Dienstag, 9. November 2004 11:42
Ein Interview mit Dr. Markus Walser, Generalvikar der Erzdiözese Vaduz (Liechtenstein).
Wie stellt sich die katholische Kirche zur Feuerbestattung? „Erlaubt“ es die Bibel?Sowohl bei den Gläubigen
des Alten wie des Neuen Testamentes ist die Erdbestattung die selbstverständliche Praxis. Im Alten Testament
wird die Feuerbestattung als schwere Schande und Strafe betrachtet. Sogar Feinde hatten ein Anrecht auf
Erdbestattung. In vorchristlicher Zeit finden sich in Rom beide Formen der Bestattung.
Unter dem Einfluß
der Kirche setzte sich bei den Römern und Germanen die Erdbestattung durch. Die Ehrfurcht der Kirche
vor dem toten menschlichen Körper basiert auf der jüdischen Tradition und dem Vorbild der Grablegung
Christi: Der Leichnam Christi wurde am Karfreitag nicht verbrannt, sondern in ein Grab gelegt. Es war
und ist den Christen grundsätzlich ein Anliegen, in der Nachfolge Christi und in der Erwartung der Auferstehung
des Leibes beim Jüngsten Gericht in der Erde bestattet und nicht kremiert zu werden.
Die Kirche hat
nie verkannt, daß es Verhältnisse geben kann, in denen eine Feuerbestattung gerechtfertigt sein kann
(z.B. zur Abwehr einer Seuche). Nachdem aber im Jahre 1869 der internationale Freimaurerkongreß in Neapel
die Feuerbestattung zu einem Kampfmittel gegen die Kirche gemacht hat, um dadurch explizit die Unsterblichkeit
der Seele und den Glauben an die Auferstehung der Toten zu leugnen, führte dies zum ausdrücklichen Verbot
der Feuerbestattung und zur Verweigerung des kirchlichen Begräbnises im Falle einer Kremation.
Dieses
Verbot wurde 1963 aufgehoben, nachdem man glaubte, feststellen zu können, daß die Feuerbestattung den
Charakter einer Leugnung der Auferstehung der Toten weitgehend verloren hat. Die katholische Kirche verbietet
die Feuerbestattung nicht mehr strikte, es sei denn, sie wird aus Gründen gewählt, die der christlichen
Glaubenslehre widersprechen. Allerdings zieht die katholische Kirche wegen des entsprechenden Symbolcharakters
die Erdbestattung vor und empfiehlt diese ausdrücklich.
Wie sieht die diesbezügliche Tendenz in Liechtenstein
und in den Nachbarländern aus?Nachdem bis vor wenigen Jahrzehnten die Feuerbestattung in Liechtenstein
keine nennenswerte Rolle spielte, hat sie in den letzten Jahren – wie in den angrenzenden Regionen auch –
zugenommen. Erzbischof Wolfgang Haas hat schon als ehemaliger Kanzler des Bistums Chur sehr dafür plädiert,
daß die Erdbestattung aus den zuvor erwähnten Gründen beibehalten werden soll und daß die Kremation
keine Förderung erfahren dürfe.
Stimmt das Gerücht, daß der Staat eine Feuerbestattung subventioniert?
Für die benachbarten Länder (Schweiz und Österreich) trifft dies wohl insofern zu, als die Krematorien
meist mit Geldern der öffentlichen Hand gebaut sowie betrieben werden und nicht „kostendeckend’ arbeiten;
dasselbe trifft auch wenigstens teilweise auf die Erdbestattung auf den öffentlichen Friedhöfen zu.
Vereinzelt mag es Platzmangel auf den Friedhöfen gegeben haben, im allgemeinen jedoch sind genügend
Erdgräber vorhanden.
Welches sind Ihrer Meinung nach Vor- und Nachteile einer Feuerbestattung?Aus
der Sicht des christlichen Glaubens sehe ich keine Vorteile der Feuerbestattung. Vom Symbolcharakter her
und auch im Hinblick auf ein bewußtes Abschied-Nehmen von den Verstorbenen und die damit zusammenhängende
„Trauerarbeit“ ist die Erdbestattung vorzuziehen.
Wie sieht es in der Zukunft aus? Hat es genügend Platz
auf unsere Friedhöfen?Aufgrund der seit Ende der 60er-Jahre stark zurückgegangenen Geburtenrate ist
schon in wenigen Jahrzehnten in unseren Breitengraden mit einem deutlichen Rückgang der Bevölkerungszahl
und der Todesfälle zu rechnen. In allen mir bekannten Pfarreien bzw. Dörfern im deutschen Sprachraum
konnten die Friedhöfe in dem Maße erweitert werden, daß kein akuter Platzmangel herrscht und auch kein
Platzmangel abzusehen ist. Im übrigen ist noch anzumerken, daß für die Bestattung von gläubigen Muslimen
und Juden meines Wissens ohnehin nur das Erdbegräbnis in Frage kommt. Bei zunehmender Zahl von Menschen
mohammedanischer Religion muß die öffentliche Hand somit für genügend Erdbesteattungsmöglichkeiten
sorgen.
Wie hoch sind die Kosten für eine Feuerbestattung, verglichen mit einer Erdbestattung?Genaue
Angaben sind schwer zu machen, da nur die Beträge angegeben werden können, welche von den Hinterbliebenen
bezahlt werden müßen. Dabei sind aber die von der öffentlichen Hand oder der Kirche aufgebrachten Kosten
für Bau und Unterhalt von Erdgräbern, Urnen-Nischen oder -gräbern und die Errichtung von Krematorien
nicht berücksichtigt. Doch sollte das Geld nicht das Hauptargument sein. Denn es geht bei der Bestattung
um einen heiligen Ritus, also um den Ausdruck unseres Glaubens, der uns auch etwas wert sein soll, ohne
daß dadurch die Beerdigung zu einer pompösen Angelegenheit werden muß.
Wäre nicht die Kremation aufgrund
gesundheitliche Aspekte vorzuziehen?Mir sind bei der Erdbestattung, wenn sie sachgerecht vorgenommen
wird, keine nennenswerten Probleme für die Gesundheit oder das Erdreich bekannt. Jedenfalls konnte man
über viele Jahrtausende problemlos damit „leben“. Bei der Feuerbestattung ist eine allfällige Luftverschmutzung
durch die Abgase in Betracht zu ziehen. Mir sind aber dazu keine Untersuchungen bekannt. Problematisch
ist sicher nicht der menschliche Körper als solcher. Probleme können jedoch von ihm aufgenommene Medikamente
oder Implantate wie Herzschrittmacher usw. verursachen, die rein technisch gesehen als „Problemstoffe“
betrachtet werden müßten. Doch ergeben sich daraus nach meinem Wissensstand auch keine großen Schwierigkeiten,
so daß man auch heute noch als Christ bzw. als Katholik guten Gewissens den Wunsch äußern darf: Ich
möchte in der Nachfolge Christi in der Erde bestattet werden und zwar in der Hoffnung auf die Auferstehung
und das ewige Leben.
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