11:13:31 | Mittwoch, 19. November 2008
Im zweiten Konklave des Jahres 1978 wählten die Kardinäle zuerst nicht den Krakauer Kardinal Karol Woityla zum Papst, sondern einen anderen, der die Wahl aber ablehnte.

Im Konklave 1978 soll zunächst Kardinal Wyszynski zum Papst gewählt worden sei.
(kreuz.net) Im zweiten Konklave des Jahres 1978 wurde zuerst der damalige Primas von Polen, Stefan Kardinal
Wyszynski († 1981), zum Papst gewählt. Das Konklave war im Oktober 1978 nach dem Tod von Papst Johannes
Paul I. zusammengerufen worden.
Das spektakuläre und bisher unbekannte Detail ist im Tagebuch von Kardinal
Wyszynski enthalten. Die Aufzeichnungen im Tagebuch beginnen im Jahr 1948 und enden mit dem Tod des Kardinals
im Jahr 1981.
Diese wichtige geschichtliche Informationsquelle wurde nie publiziert.
Der Nachfolger
des Kardinals, Jozef Kardinal Glemp (78), beschloß, das Tagebuch bis zur Vollendung des Seligsprechungsprozesses
von Kardinal Wyszynski unter Verschluß zu halten.
Bisher hatten nur wenige Historiker Zugang zu diesen
Tagebüchern.

Stefan Kardinal Wyszynski
Einer von ihnen ist Peter Reina, dessen Buch „1978. Die Wahl von Johannes Paul II.“ in
der letzten Woche in Polen erschienen ist.
Bis jetzt war die Rolle Kardinal Wyszynskis während des Konklaves
unklar, weil die Kardinäle, die daran teilnahmen, zum Schweigen verpflichtet waren.
Kardinal Wyszynski
selber redet in seinem Tagebuch auch nicht offen von der Wahl. Die Tatsache kann aber aus seinen Formulierungen
rekonstruiert werden.
Einen Tag nach dem Konklave notierte er in seinem Tagebuch die Antworten, die er
dem Kardinalkämmerer auf die Frage gab, ob er die Wahl annehmen würde.
Er sagte ab. In dem Tagebuch
gibt er folgende Gründe an:
Erstens: Der Papst solle ein Italiener sein, weil die Römer das Recht auf
einen Landsmann als Bischof hätten.
Zweitens: Die Lebensaufgabe des Primas von Polen sei, die Kirche
im Osten Zentraleuropas zu verteidigen. „Ich werde sogar an der polnisch-sowjetischen Grenze fallen, wenn
Gott das möchte“.
Drittens: Er sei schon 77 Jahre alt und nach seiner Meinung sollte ein Papst viel
Kraft zum Arbeiten haben.
Viertens: Zum Papst solle jemand gewählt werden, der dafür allseitig vorbereitet
sei.
Fünftens: „Wenn Kardinal Wojtyla gewählt würde, wäre er verpflichtet die Wahl anzunehmen, weil
seine Aufgaben in Polen anders sind.“
Der polnische Historiker Peter Raina war einer der wenigen, die
bisher Zugang zu den Tagebüchern von Kardinal Wyszynski gehabt haben. Er hat darüber das Werk „1978 –
die Wahl von Johannes Paul II.“ veröffentlicht.
Nach Rainas Angaben wurde Kardinal Wyszynski am 15.
Oktober 1978 in der dritten Abstimmung zum Papst gewählt.
Nach seiner Ablehnung tauchte in der vierten
Abstimmung neben den Namen der favorisierten italienischen Kardinäle Siri, Felici und Benelli der Name
von Karol Wojtyla auf.
Als Wendepunkt kann man ein Abendessen nach dem ersten Konklavetag bezeichnen,
bei dem Kardinal Giuseppe Siri von Genua, Kardinal John Krol von Philadelphia, Kardinal Karol Wojtyla
von Krakau und Kardinalprimas Stefan Wyszynski von Warschau gemeinsam tafelten.
Dabei machte Kardinal
Siri, der bisher die meisten Stimmen für sich vereinigt hatte, das Angebot, sich zurückzuziehen und
seine Anhänger zu bitten, ihre Stimmen Kardinal Wojtyla zu geben.
Er bat auch den polnischstämmigen
Kardinal Krol darum, bei den amerikanischen Kardinälen für Kardinal Wojtyla zu werben.
Ab diesem Zeitpunkt
setzt sich auch Kardinal Wyszynski für die Wahl seines Krakauer Mitbruders ein.