200.000 fanatisierten
Kirchenfeinden als „Verräter an Volk und Führer“ beschimpft.
Stillfrieds Zusammenfassung: „Der 7. Oktober
1938 und der schlimme Tag danach symbolisieren das Verhältnis zwischen der Katholischen Kirche und dem
Nationalsozialismus.“