10:37:42 | Samstag, 11. Oktober 2008
Pius XII.
Das Stück von Rolf Hochhuth gegen Papst Pius XII. gehörte in den Theatern der kommunistischen Diktaturen des Ostblocks zum Pflichtprogramm. Von Ingo Langner.
(kreuz.net) Der Sowjet-Diktator Josef Stalin († 1953) und seine Satrapen haben die Römisch-Katholische
Kirche schon immer gehaßt.
Denn die hat den Marxismus seit seinen Geburtswehen im 19. Jahrhundert als
das verdammt, was er ist: eine menschenfeindliche Irrlehre, die in den Abgrund führt.
Daran hielt Pius
XII. fest. Das haben ihm die Kommunisten nie verziehen – und Linke aller Couleur auch nicht.
Als 1933
in Deutschland dem roten Totalitarismus ein braunes Spiegelbild gegenübertrat, gaben die Bolschewiki
die Parole aus: Antikommunismus führt zum Faschismus.
Dieser propagandistische Unsinn schloß alle aus,
die sich vom Lügengespinst aus dem Totenhaus von Marx, Engels, Lenin und Stalin nicht auf irgendeine
Weise hatten irre machen lassen.
Zwar gelang es Stalin nicht, sein Reich über den Eisernen Vorhang hinweg
weiter nach Westen auszudehnen. Aber westliche Intellektuelle hat er gleichwohl erreicht.
Als der deutsche
Theaterschreiber Rolf Hochhuth (77) am Berliner Kurfürstendamm seinen „Stellvertreter“ vom Kommunisten
und Regisseur Erwin Piscator († 1966) uraufführen ließ, machten dessen radikale Strichfassung und brillante
Regie ein über weite Strecken papierraschelndes Drama in hochfahrender Schillerpose zu einem grandiosen
Erfolg, der die westliche Welt erfaßte und an den Theatern des Ostblocks zum Pflichtprogramm wurde.
Trotz Archipel Gulag und Todesstreifen ist die antikatholische kommunistische Saat in Westeuropa geistig
so fürchterlich fruchtbar geworden, daß nur noch historisch wirklich Gebildete und standhafte Konservative
die Mär vom schweigenden Papst entschieden zurückwiesen.
Warum ausgerechnet Rolf Hochhuth, also ein
deutscher Lektor, der bisher bloß mit einer Wilhelm-Busch-Gesamtausgabe hervorgetreten war, die deutsche
Schuld an der Shoa dem Vatikan in die Schuhe schob, wollte eine kompakte Majorität nicht wirklich wissen.
Man hatte für diese seltsame Volte sogar eine klammheimliche Sympathie.
Einer Allianz aus sehr unterschiedlichen
Kreisen war der nach 1945 größer gewordene katholische Einfluß erst in den drei Westzonen und später
in der Bundesrepublik ein Dorn im Auge.
Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher († 1952) hielt den Vatikan
für die fünfte Besatzungsmacht Deutschlands. Einflußreiche protestantische Kirchenmänner dachten ähnlich.
In gewissen kulturtragenden Kreisen war der antirömische Effekt so stark, daß Leute wie der Schriftsteller
Günter Grass, dessen eigene Biographie bekanntlich eine SS-Rune ziert, uns bis heute den Unsinn von „Adenauer
und der katholische Mief“ auftischen.
Damit versuchten sie, ihren Weg aus den angeblich bleiernen Dunkelkammern
von Kirche und Religion ins strahlende Licht der atheistischen Aufklärung plausibel zu machen.
Ideologischer
Furor und realpolitisches Kalkül war der Boden, auf dem die Legende vom schweigenden Papst wachsen und
Frucht tragen konnte.
Auf die Seite des Furors gehörten Leute wie Fritz J. Raddatz (77), damals wichtigster
Mann beim Rowohlt-Verlag, der nach seiner Blitzkarriere in Ostberlin nach 1958 in Hamburg eine noch fulminantere
zweite hinlegte, und für Hochhuth zum Propagandachef wurde, der den Welterfolg des „Stellvertreters“
organisierte.
Auf der Seite des Kalküls standen all jene Staaten, deren Interesse es war, lieber mit
einem moralisch angeschlagenen Vatikan zu verhandeln.
Aus diesen beiden höchst unterschiedlichen Quellen
ergoß sich buchstäblich über Nacht ein mächtiger Fluß, der auch jene Zeitgenossen fortriß, die immer
und überall mit dem Strom schwimmen und nicht gegen ihn.
Der Verfasser ist ein Berliner Dokumentarfilmer
und Publizist.Nächstes Mal: Nutzlose päpstliche Eitelkeitsshow