Nationalsozialismus
Den Kardinal versteckte man hinter einer Eisentüre
„Eine Jugend, der nichts mehr heilig, die keine Ehrfurcht kennt, ist nicht wert und auch nicht fähig, die Geschicke des deutschen Volkes bestimmend zu gestalten.“
Theodor Kardinal Innitzer, von 1932 bis 1955 Erzbischof von Wien
Theodor Kardinal Innitzer, von 1932 bis 1955 Erzbischof von Wien
(kreuz.net) Am Abend des 7. Oktobers 1938 zelebrierte Theodor Kardinal Innitzer von Wien eine Rosenkranz-Messe für die katholische Jugend.

Doch schon vierundzwanzig Stunden später übte die Hitlerjugend bittere Rache. Das mußte sogar die üblicherweise kirchenfeindliche Wiener Tageszeitung ‘Die Presse’ eingestehen.

Nach Einbruch der Dunkelheit – der Stephansdom war schon geschlossen – stürmte eine Hitler-Meute am 8. Oktober 1938 das nebenan gelegene Palais des Erzbischofs.

Im ersten Stock wurde alles zerschlagen, was nicht niet- und nagelfest war. Tische, Sessel, Bilder, Kleider, Birette, Tischdecken warf man auf die Straße und zündete sie an.

Nach dem Überfall wurden 1245 zerschlagene Fensterscheiben gezählt.

Kardinal Innitzer im Jahr 1933
Kardinal Innitzer im Jahr 1933
Gescheiterte Mordversuche

Der Kardinal befand sich mit seinem Zeremoniär und späteren Erzbischof-Koadjutor, Hw. Franz Jachym († 1984), und Sekretär und späteren Weihbischof, Hw. Jakob Weinbacher († 1985), im Arbeitszimmer.

Als der Lärm immer näher kam, versteckten die beiden Priester den Kardinal im Matrikelarchiv und verschlossen die Eisentür. Die anwesenden Ordensfrauen wurden auf den Dachboden gebracht.

Dann waren die Rowdys schon da. Hw. Jachym wurde im Handgemenge verletzt. Hw. Weinbacher zerrten sie zum Fenster: „Den Hund schmeiß’ ma auße!“

Der Priester in Todesangst wehrte sich erfolgreich.

Gegenüber im Kaffeehaus saß Polizeipräsident Otto Steinhäusl († 1940). Er gab erst nach Ablauf einer festgesetzten Zeit den Einsatzbefehl.

Inzwischen war die Schlägertruppe hinüber zum Curhaus – der Residenz der Dompriester – gestürmt.

Domkurat Johannes Krawarik († 1968) war der Erste, den die Attentäter in ihre Gewalt bekamen.

Sie warfen ihn aus dem Fenster im ersten Stock. Der Geistliche hatte Glück im Unglück. Ein Bauschutthaufen milderte den Aufprall. Hw. Krawarik brach sich beide Beine und mußte bis zum Lebensende Medikamente nehmen.

Vergebliche Proteste

Am nächsten Tag wurden die Spuren des Überfalls in aller Früh von Gemeindearbeitern beseitigt.

Das kirchliche Personal mußte unterschreiben, über die Verbrechen zu schweigen.

Der Päpstliche Nuntius protestierte nach Berlin. Doch Reichskanzler Adolf Hitler schickte ihm nicht einmal eine Antwort.

Abgefallene Katholiken hetzten gegen den Klerus

Für den 13. Oktober mobilisierte der abgefallene Katholik und Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich Josef Bürckel († 1944) etwa 200.000 National-Sozialisten zu einer Kundgebung auf dem Wiener Heldenplatz.

Die Lautsprecher verbreiteten – die auch von den zeitgenössischen Medien bekannten – antiklerikalen Haßrede.

So war von „verlogenen Volksverrätern“, von einer „herrschsüchtigen, machtlüsternen und blutrünstigen Priesterschaft“, von „Herrn Innitzer“ als „verworrensten und heimtückischsten aller politisierenden Kleriker“ die Rede.

Im Jahr 1941 schrieb der Kardinal nach weiteren Attacken der Hitler-Jugend an den national-sozialistischen Reichsstatthalter Baldur von Schirach († 1974):

„Ich kann in den gemachten Erfahrungen nur sehr ernste Symptome für die Zukunft des deutschen Volkes erblicken. Eine Jugend, der nichts mehr heilig, die keine Ehrfurcht kennt, ist nicht wert und auch nicht fähig, die Geschicke des deutschen Volkes bestimmend zu gestalten.“