Nationalsozialismus
Einen Vikar warf man aus dem Fenster
„Schon damals las bei uns der Priester die Heilige Messe auf Deutsch und der Kirchengemeinde zugewandt, was Pius Parsch, dem bekannten Liturgie-Reformer, zu danken war.“
Kardinal Theodor Innitzer
Kardinal Theodor Innitzer
(kreuz.net) Am 7. Oktober 1938 feierten die katholischen Jugendlichen Wiens das Rosenkranzfest. Daraus wurde eine große Demonstration gegen die Nationalsozialisten.

Darüber berichtete der Zeitzeuge Bernhard Stillfried – ehemaliger Sektionschef und gegenwärtiger Geschäftsführer der Wiener „Österreich Kooperation“ – am 3. Oktober in der ‘Wiener Zeitung’.

Sechs Monate vor dem 7. Oktober 1938 war die Wehrmacht in Österreich einmarschiert.

Das Rosenkranzfest wurde mit einer Abendmesse im Wiener Stephansdom gefeiert. Der Gottesdienst richtete sich besonders an die Jugend.

Zu dieser Zeit waren die katholischen Jugendverbände bereits von den National-Sozialisten verboten worden.

Liturgische Deutschtümlereien

Stillfried absolvierte damals die von Laien geführte katholische Neulandschule, die – wie er ausführt – zu Recht als „sehr fortschrittlich“ galt:

„Schon damals las bei uns der Priester die Heilige Messe auf Deutsch und der Kirchengemeinde zugewandt, was Pius Parsch, dem bekannten Liturgie-Reformer, zu danken war.“

„Nicht selten hat Domkurat Karl Rudolf, Gründervater der Neulandschule, die Messe in unserer Schulkapelle nach der neuen Liturgie zelebriert“ – erinnert sich Stillfried.

Für die Rosenkranz-Messe des Wiener Erzbischofs, Kardinal Theodor Innitzer, durfte keinerlei Werbung gemacht werden – auch kirchenintern nicht.

Jugendmesse im alten Stil

Darum erwartete die Jugendseelsorge der Diözese keinen Massenandrang. Dennoch kamen die katholischen Jugendlichen – aufgrund von Mund zu Mund Propaganda – zu Tausenden, erinnert sich Stillfried:

Dicht gedrängt standen sie im Dom: „Deutlich war das Verlangen dieser jungen Menschen zu spüren, sich mit ihrer bedrängten Kirche zu solidarisieren.“

Kardinal Innitzer zelebrierte die Messe. Ein Jugend-Priester hielt die Predigt.

„Als das Rosenkranzfest an seinem Ende angelangt zu sein schien, bestieg der Kardinal die Kanzel; das war – wir fühlten es genau – nicht vorgesehen gewesen“, erzählt Stillfried:

„Er begann mit den Worten: »Unser Führer ist Christus, unser König«. Wir alle verstanden das, wir alle empfanden das so: Unser Führer war Hitler wirklich nicht!“

Freudige Zustimmung erfüllte den Dom: „Nach der Ansprache des Kardinals sangen wir »Großer Gott, wir loben Dich« und das Herz-Jesu-Bundeslied »Auf zum Schwure«.“

„Wir danken unserem Bischof“

Das Gedränge beim Verlassen der Kirche war groß: „Denn alle wollten ihrem Oberhirten auf dem kurzen Weg ins nahe Erzbischöfliche Palais das Geleit geben.“

„Niemand von uns wollte schon nach Hause gehen, noch viel zu erfüllt waren wir alle von dem gerade Erlebten“ – erinnert sich Stillfried:

„Wir verweilten vor dem Erzbischöflichen Palais, und unsere Lieder wechselten sich mit Sprechchören ab: »Wir wollen unsern Bischof sehn« oder »Wir danken unserm Bischof«.“

Der Kardinal zeigte sich am Fenster und winkte uns zu, sodaß erneuter Jubel ausbrach.

Doch dann gab es Schwierigkeiten: „Einige Dutzend Hitlerjungen tauchten auf und versuchten zu stänkern, doch sie wurden abgedrängt; die kecksten von ihnen bezogen auch Prügel.“

„Das Regime war auf diese Massenkundgebung nicht vorbereitet gewesen, und zufällige Passanten wollten ihren Augen nicht trauen“ – erinnert sich Stillfried: „Das so etwas unter Hitler noch möglich war!“

Gnadenlose Vergeltung

Doch am Abend des 8. Oktober erfolgte die Rache: Kommandos der Hitler-Jugend stürmten das Erzbischöfliche Palais, zerschlugen Fenster und Türen, stürzten Möbel um, zerschnitten Wandbilder und drangen in die Privatgemächer des Kardinals ein, der gerade noch in Sicherheit gebracht werden konnte.

Die jugendliche Sturmtruppe warf Möbel und sonstige Gegenstände aus den Fenstern, die später auf dem Gehsteig unter Gejohle in Brand gesteckt wurde.

Dann zog die Horde auf die gegenüber liegende Seite des Stephansplatzes zum Curhaus – der Residenz der im Dom beschäftigten Priester –, wo man den Jugendseelsorger vermutete.

Hier wiederholte sich das gewaltsame Schauspiel, alles wurde kurz und klein geschlagen: „Dann bekamen die Hitler-Anhänger einen der Kuraten zu fassen, warfen ihn aus dem Fenster und ließen ihn schwer verletzt unten liegen.“

Kurz danach verhaftete die Gestapo eine größere Zahl katholischer Jugendführer. Einige von ihnen landeten im Konzentrationslager.

Die NSDAP organisierte eine Massenkundgebung auf dem Heldenplatz. Dabei wurde Kardinal Innitzer vor etwa 200.000 fanatisierten Kirchenfeinden als „Verräter an Volk und Führer“ beschimpft.

Stillfrieds Zusammenfassung: „Der 7. Oktober 1938 und der schlimme Tag danach symbolisieren das Verhältnis zwischen der Katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus.“