Montag, 4. Februar 2008 16:36
In einem Interview mit dem „LebensForum“ äußert sich ein bedeutender deutscher Zellbiologe und Mediziner
zu den Zweckbehauptungen der Abtreibungsbefürworter, daß die befruchtete Eizelle als „Zellhaufen“ noch
kein Mensch sei.
Prof.Dr. Volker Herzog, geschäftsführender Direktor des Instituts für Zellbiologie
der Universität Bonn, früherer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zellbiologie und früherer
Senator der Universität Bonn wörtlich:
Der Mensch in diesem Frühstadium der Entwicklung verfügt über
alle Entfaltungsmöglichkeiten und genießt daher vollen Schutz. Der Ausdruck „Zellhaufen“ ist ein Unwort,
das geeignet ist, die Bedeutung dieses Entwicklungsstadiums zu minimieren.
„Zellhaufen ein Unwort“LebensForum: Herr Professor Herzog, wann wird der Mensch zum Menschen?
Prof.
Volker Herzog: Der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern immer als Mensch. Die Begründung
dafür ist folgende: Bei der Befruchtung verschmelzen die Vorkerne von Ei- und Samenzelle miteinander,
wodurch ein neues Genom entsteht. Wichtig ist hierbei, dass dies rein zufällig und bisher nicht steuerbar
geschieht. Dieses neue Genom verleiht der befruchteten Eizelle alle Potenzen für die Entfaltung des Individuums.
Der Mensch und seine Individualität ergeben sich daher aus dem neuen Genom. Nach der Befruchtung unterliegt
er zusätzlich Einflüssen äußerer Faktoren.
LebensForum: Gibt es Brüche in dieser Entwicklung, die
das Setzen von Zäsuren rechtfertigen, wie dies bei den Diskussionen um die Forschung an embryonalen Stammzellen
und um Abtreibungen getan wird?
Herzog: Diese Befruchtung ist der Startpunkt, von ihm an muss von einem
neuen Menschen gesprochen werden. Die nachfolgende Entwicklung verläuft kontinuierlich, wobei zwar verschiedene
Stadien in der Entwicklung, etwa die Zygote, die Morula, die Blastozyste, der Vorgang der Nidation in
die Uterusschleimhaut oder die Entwicklung des Zentralnervensystems unterschieden werden können. Aber
aus der Aufeinanderfolge der verschiedenen Stadien ergibt sich biologisch ein Kontinuum der Entwicklung.
Jede Zäsur, die von Menschen gesetzt wird, ist daher willkürlich und sie ist fragwürdig, weil sie vermeintlichen
Bedürfnissen der Gesellschaft, nicht aber der Biologie der Entwicklung Rechnung trägt.
LebensForum:
Oft wird in Diskussionen vorgebracht, dass befruchtete Eizellen sich nicht dauerhaft in den Körper der
Mutter einnisten können und unbemerkt absterben. Dass also sehr viele Frauen nach Ihrer Definition Kinder
gehabt haben, von denen sie gar nichts wissen.
Herzog: Natürlich kommt es vor, dass Embryonen in der
Frühphase der Schwangerschaft unbemerkt absterben, aber das ändert nichts daran, dass es sich dabei
um einen Menschen in einem – wenn auch sehr frühen – Entwicklungsstadium handelt. Dies rechtfertigt vor
allem keinesfalls ein Eingreifen des Menschen und die willkürliche Gefährdung oder Beendigung ungeborenen
Lebens.
LebensForum: Wie erklären Sie einem Skeptiker, dass es sich bei einem „winzigen Zellhaufen“,
wie manche das gerne ausdrücken, um einen Menschen handelt?
Herzog: Hier muss ich wieder mit der Kontinuität
der Entwicklung argumentieren: Die innere Zellmasse der Blastozyste ist zeitlich eingebettet in ein Kontinuum
der Entwicklung, aus der unter günstigen Umständen ein Mensch mit voller körperlicher und geistiger
Leistungsfähigkeit erwächst. Der Mensch in diesem Frühstadium der Entwicklung verfügt über alle Entfaltungsmöglichkeiten
und genießt daher vollen Schutz. Der Ausdruck „Zellhaufen“ ist ein Unwort, das geeignet ist, die Bedeutung
dieses Entwicklungsstadiums zu minimieren.
LebensForum: Heute ist das Leben der Ungeborenen im ganz frühen
Stadium so bedroht wie nie. Neben der Forschung an embryonalen Stammzellen – Sie haben sich in der öffentlichen
Debatte für ein Verbot ausgesprochen – wird es auch bei Eltern mit Kinderwunsch immer wieder aufs Spiel
gesetzt. Sei es bei der künstlichen Befruchtung, die in vielen Fällen nicht erfolgreich ist, sei es
bei der Präimplantationsdiagnostik (PID), um deren Einführung in Deutschland gestritten wird.
Herzog:
Wir sollten von der PID lieber die Finger lassen. Neben der Tatsache, dass hier eine Selektion von Menschen
vorgenommen wird, ist es auch nicht absehbar, welche Schäden die Entnahme einer Zelle zur Überprüfung
mit sich bringt. Es wird oft behauptet, dass die PID harmlos sei, doch die Kinder, die durch eine Präimplanationsdiagnostik
gecheckt zur Welt gekommen sind, sind heute noch nicht alt genug, als dass mögliche Folgen überprüft
werden können.
Wir wissen aber bereits, dass andere Maßnahmen der modernen Reproduktionsmedizin Schäden
verursachen, die anfangs noch nicht zu erkennen sind. Bei der als ICSI-Methode bekannten Spermieninjektion
in die Eizelle ergibt sich z.B. ein vielfach höheres Risiko der Entstehung von Fehlbildungen. Die In-vitro-Fertilisation
stürzt außerdem die beteiligten Ärzte in Konflikte, die unzumutbar sind. So zum Beispiel, wenn eine
Frau nach erfolgreicher künstlichen Befruchtung mit Zwillingen schwanger geworden ist und die Eltern
dem Arzt mitteilen: „Das haben wir uns anders vorgestellt, wir wollten nur ein Kind. Sehen Sie zu, wie
Sie eines von beiden wegbekommen.“ Der Arzt steht jedoch im Dienste der Lebenserhaltung, und Tötung von
ungeborenen Leben aus nicht-medizinischer Indikation ist unärztlich. Es mag Ärzte geben, die so etwas
freiwillig tun, aber für viele entstehen unmögliche Situationen.
LebensForum: Oft wird das Erlangen
vom Bewusstsein als Kriterium für ein schützenswertes menschliches Leben definiert…
Herzog: Der Zeitpunkt
einer möglichen vorgeburtlichen Bewusstseinsbildung ist noch unbekannt. Der Zweifel an der Bewusstseinsbildung
als Kriterium gilt auch für das Leben nach der Geburt.
Ich halte die Bewusstseinsbildung nicht für den
entscheidenden Punkt. Menschen mit Behinderung genießen selbstverständlich den vollen Schutz der Gesellschaft.
Es gibt außerdem viele Situationen in unserem Leben, in denen unser Bewusstsein eingeschränkt sein kann.
Nehmen Sie z.B. einen Alkoholiker im tiefen Delirium – er ist nicht orientiert und besitzt sicher kein
vollständig erhaltenes Bewusstsein, aber ist er deshalb kein Mensch? Wir müssen aufpassen, dass wir
nicht in eine Hybris verfallen, die uns glauben lässt, die klügsten oder die am besten gebildeten Menschen
seien auch die wertvollsten und schutzbedürftigsten.
Prof. Dr. med. Heinz Krebs: „Es gibt kein werdendes
Leben“. Die Entwicklung als Mensch, nicht „zum“ Menschen.