Kommentar
Altliberaler Träumer von vorgestern
Ein in die Jahre gekommener Weihbischof empfiehlt unbeirrt seine in die Jahre gekommenen Rezepte. Ein Kommentar.
Exponat des altliberalen Katholizismus im Museum.
Exponat des altliberalen Katholizismus im Museum.
(kreuz.net) Die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft seien unverzichtbar. Doch die Zukunft hänge davon ab, daß die Kirche „in der Richtung des Zweiten Vatikanums“ weitergehe.

Das erklärte der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl (76) bei einem Vortrag vor dem kirchenfeindlichen „Forum XXIII“ in St. Pölten.

Die Webseite der Diözese Sankt Pölten publizierte dazu einen Jubelbericht.

Mons. Krätzl gehört zum altliberalen Lager der Konzilsnostalgiker.

Es gelte auf die „Zeichen der Zeit und die Lösungsvorschläge des ganzen Gottesvolkes“ zu hören, da auch aus diesen der Heilige Geist sprechen könne – griff der Weihbischof zu Abgegriffenem.

Dann träumte er von jenen Rezepten für die Zukunft, die bereits die Protestanten in den Abgrund geführt haben.

Kirchenbau der Altliberalen
Kirchenbau der Altliberalen
Seitenhieb auf die Alte Messe

Nach Mons. Krätzl ist die gescheiterte Liturgiereform „längst nicht zu Ende“.

Bei der Frage des Ritus gehe es vor allem um „das neue Kirchenbild“: „Früher hatten wir eine Priestermesse, heute eine Feier aller Gläubigen.“

Daß letztere vor dieser angeblichen Feier aller Gläubigen in Scharen geflüchtet sind und die deutsche Antwort auf „Der Herr sei mit euch“ nicht wissen, beirrt den greisen Weihbischof nicht.

Denn er möchte nach eigenen Angaben „das allgemeine Priestertum weiterdenken“. Doch dann redet er nicht davon, sondern verwechselt es mit dem Weihepriestertum und zeigt eine fatale Fixierung auf den angeblichen Priestermangel.

Er lobt deshalb den Vorschlag des Wiener Pastoraltheologen Hw. Paul Zulehner, neben hauptamtlichen Priestern bewährte Gemeindemitglieder als „Leutpriester“ einzusetzen.

Doch wo er in den ausgelaugten Pfarreien diese „bewährten Gemeindemitglieder“ finden will, sagt der Weihbischof nicht. Außerdem bewegen sich fromme Katholiken – sofern sie heute noch existieren – nicht auf Krätzl-Linie.

Zudem liegt das Problem inzwischen nicht mehr bei der Zahl der Priester, sondern bei jener der Gläubigen.

Auch die Aussage des Weihbischofs, wonach ein Wortgottesdienst mit Kommunionsempfang „sicher nicht das ist, was in der Urgemeinde mit gemeinsamem Brotbrechen gemeint war“ ist eine Peinlichkeit.

Will er die blühende Urgemeinde tatsächlich mit den toten Exitus-Pfarreien der real existierenden Gegenwartskirche vergleichen?

Kein Gegner des Zölibats

Der Weihbischof erklärte in dem Vortrag, „kein Gegner des Zölibates“ zu sein. Das ist die übliche Einleitung für Reden, welche die Abschaffung des Zölibates fordern. Bei Mons. Krätzl ist das nicht anders.

Seine fromme Begründung: „Es geht um die Sakramente, die wir nicht aufgeben dürfen.“

Auch hier fehlt die Konfrontation mit der Wirklichkeit: Die altliberale Konzils-Ideologie, der nihilistische Religionsunterricht und der Wischi-Waschi-Ökumenismus haben schon lange dazu geführt, daß die ausgelaugten Gläubigen gar nicht mehr sakramentenfähig sind, geschweige denn Wissen, was ein Sakrament ist.

Sogar Mons. Krätzl – seines Zeichens Weihbischof – hält Beichtspiegel und Beichte für veraltet.

Als Alternativen empfielt er andere – nichtsakramentale – „Formen der Sündenvergebung“ wie Bußgottesdienste, Bußritus in der Meßfeier, die Lesung der Heiligen Schrift sowie die Kommunion [sic!].

Was führt den Weihbischof dazu, zu glauben, daß diesen angeblichen Alternativen in der heutigen Kirche mehr Glück beschieden sein sollte als der Beichte?

Die Bußgottesdienste lebten bei ihrer Einführung davon, daß sie willkommene Schlupflöcher für jene Gläubigen waren, die der – zugegebenermaßen unangenehmen – Beichte entkommen wollten. Aber nachdem die Beichte de facto abgeschafft ist, braucht der Neugläubige dafür auch keine Ersatzhandlung mehr.

Überbetonte Sexualmoral?

Die Sexualmoral werde überbetont – lamentierte Mons. Krätzl außerdem in seinem Vortrag. Man greift sich an den Kopf: Ist der emeritierte Weihbischof über das Ausmaß der gesellschaftlichen sexuellen Verwahrlosung auf dem letzten Stand?

Dann zieht Mons. Krätzl die unvermeidliche Pastoral an im Konkubinat lebenden Ehebrechern aus dem Hut. Mit Druck auf die Tränendrüse erklärt er, „daß die Betroffenen leiden“ würden.

Auch diesbezüglich scheint der alte Mann in den 60er Jahren hängengeblieben zu sein.

Denn heute liegt der Leidensdruck eindeutig auf jenen, die um ihre Ehe kämpfen, statt den leichten Weg der Scheidung und des Ehebruchs zu gehen.

Doch der altliberale Weihbischof läßt sich aus seinen Träumen von vorgestern nicht wecken: Wenn in einer Ehe „wirklich nichts mehr geht“, müsse es Lösungen geben, die „nicht an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen.“ Wer ist zuständig für die Definierung der Lebenswirklichkeit?

Blumige Schaumsprache

Bei den weihbischöflichen Altersphantasien durfte auch der Ökumenismus nicht fehlen.

Dabei solle das Papstamt „zur Versöhnung der Christen in einer zerrissenen Welt“ genützt werden – erklärte Mons. Krätzl in blumiger Schaumsprache.

Schwebt ihm bei dem päpstlichen Versöhnungsdienst vielleicht das Modell des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury vor Augen? Oder gar die Königin von England?

Mons. Krätzl möchte auch die auf dem Ersten Vatikanum definierte päpstliche Unfehlbarkeit nicht als „Endpunkt der Entwicklung des Papsttums“ sehen. Das ist eine schöne Formulierung. Doch was will der Weihbischof damit positiv sagen?

Mons. Krätzls Schlußbouquet: Die Kirche müsse dem einzelnen „zu mehr Leben“ verhelfen, nicht nur von Gott reden, sondern ihn „erfahrbar“ machen und „die Angst verlieren, ob uns die Gesellschaft noch braucht oder nicht“.

Die von Weihbischof Krätzl empfohlene Gesellschaftskirche hat allen Grund, in solchen Ängsten zu leben.