Pius XII.
Man brauchte einen „moralisch angeschlagenen“ Vatikan
Das Stück von Rolf Hochhuth gegen Papst Pius XII. gehörte in den Theatern der kommunistischen Diktaturen des Ostblocks zum Pflichtprogramm. Von Ingo Langner.
Papst Pius XII.
Papst Pius XII.
(kreuz.net) Der Sowjet-Diktator Josef Stalin († 1953) und seine Satrapen haben die Römisch-Katholische Kirche schon immer gehaßt.

Denn die hat den Marxismus seit seinen Geburtswehen im 19. Jahrhundert als das verdammt, was er ist: eine menschenfeindliche Irrlehre, die in den Abgrund führt.

Daran hielt Pius XII. fest. Das haben ihm die Kommunisten nie verziehen – und Linke aller Couleur auch nicht.

Als 1933 in Deutschland dem roten Totalitarismus ein braunes Spiegelbild gegenübertrat, gaben die Bolschewiki die Parole aus: Antikommunismus führt zum Faschismus.

Dieser propagandistische Unsinn schloß alle aus, die sich vom Lügengespinst aus dem Totenhaus von Marx, Engels, Lenin und Stalin nicht auf irgendeine Weise hatten irre machen lassen.

Zwar gelang es Stalin nicht, sein Reich über den Eisernen Vorhang hinweg weiter nach Westen auszudehnen. Aber westliche Intellektuelle hat er gleichwohl erreicht.

Als der deutsche Theaterschreiber Rolf Hochhuth (77) am Berliner Kurfürstendamm seinen „Stellvertreter“ vom Kommunisten und Regisseur Erwin Piscator († 1966) uraufführen ließ, machten dessen radikale Strichfassung und brillante Regie ein über weite Strecken papierraschelndes Drama in hochfahrender Schillerpose zu einem grandiosen Erfolg, der die westliche Welt erfaßte und an den Theatern des Ostblocks zum Pflichtprogramm wurde.

Trotz Archipel Gulag und Todesstreifen ist die antikatholische kommunistische Saat in Westeuropa geistig so fürchterlich fruchtbar geworden, daß nur noch historisch wirklich Gebildete und standhafte Konservative die Mär vom schweigenden Papst entschieden zurückwiesen.

Warum ausgerechnet Rolf Hochhuth, also ein deutscher Lektor, der bisher bloß mit einer Wilhelm-Busch-Gesamtausgabe hervorgetreten war, die deutsche Schuld an der Shoa dem Vatikan in die Schuhe schob, wollte eine kompakte Majorität nicht wirklich wissen.

Man hatte für diese seltsame Volte sogar eine klammheimliche Sympathie.

Einer Allianz aus sehr unterschiedlichen Kreisen war der nach 1945 größer gewordene katholische Einfluß erst in den drei Westzonen und später in der Bundesrepublik ein Dorn im Auge.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher († 1952) hielt den Vatikan für die fünfte Besatzungsmacht Deutschlands. Einflußreiche protestantische Kirchenmänner dachten ähnlich.

In gewissen kulturtragenden Kreisen war der antirömische Effekt so stark, daß Leute wie der Schriftsteller Günter Grass, dessen eigene Biographie bekanntlich eine SS-Rune ziert, uns bis heute den Unsinn von „Adenauer und der katholische Mief“ auftischen.

Damit versuchten sie, ihren Weg aus den angeblich bleiernen Dunkelkammern von Kirche und Religion ins strahlende Licht der atheistischen Aufklärung plausibel zu machen.

Ideologischer Furor und realpolitisches Kalkül war der Boden, auf dem die Legende vom schweigenden Papst wachsen und Frucht tragen konnte.

Auf die Seite des Furors gehörten Leute wie Fritz J. Raddatz (77), damals wichtigster Mann beim Rowohlt-Verlag, der nach seiner Blitzkarriere in Ostberlin nach 1958 in Hamburg eine noch fulminantere zweite hinlegte, und für Hochhuth zum Propagandachef wurde, der den Welterfolg des „Stellvertreters“ organisierte.

Auf der Seite des Kalküls standen all jene Staaten, deren Interesse es war, lieber mit einem moralisch angeschlagenen Vatikan zu verhandeln.

Aus diesen beiden höchst unterschiedlichen Quellen ergoß sich buchstäblich über Nacht ein mächtiger Fluß, der auch jene Zeitgenossen fortriß, die immer und überall mit dem Strom schwimmen und nicht gegen ihn.

Der Verfasser ist ein Berliner Dokumentarfilmer und Publizist.

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