Samstag, 12. April 2008 18:41
Warum funktioniert der Kapitalismus? Ein Beitrag von Dr. Paul C. Martin
Die Marxsche Mehrwert-Theorie ist schon im Ansatz falsch, weil ein Apfel mit einer Birne
verglichen wird,
ein »Wert« mit einem »Preis«. Auch der »Lohn« ist ein Preis, eben der für eine ganz bestimmte Arbeitskraft
zu einer ganz bestimmten Arbeitszeit. Die Behauptung, etwas sei schließlich »mehr wert« als es »gekostet«
habe, wird nicht dadurch richtig, daß man sie mit anklagend erhobenem Zeigefinger ausspricht. Dem Arbeiter
ergeht es bei Marx wie einem Künstler, der auch immer unwidersprochen behaupten kann, seine Kunst hätte
die »ihr gebührende Anerkennung« noch nicht »gefunden«. Über solche Dinge kann man herrlich streiten,
weil sich in »Wert«-Fragen niemals etwas Gültiges aussagen lässt.
Es ist aber auch völlig belanglos,
ob die Marxsche MehrwertTheorie »richtig« ist oder
»falsch«. Entscheidend sind vielmehr jene Dinge,
die sich rechnen lassen. Daran hat sich Marx selbst versucht, und daran ist er gescheitert.
Die Marxsche Mehrwert-Theorie ist schon im Ansatz falsch, weil ein Apfel mit einer Birne
verglichen wird,
ein »Wert« mit einem »Preis«. Auch der »Lohn« ist ein Preis, eben der für eine ganz bestimmte Arbeitskraft
zu einer ganz bestimmten Arbeitszeit. Die Behauptung, etwas sei schließlich »mehr wert« als es »gekostet«
habe, wird nicht dadurch richtig, daß man sie mit anklagend erhobenem Zeigefinger ausspricht. Dem Arbeiter
ergeht es bei Marx wie einem Künstler, der auch immer unwidersprochen behaupten kann, seine Kunst hätte
die »ihr gebührende Anerkennung« noch nicht »gefunden«. Über solche Dinge kann man herrlich streiten,
weil sich in »Wert«-Fragen niemals etwas Gültiges aussagen lässt.
Es ist aber auch völlig belanglos,
ob die Marxsche MehrwertTheorie »richtig« ist oder
»falsch«. Entscheidend sind vielmehr jene Dinge,
die sich rechnen lassen. Daran hat sich Marx selbst versucht, und daran ist er gescheitert.
Im zweiten
Band des »Kapitals«, den Engels als einen Haufen ungeordneter Manuskriptseiten vorfand, die zum Teil
mitten im Satz abbrachen, geht es um die Frage, wie man denn den »Mehrwert« konkreter fassen könne.
Wenn der »Mehrwert« existiert, müßte er ja schließlich irgendwo erscheinen, sich in Mark und Pfennig
fassen lassen. Die »Ausbeutung« gibt logischerweise nur dann einen Sinn, wenn der Ausbeuter (Kapitalist)
das, was er aus dem Ausgebeuteten (Arbeiter) herausquetscht, letztlich in irgendeiner Kasse klingeln hört.
Der Mehrwert wäre ja dann am höchsten, wenn die Arbeiter überhaupt keinen Lohn erhielten. Denn weniger
als nichts kann auch der schrecklichste Ausbeuter nicht bezahlen. Dann würden die Armsten von morgens
bis abends in den Fabrikhallen stehen und Unmengen von irgendwelchen Produkten erzeugen, Schornsteinfegerkugeln
zum Beispiel. Der Kapitalist hätte wunderschön polierte, sehr »wert«volle Schornsteinfegerkugeln überall
herumliegen. Doch das ist kein Mehrwert.
Das Problem, und das erkennt der kluge Marx sehr scharf, ist
nicht der Mehrwert, sondern es ist die »Realisierung des Mehrwerts«:
»Die Frage ist also nicht: Wo
kommt der Mehrwert her? Sondern:
Wo kommt das Geld her, um ihn zu versilbern?« (Seite 318)
Es muß »Geld«
zirkulieren, damit der Kapitalist schließlich auch etwas hat von der Ausbeuterei, nämlich Geld. Aber
dieses Geld ist nicht von vorneherein in der Wirtschaft »vorhanden«, es wächst auch nicht auf irgendwelchen
geheimnisvollen Bäumen in verschwiegenen Hainen, sondern es gibt nur eine Klasse, die Geld hat, die also
das Geld auch in die »Cirkulation« abgeben kann: Die Kapitalisten sind es selbst.
Karl Marx merkt,
wie er ins Schleudern kommt. Er braucht seine Kapitalisten nicht nur, damit
sie die armen Arbeiter ausbeuten,
sondern auch, damit sie Geld in die »Cirkulation« tun, das
gleiche Geld, das sie anschließend – bei
der Realisierung des Mehrwerts – wieder herausnehmen wollen:
»Das in der Form von Geldkapital vorgeschossene
cirkulierende Kapital von 500 £ … sei das cirkulierende
Gesamtkapital der Gesellschaft, d. h. der Kapitalistenklasse.
Der Mehrwert sei 100 £. Wie
kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600£ aus der Cirkulation
herausziehen, wenn
sie beständig nur 500 £ hinein-wirft? … (Der) zuschüssige Mehrwert von 100£ ist
in Warenform in
die Cirkulation geworfen. Darüber besteht kein Zweifel. Aber durch dieselbe Operation
ist nicht das
zuschüssige Geld für die Cirkulation dieses zuschüssigen Warenwerts gegeben.« (Seite
319)
Trotz der alten Sprache (»zuschüssig« heißt soviel wie »zusätzlich«) erkennt man gleich: Damit
ist der Meister fertig. Karl Marx hatte bei seiner Betrachtung eine weitere Voraussetzung eingebaut, die
dem Kapitalisten einen noch viel größeren Vorteil zuschanzt als nur den, das Kapital zu besitzen und
also die Arbeiter ausbeuten zu können, die ihrerseits ganz arm sind.
Die Kapitalisten besitzen im Marxschen
Modell außer allem Kapital noch alles Bargeld! Mit dem Kapital allein könnte nämlich überhaupt kein
Kapitalismus starten! Dazu muß auch noch Bargeld in Höhe der »Cirkulationsmittel« vorhanden sein,
und zwar in den Händen der Kapitalisten, die ja sonst nichts hätten, womit sie Löhne bezahlen, d. h.
die Ausbeutung beginnen könnten.
Die Kapitalisten sind in Wahrheit also noch viel, viel reicher, als
Marx zum Ausdruck bringt. Er wirft den Kapitalisten nämlich nur vor, Kapital zu besitzen. Also Fabriken
und Maschinen, mit deren Hilfe sie die Arbeiter ausbeuten können. Von den ungeheuren sonstigen Reichtümern,
und zwar in Form von Bargeld, spricht er nicht. Das aber ist der alles entscheidende Punkt, den er übersehen
hat.
Das Bargeld ist das Loch in seiner Theorie.
Der Kettenbrief.
Karl Marx hat uns fürwahr geholfen.
Das Rätsel »Kapitalismus« ist endlich gelöst, wenn wir
noch einmal seine entscheidenden Sätze auf
der Zunge zergehen lassen:
»Wie kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600 £ aus der Cirkulation
herausziehen, wenn
sie beständig nur 500 £ hineinwirft?«
Die Antwort lautet ein für allemal: Sie kann
es nicht!
Es sei denn: Die Kapitalistenklasse (oder jemand anderes!) wirft die fehlenden 100 £ hinein.
Und wenn er sie nicht hat, dann muß er sie sich leihen.
Und wenn er sie sich leiht, dann muß er dafür
Zinsen zahlen.
Und da das Geld für diese Zinsen auch nicht in die Zirkulation geworfen wurde, muß sich
wieder jemand finden, der sich Geld in Höhe der Zinsen leiht.
Und immer weiter. Und immer fort.
Dem
Kapitalismus fehlt immer Geld.
Weil der Kapitalist immer gierig ist, also immer mehr haben will, als
er zu zahlen bereit ist.
Was übrigens nicht nur für Kapitalisten, sondern ganz einfach für alle Menschen
gilt.
Der Kapitalist will nicht nur seine Kosten wiedersehen. Die Ausgaben für das Kapital, die Fabriken,
Maschinen und so.
Sondern er will auch Gewinn sehen. Den aber muß irgend jemand finanzieren. Und wo
finanziert wird, entstehen Zinsen. Die aber auch nirgendwo »im Umlauf« sind. Die also auch wieder jemand
finanzieren muß. So aber ist es an allen Ecken und Enden.
Alles im Kapitalismus ist irgendwie und irgendwo
»vorfinanziert«. Es gibt keinen »Bestand«,
kein »Kapital«, kein »Geld«, das ein für allemal so
bliebe, wie es ist.
Alles im Kapitalismus läuft ab in der Zeit.
Vorfinanzierung in der Zeit aber bedeutet,
daß Zinsen entstehen, unablässig, Tag und Nacht.
Diese Zinsen sind aber niemals vorfinanziert. Das »Geld«
dazu ist nirgendwo vorhanden.
Sie können also nur bezahlt werden, wenn sich jemand findet, der in Höhe
dieser Zinsen
Schulden macht. Denn damit hat er das »Geld«, das dem Kapitalismus fehlt.
Der Kapitalismus
ist in Wahrheit gar nichts, was mit »Kapital« zu tun hat, und wenn, dann nur ganz am Rande, wie wir
noch sehen werden.
Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das aus einer riesigen Anzahl von Gläubigern
und Schuldnern besteht.
Da diese Gläubiger/Schuldner-Beziehungen über die Zeit laufen, fordern sie
Zins.
Diese Zinsen sind nirgendwo vorhanden. Karl Marx hat uns den Weg gezeigt, ohne ihn selbst zu gehen.
Damit die Zinsen nicht unbezahlt bleiben, muß sich jemand finden, der den früheren Schuldnern hilft,
aus ihren Zinsverpflichtungen zu schlüpfen.
Das kann nur geschehen, indem der spätere Schuldner seinerseits
Schulden macht.
Der Kapitalismus kann nur existieren, wenn spätere Schuldner früheren Schuldnern helfen.
Das tun sie, indem sie selber Schulden machen, die immer so hoch sein müssen, daß die Zinsverpflichtungen
aus den früheren Schulden bedient werden können.
Der Kapitalismus ist also nichts anderes als ein Kettenbrief-System.
Beim Kettenbrief darf die Kette nie reißen. Sonst ist es aus. Beim Kapitalismus ist es genauso. Fehlen
die späteren Schuldner, die den früheren helfen, kommt es zur Krise. Wir werden darüber noch viel hören.
Im Kapitalismus müssen immer neue Schulden gemacht werden, um die alten Schulden bedienbar zu halten.
[…]
Der Kapitalismus ist in Wahrheit eben kein »Kapitalismus«, sondern ein Kettenbrief-System.
Es
muß immer weitergehen mit der Schuldenmacherei.
Je mehr vorfinanziert wurde, desto höher sind die Vorfinanzierungskosten.
Desto mehr an zusätzlichem Schuldenmachen kommt auf die nächsten Glieder der Kette zu. Wehe, wenn die
Kette reißt! Der Kapitalismus ist ein Kettenbrief-System. Er lebt vom Schneeball-Effekt. Er existiert
nur, solange sich immer wieder neue Schuldner finden, die den alten bei der Bedienung ihrer Schulden helfen,
indem sie sich entsprechend neu verschulden.
Die Schulden stehen im Zentrum. Das ist das Loch, das alle
ökonomischen Theorien hatten.
Das ist das Loch, das jetzt gefüllt ist.
Die Schulden treiben den Kapitalismus
vorwärts. Sie geben ihm seine unnachahmliche Dynamik.
Der Kapitalismus leitet seinen Namen ab von »Kapital«,
lateinisch »caput« (= das »Haupt«),
das in den frühkapitalistischen Rechenbüchern des 15. und 16.
Jahrhunderts mit »Hauptgut«
übersetzt wird, wie wir gleich sehen werden. Auf das »Hauptgut« kommt
es aber überhaupt
nicht an. Seine Existenz allein erklärt gar nichts. Zum Hauptgut müssen Schulden
treten. Schulden, die der Kapitalist machen kann, weil er schon ein Hauptgut hat. Oder Schulden, die er
macht, indem er ein Hauptgut auf die Beine stellt.
Das Wort »Kapitalismus« ist ein Etikettenschwindel.
Die »kapitalistische« Dynamik, der ungeheure Schwung der freien Wirtschaft kommt vom permanenten Schuldendruck.
Die Schuld heißt lateinisch »debitum« (= das »Geschuldete«). Wenn wir also den Kapitalismus endlich
enträtselt haben, muß das Kind auch einen neuen Namen kriegen. Seinen richtigen.
Wir nennen den Kapitalismus
daher Debitismus.
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