18:21:30 | Freitag, 17. März 2006
„Ich bin ein norddeutscher Lutheraner. Die sind nicht alle so prall lebenslustig wie beispielsweise die bayerischen Katholiken. Aber wir orientieren uns an dem Evangelium des Matthäus.“ Ein Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Spitzenpolitiker Björn Engholm.
(kreuz.net/
VERS1) Einst gehörte der überzeugte Pfeifenraucher Björn Engholm (66) zu den größten politischen
Hoffnungsträgern Deutschlands.
Von Mai 1988 bis Mai 1993 war er Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein.
Im Mai 1991 wurde er zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt und im Januar 1992 zum Kanzlerkandidaten seiner
Partei bestimmt.
Auch von diesen Funktionen trat er im Zusammenhang mit der so genannten Barschel-Affäre
zurück. Ministerpräsident Uwe Barschel hatte Engholm bespitzeln und denunzieren lassen. Björn Engholm
räumte als Grund für seine Rücktritte ein, daß von Ministerpräsident Barschels Machenschaften einige
Tage eher erfahren hatte, als bis dahin bekannt gewesen war.
Thomas Klaus sprach mit Björn Engholm in
dessen Geburts- und Heimatstadt Lübeck über Heimat, Zukunftsängste, Entzugserscheinungen von der Macht
und die Kraft des christlichen Glaubens.
„Nichts aber scheint ihm ferner zu liegen als die Politik“,
schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2001 über Sie. Ist das tatsächlich so? Ist Ihnen nach Ihrem
Abschied vom Ministerpräsidenten-Amt 1993 endgültig die Lust daran vergangen, sich zu tagespolitischen
Themen zu Wort zu melden?ENGHOLM: Nach einem halben Jahr hatte ich die Zeit als Ministerpräsident abgehakt
und mich von der Tagespolitik verabschiedet. Auch familiär haben wir uns entsprechend entschieden. Das
ist letztlich eine Frage des Verstandes: Wenn der funktioniert, sagt er einem schon, daß bestimmte Dinge
vorbei sind. Ein kluger Boxer erkennt rechtzeitig: „Never come back“. Und insbesondere einer, der schon
ordentlich eines auf die Mütze bekommen hat, wird nicht ein zweites Mal gegen einen starken Gegner in
den Ring steigen. Das gilt, finde ich, auch für die Politik.
Entzugserscheinungen von der Politik, von
dem Apparat der Macht mit seinen zahlreichen Privilegien, gab es da nicht?ENGHOLM: Überhaupt nicht.
Meine Familie und ich sind seit langer Zeit künstlerisch und kulturell interessiert und tätig. Meine
Frau malt. Meine Tochter besitzt eine Galerie. Wir alle sind Bildersammler und Anhänger schöner Musik.
Außerdem haben wir von jeher Freunde in völlig anderen Feldern als der Politik gehabt. Deshalb fiel
der Umstieg auch nicht so schwer. Ich bin nicht in irgendwelche schwarzen Löcher gefallen und mußte
nie durch Macht glücklich werden, habe mich nie an Privilegien und Positionen geklammert.
Im Übrigen:
Wir hier in Lübeck sind hanseatisch geprägt. Hanseaten erscheinen immer etwas weniger, als sie in Wirklichkeit
sind. Wenn man diesen hanseatischen Esprit hat, dann weiß man, daß zum Leben kein großer Aufwand benötigt
wird. Man braucht keine Dienstwagen und das ganze Gefilde herum zum Glücklich-Sein. Es geht auch und
besser ohne.
Was sagt denn der Hanseat in Ihnen zu den Begriffen „Patriotismus“ und „Heimat“?ENGHOLM:
Ich finde, daß man diese Begriffe gegenüber Nationalismus sehr gut abgrenzen kann. Ich hasse Nationalismus.
Er endet immer im „Über alles“: „Wir sind besser als andere. Wir können mehr als andere. Wir bestimmen
über andere.“ In der Geschichte haben wir leidvoll erlebt, wozu das führt.
Demgegenüber ist Patriotismus,
so wie ich das durch Eltern und Großeltern kennen gelernt habe, eine freundlich-biedere Liebe zu Herkunft
und Heimat. „Patriotismus“ heißt: Ich mag die Ecke, in der ich geboren bin, in der ich lebe, wo ich die
Menschen kenne, wo ich mich zuhause fühle, wo ich eingebettet bin. Diese Art liegt mir sehr.
Heimat
ist für mich so etwas wie ein freundlicher Ankerplatz, bei dem man nicht anderen demonstrieren muß,
daß man das größere Schiff hat. Vielmehr freut man sich, daß man die Straßen erkennt und die Plätze,
an denen man geknutscht hat. All das und mehr ist Heimat.
Hat Heimat denn Zukunft?ENGHOLM: Man braucht
dieses Gehäuse auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen sich vieles überlappt und eine
Menge Einerlei zustande kommt. Ich glaube, daß das Gefühl hierfür zunehmen wird in einer Zeit, in der
sich alles grenzenfrei entwickelt – immer schneller, immer gleicher wird. Sie können ja heute in Australien
in einen großen Einkaufsladen gehen. Der sieht nicht anders aus als in Stockholm oder Hamburg.
Dieses
Verbundenheitsgefühl zur Heimat brauchen die Menschen, und es hat nichts Aggressives an sich. Es richtet
sich an uns und nicht gegen andere. Von daher finde ich es etwas Hochmodernes, das eine große Zukunft
haben wird.
Björn Engholm
Selbst ein eingesteifter Atheist redet über christliche Werte, wenn er Werte
zum Thema macht.
Wir brauchen die Besonderheiten und Verschiedenheiten, und wir müssen sie pflegen. Dadurch
wird die Welt erst so spannend, wie sie ist.
Wo Sie gerade in die Zukunft sehen, Herr Engholm: Was sagen
Sie denjenigen Menschen, die angesichts großer Probleme wie Massenarbeitslosigkeit und Krise der sozialen
Sicherungssysteme, Terrorismus, Kriegsgefahr und Klimakatastrophe ihre Hoffnung einbüßen? Woraus schöpfen
Sie persönlich Zuversicht und Optimismus?ENGHOLM: Zum ersten: Ich glaube, daß die Mehrzahl der Menschen
mehr oder minder vernunftbegabt sind. Es wird in der Zukunft sicherlich keine Revolution geben. Aber das
Gefühl in den Köpfen für ein menschenwürdigeres Leben und auch für die Notwendigkeit von weniger
Egoismus wächst erkennbar.
Klar: Wer erfolgreich ist, darf sich viel nehmen – aber nicht unverhältnismäßig
viel, wie es heute der Fall ist. Es ist doch völlig absurd, wenn sich Unternehmensvertreter heute hinstellen
und für eine Rendite von 25 statt 15 Prozent mal eben 11.000 Leute entlassen. Und: Auch die Würde von
Menschen, die wenig besitzen und wenig darstellen im Beruf, muß viel stärker geachtet werden.
Keine
Frage: Das ist ein langsamer Besinnungsprozeß, der da meines Erachtens in Gang gekommen ist. In zehn
Jahren wird er wohl nicht abgeschlossen sein. Doch ich bin davon überzeugt, daß wir eine Generation
später eher bessere Zeiten haben werden als heute.
Sie engagieren sich stark für eine Kirchengemeinde
in Lübeck. Ist der Glaube ein wichtiges Element in Ihrem Leben?ENGHOLM: Ein selbstverständlicher.
Ich bin ein norddeutscher Lutheraner und die sind alle nicht so prall lebenslustig wie beispielsweise
die bayerischen Katholiken. Aber wir orientieren uns an dem Evangelium des Matthäus.
Sie können das
mal durchlesen. In jedem vierten Satz steht eine Lebensregel. Und wenn man ein paar von denen berücksichtigt,
lebt man ganz vernünftig, ja, man hat sogar den Inbegriff eines vernünftigen Lebens vor sich.
Für
mich bedeutet das Christentum nicht, daß ich in mich kehre, sondern ich lerne sehr praktisch aus Schriften
oder von dem, was mir Leute erzählen. Man muß aber auch Folgendes sehen. Europa ist als Kontinent gegründet
auf Ästhetik, Vernunft und Glauben.
Diese Dreier-Mischung macht diesen Kontinent so eigen- und einzigartig
auch gegenüber anderen. Diese Elemente haben nach wie vor Gültigkeit. Man muß sie pflegen. Das hat
mit unserer Identität zu tun. Alles, was wir heute in öffentlichen Debatten über Werte bereden, ist
immer zurückzuführen auf christliche Werte.
Selbst ein eingesteifter Atheist redet über christliche
Werte, wenn er Werte zum Thema macht. Ich finde es selbstverständlich, daß man die ethischen Regeln
aus dem Christentum kennt und auch beherzigt. Aus anderen Bereichen werden mir ja keine ethischen Regeln
vertraut gemacht: Die Wirtschaft beispielsweise schenkt mir bestimmt keine. Wo sollen sie sonst herkommen?
Dazu gehört dann auch, daß man sich in der Kirche engagiert?ENGHOLM: Ja, das sollte man nach Möglichkeit
tun. Schließlich handelt es sich bei den Kirchen um im Großen und Ganzen uneigennützige Institutionen.
Man mag über viele Unzulänglichkeiten diskutieren. Jedoch sind die Kirchen die einzigen, die den Auftrag
haben, zeitlose Ethik zu verkünden. Das finde ich außerordentlich wertvoll. Zumal wir ja heute im Widerstreit
mit anderen Religionen liegen.
Wir alle brauchen ein Bewußtsein für die Notwendigkeit von Religion
und den Dialog mit anderen Religionen. Dieser Dialog ist ohne Alternative und ich meine, daß er auch
mit vielen Vertretern des Islam möglich ist. Den Weltfrieden wird es nur geben, wenn alle großen Religionen
eingebunden werden können.
Thomas Klaus sprach mit Björn Engholm in dessen Geburts- und Heimatstadt
Lübeck. Das Interview erschien ursprünglich in der Monatszeitung VERS 1.
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