Evolution
Er weiß alles
Ein Mitglied der ‘Päpstlichen Akademie der Wissenschaften’ hat keine Glaubenszweifel: „Wir haben unsere Religionssysteme alle erfunden“.
Der deutsche Neurophysiologe und Hirnforscher Wolf Singer.
Der deutsche Neurophysiologe und Hirnforscher Wolf Singer.
© Mathias Schindler, CC
(kreuz.net) Der deutsche Neurophysiologe und Hirnforscher Wolf Singer (65) ist auch Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Am 23. Oktober sprach er mit der altliberalen Wochenzeitung ‘Die Zeit’ über Religion.

Sein Gesprächspartner war der sogenannte Wissenschaftsredakteur des Blattes, Ulrich Schnabel (46).

Singer hat in der Vergangenheit ein Buch mit dem in Nepal als buddhistischer Mönch lebenden Franzosen und Molekularbiologen Matthieu Ricard (62) verfaßt. Deshalb fragte ihn die ‘Zeit’: „Wird der Hirnforscher Singer zum Esoteriker?“

Singer verneint erwartungsgemäß. Er sei in Sachen Meditation einfach neugierig gewesen und habe sich außerdem vor einigen Jahren in einer Zeit starker beruflicher Belastung bei einer zehntägigen Zen-Übung angemeldet.

Sitzen vor der Wand

Dort sei er vom harten Regime überrascht worden: „Schweigen, keinerlei äußere Reize, stundenlanges Sitzen vor der Wand, konzentriert auf die Haltung, die Atmung, den gegenwärtigen Moment.“

Das Ergebnis: Am Ende war Singer beeindruckt.

Danach sei auch seinen Mitarbeitern aufgefallen, daß er „so ruhig“ geworden sei: „Plötzlich fuhr ich auf der rechten Spur der Autobahn, brauchte kein Radio und war eigentlich ganz glücklich mit mir.“

In der Meditation erreiche man einen mentalen Zustand, der sich vom Alltagsbewußtsein deutlich unterscheide.

Im Default-Zustand der Seele stelle sich ein Gefühl des „In-der-Welt-Seins“ ein:

„Diese Erfahrung entspricht mit Sicherheit getreuer der Persönlichkeit, die man ist, als das, was man erlebt, wenn man ständig von Tagesereignissen getrieben wird.“

Alles nur Hyperventilation

Singer brachte auch einmal eine Zeit bei den orthodoxen Mönchen auf dem Berg Athos in Nordgriechenland zu: „In der Fastenzeit vor Ostern haben sich die Mönche alle zwei Stunden aufwecken lassen und gemeinsam gesungen, was mit starker Hyperventilation einherging“ – durchschaut Singer souverän die monastischen Gebete.

Schließlich hätten sie ein großes Licht gesehen, Stimmen gehört und seien in Kontakt mit der Welt der Gottheit gekommen.

Singer weiß natürlich: „Solche Halluzinationen sind das Ergebnis von Schlafentzug und Hyperventilation.“

Dann könne auch das Jesus-Syndrom auftreten. Es ist nach Singer ein Krankheitsbild, bei dem im Gehirn fast unbemerkbare Epilepsien auftreten:

Die Patienten berichteten dabei häufig von einem wunderbaren Gefühl, das sich in ihnen ausbreite: Plötzlich stimme alles mit allem überein: „Sie beschreiben dieses Gefühl so, wie Religionsstifter die Erleuchtung beschreiben.“

Auch hier ist Singer mit seinem Latein nicht am Ende: „Der Hirnforscher aber weiß: Da krampft ein Stück Gehirn, das normalerweise als eine Art innerer Zensor fungiert.“

Man könne dieses „versöhnliche Gefühl“ allerdings auch „ganz real herstellen“, indem man zum Beispiel Konflikte wirklich beseitigt.

Beten ist Einbildung

Für Singer hat diese Art der Meditation „überhaupt keine“ religiöse Konnotation.

Die Frage nach seinen religiösen Überzeugungen beantwortet Singer ausweichend.

Er sei zwar in manchen Auffassungen – etwa darüber, wie die Welt „strukturiert“ sei – gewissen Interpretationen des Buddhismus nahe.

Doch als Buddhist will er sich nicht bezeichnen: „Denn ich bin natürlich als integriertes Mitglied dieser abendländischen Gesellschaft massiv geprägt von christlichen Glaubens- und Wertevorstellungen.“

Als Naturwissenschaftler könne er „die konkreten Ausformungen dieses Glaubenssystems oft nicht nachvollziehen.“

Er halte es für möglich, „daß ich etwa durch das Beten eine Self-fulfilling Prophecy in Gang setze“.

Intellektueller Zweihänder

Doch Singer hat erhebliche Schwierigkeiten mit dem Gedanken, „daß eine für mich unsichtbare Gottheit alles durchdringt, das Geschehen auf der Erde steuert und sich auch noch um mich persönlich kümmert.“

Gleichzeitig möchte er sich nicht als Atheist bezeichnen: „Denn ich weiß natürlich, daß es jenseits des Begreifbaren noch Dimensionen gibt, für die ich keinen Namen habe.“

Dann greift Singers Interviewpartner zum intellektuellen Zweihänder: Für einen nüchternen Kopf wie der des Herrn Wissenschaftlers müsse es doch irritierend sein, daß sich „bis heute“ religiöse Glaubensüberzeugungen hielten, die dem wissenschaftlichen Denken „zutiefst“ zuwiderliefen.

Singer antwortet auf dem gleichen Niveau: „Wir haben unsere Religionssysteme alle erfunden.“

Sein hilfloses Argument: „Dafür sprechen schon die kulturspezifischen Ausprägungen.“

Evolutionsideologische Märchenstunde

Der Mensch sei „aufgrund des Soseins seines Gehirns“ darauf festgelegt, Ursachen für Phänomene zu suchen.

Es liege nahe, die vielen Wirkungen in der Welt, deren Ursachen der Mensch nicht ergründen kann, „einem höheren Wesen zuzuschreiben“.

Das erlaube eine weitere „hochwirksame Projektion“ – nämlich moralische Grundregeln als Verordnung dieser höheren Instanz zu deklarieren: „Das hat sich offenbar im Laufe der kulturellen Evolution enorm bewährt“ – erklärt Singer wichtigtuerisch.

Die religiösen Gebote sind für ihn kollektive Erfahrungen: „Das christliche Gebot zum Beispiel, die andere Wange hinzuhalten: Das Individuum mag von solchen Verhaltensweisen nicht profitieren; doch die Gesellschaft tut es im Laufe ihrer Geschichte sehr wohl“ – fabuliert er.

Das könne durchaus nach dem darwinistischen Prinzip geschehen sein – streut Singer der Evolutions-Ideologie den notwendigen Weihrauch.

Dann verfällt der nüchterne Wissenschaftler ins Märchenerzählen: „Mag sein, daß gerade die Gruppen überlebten, die altruistische Verhaltensnormen so kodiert haben.“

Vulgär-Fideismus

Denn eine religiöse Begründung ist angeblich eine „schnelle methodische Abkürzung“ – behauptet er, obwohl die katholische Moraltheologie nicht religiös, sondern naturrechtlich begründet wird.

Singer legt seinem Verständnis einen Vulgär-Fideismus zugrunde: „Darüber muß man nicht lange diskutieren, das wird so gemacht, weil es in der Bibel steht.“

Doch dann wird er ernst: „Natürlich hat dieses Prinzip auch seine Schattenseiten. Was im Namen der Religion alles an Schrecklichem geschah – das wird dann genauso wenig hinterfragt“ – verkündet er ohne langes Hinterfragen.

Der Wissenschaftsredakteur nimmt Singers Worte dankbar auf: „Kann man sich eine aufgeklärte Religion vorstellen, ohne Intoleranz und Fanatismus?“

Das Strafrecht als Retter der Moral?

Singer hebt den plump geratenen Einwurf auf eine höhere Ebene: „Die Frage ist, ob man moralische Werte nicht auch anders verankern kann als religiös.“

Seine Antwort: „Ich würde denken ja. Unsere Rechtssysteme tun das ja schon“ – beruft er sich auf eine Rechtsphilosophie von vorgestern.

Dann hat er eine ungewöhnliche Idee: Vielleicht könne man Menschen durch mentale Praktiken wie Meditation dazu bringen, Einsichten zu gewinnen, die es ihnen erlauben, „über den schnöden rationalen Egoismus hinauszusehen“.

Jetzt versucht sich der Wissenschaftsredakteur ins Gespräch zu bringen: „In der Meditation geht es für Sie also nicht um verzückte Erleuchtung, sondern eher darum, sich selbst so zu sehen, wie man wirklich ist?“

Singer ignoriert ihn: „Viel zu viele Leute tun nur so, als sei in ihrem Leben alles in Ordnung.“

Würde man seine Fehler öfter offenlegen, käme vielleicht mehr Demut in die Welt und mehr Verständnis: „Es ist ja wahnsinnig anstrengend, diese Potemkinschen Dörfer aufrecht zu erhalten.“

Gewaltiger sozialer Druck?

Der Wissenschaftsredakteur versucht es noch einmal: „Deshalb haben auch Religionsstifter immer wieder die Heuchelei ihrer Zeit angeprangert. Doch oft sind aus diesen Impulsen ihrerseits religiöse Systeme entstanden, die einen gewaltigen sozialen Druck aufbauten.“

Singer korrigiert ihn: Die Ehrlichkeit mit sich selber und den anderen sei eben schwer: „Ich vermute, diese Mechanismen, von denen Sie sprechen, sind zutiefst menschlich.“

Ein ideales System, mit dem man allen Schwierigkeiten aus dem Weg gehe, gebe es nicht – klärt er den Wissenschaftsredakteur über das Offensichtliche auf.

Dieser verkündigt zum Schluß das Universaldogma des Relativismus – passend in Frageform: „Ist vielleicht auch das eine tiefe religiöse Erkenntnis: zu merken, daß es den idealen Pfad zum Heil nicht gibt?“

Jetzt nickt Singer andächtig. Leicht ins Seichte abgleitend, flüstert er: „Ja. Und dennoch nicht zu resignieren – das ist das Kunststück.“