Politik
Es gibt ein Leben nach der Politik
„Ich bin ein norddeutscher Lutheraner. Die sind nicht alle so prall lebenslustig wie beispielsweise die bayerischen Katholiken. Aber wir orientieren uns an dem Evangelium des Matthäus.“ Ein Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Spitzenpolitiker Björn Engholm.
(kreuz.net/VERS1) Einst gehörte der überzeugte Pfeifenraucher Björn Engholm (66) zu den größten politischen Hoffnungsträgern Deutschlands.

Von Mai 1988 bis Mai 1993 war er Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Im Mai 1991 wurde er zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt und im Januar 1992 zum Kanzlerkandidaten seiner Partei bestimmt.

Auch von diesen Funktionen trat er im Zusammenhang mit der so genannten Barschel-Affäre zurück. Ministerpräsident Uwe Barschel hatte Engholm bespitzeln und denunzieren lassen. Björn Engholm räumte als Grund für seine Rücktritte ein, daß von Ministerpräsident Barschels Machenschaften einige Tage eher erfahren hatte, als bis dahin bekannt gewesen war.

Thomas Klaus sprach mit Björn Engholm in dessen Geburts- und Heimatstadt Lübeck über Heimat, Zukunftsängste, Entzugserscheinungen von der Macht und die Kraft des christlichen Glaubens.

„Nichts aber scheint ihm ferner zu liegen als die Politik“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2001 über Sie. Ist das tatsächlich so? Ist Ihnen nach Ihrem Abschied vom Ministerpräsidenten-Amt 1993 endgültig die Lust daran vergangen, sich zu tagespolitischen Themen zu Wort zu melden?

ENGHOLM: Nach einem halben Jahr hatte ich die Zeit als Ministerpräsident abgehakt und mich von der Tagespolitik verabschiedet. Auch familiär haben wir uns entsprechend entschieden. Das ist letztlich eine Frage des Verstandes: Wenn der funktioniert, sagt er einem schon, daß bestimmte Dinge vorbei sind. Ein kluger Boxer erkennt rechtzeitig: „Never come back“. Und insbesondere einer, der schon ordentlich eines auf die Mütze bekommen hat, wird nicht ein zweites Mal gegen einen starken Gegner in den Ring steigen. Das gilt, finde ich, auch für die Politik.

Entzugserscheinungen von der Politik, von dem Apparat der Macht mit seinen zahlreichen Privilegien, gab es da nicht?

ENGHOLM: Überhaupt nicht. Meine Familie und ich sind seit langer Zeit künstlerisch und kulturell interessiert und tätig. Meine Frau malt. Meine Tochter besitzt eine Galerie. Wir alle sind Bildersammler und Anhänger schöner Musik. Außerdem haben wir von jeher Freunde in völlig anderen Feldern als der Politik gehabt. Deshalb fiel der Umstieg auch nicht so schwer. Ich bin nicht in irgendwelche schwarzen Löcher gefallen und mußte nie durch Macht glücklich werden, habe mich nie an Privilegien und Positionen geklammert.

Im Übrigen: Wir hier in Lübeck sind hanseatisch geprägt. Hanseaten erscheinen immer etwas weniger, als sie in Wirklichkeit sind. Wenn man diesen hanseatischen Esprit hat, dann weiß man, daß zum Leben kein großer Aufwand benötigt wird. Man braucht keine Dienstwagen und das ganze Gefilde herum zum Glücklich-Sein. Es geht auch und besser ohne.

Was sagt denn der Hanseat in Ihnen zu den Begriffen „Patriotismus“ und „Heimat“?

ENGHOLM: Ich finde, daß man diese Begriffe gegenüber Nationalismus sehr gut abgrenzen kann. Ich hasse Nationalismus. Er endet immer im „Über alles“: „Wir sind besser als andere. Wir können mehr als andere. Wir bestimmen über andere.“ In der Geschichte haben wir leidvoll erlebt, wozu das führt.

Demgegenüber ist Patriotismus, so wie ich das durch Eltern und Großeltern kennen gelernt habe, eine freundlich-biedere Liebe zu Herkunft und Heimat. „Patriotismus“ heißt: Ich mag die Ecke, in der ich geboren bin, in der ich lebe, wo ich die Menschen kenne, wo ich mich zuhause fühle, wo ich eingebettet bin. Diese Art liegt mir sehr.

Heimat ist für mich so etwas wie ein freundlicher Ankerplatz, bei dem man nicht anderen demonstrieren muß, daß man das größere Schiff hat. Vielmehr freut man sich, daß man die Straßen erkennt und die Plätze, an denen man geknutscht hat. All das und mehr ist Heimat.

Hat Heimat denn Zukunft?

ENGHOLM: Man braucht dieses Gehäuse auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen sich vieles überlappt und eine Menge Einerlei zustande kommt. Ich glaube, daß das Gefühl hierfür zunehmen wird in einer Zeit, in der sich alles grenzenfrei entwickelt – immer schneller, immer gleicher wird. Sie können ja heute in Australien in einen großen Einkaufsladen gehen. Der sieht nicht anders aus als in Stockholm oder Hamburg.

Dieses Verbundenheitsgefühl zur Heimat brauchen die Menschen, und es hat nichts Aggressives an sich. Es richtet sich an uns und nicht gegen andere. Von daher finde ich es etwas Hochmodernes, das eine große Zukunft haben wird.
Björn Engholm
Selbst ein eingesteifter Atheist redet über christliche Werte, wenn er Werte zum Thema macht.
Wir brauchen die Besonderheiten und Verschiedenheiten, und wir müssen sie pflegen. Dadurch wird die Welt erst so spannend, wie sie ist.

Wo Sie gerade in die Zukunft sehen, Herr Engholm: Was sagen Sie denjenigen Menschen, die angesichts großer Probleme wie Massenarbeitslosigkeit und Krise der sozialen Sicherungssysteme, Terrorismus, Kriegsgefahr und Klimakatastrophe ihre Hoffnung einbüßen? Woraus schöpfen Sie persönlich Zuversicht und Optimismus?

ENGHOLM: Zum ersten: Ich glaube, daß die Mehrzahl der Menschen mehr oder minder vernunftbegabt sind. Es wird in der Zukunft sicherlich keine Revolution geben. Aber das Gefühl in den Köpfen für ein menschenwürdigeres Leben und auch für die Notwendigkeit von weniger Egoismus wächst erkennbar.

Klar: Wer erfolgreich ist, darf sich viel nehmen – aber nicht unverhältnismäßig viel, wie es heute der Fall ist. Es ist doch völlig absurd, wenn sich Unternehmensvertreter heute hinstellen und für eine Rendite von 25 statt 15 Prozent mal eben 11.000 Leute entlassen. Und: Auch die Würde von Menschen, die wenig besitzen und wenig darstellen im Beruf, muß viel stärker geachtet werden.

Keine Frage: Das ist ein langsamer Besinnungsprozeß, der da meines Erachtens in Gang gekommen ist. In zehn Jahren wird er wohl nicht abgeschlossen sein. Doch ich bin davon überzeugt, daß wir eine Generation später eher bessere Zeiten haben werden als heute.

Sie engagieren sich stark für eine Kirchengemeinde in Lübeck. Ist der Glaube ein wichtiges Element in Ihrem Leben?

ENGHOLM: Ein selbstverständlicher. Ich bin ein norddeutscher Lutheraner und die sind alle nicht so prall lebenslustig wie beispielsweise die bayerischen Katholiken. Aber wir orientieren uns an dem Evangelium des Matthäus.

Sie können das mal durchlesen. In jedem vierten Satz steht eine Lebensregel. Und wenn man ein paar von denen berücksichtigt, lebt man ganz vernünftig, ja, man hat sogar den Inbegriff eines vernünftigen Lebens vor sich.

Für mich bedeutet das Christentum nicht, daß ich in mich kehre, sondern ich lerne sehr praktisch aus Schriften oder von dem, was mir Leute erzählen. Man muß aber auch Folgendes sehen. Europa ist als Kontinent gegründet auf Ästhetik, Vernunft und Glauben.

Diese Dreier-Mischung macht diesen Kontinent so eigen- und einzigartig auch gegenüber anderen. Diese Elemente haben nach wie vor Gültigkeit. Man muß sie pflegen. Das hat mit unserer Identität zu tun. Alles, was wir heute in öffentlichen Debatten über Werte bereden, ist immer zurückzuführen auf christliche Werte.

Selbst ein eingesteifter Atheist redet über christliche Werte, wenn er Werte zum Thema macht. Ich finde es selbstverständlich, daß man die ethischen Regeln aus dem Christentum kennt und auch beherzigt. Aus anderen Bereichen werden mir ja keine ethischen Regeln vertraut gemacht: Die Wirtschaft beispielsweise schenkt mir bestimmt keine. Wo sollen sie sonst herkommen?

Dazu gehört dann auch, daß man sich in der Kirche engagiert?

ENGHOLM: Ja, das sollte man nach Möglichkeit tun. Schließlich handelt es sich bei den Kirchen um im Großen und Ganzen uneigennützige Institutionen. Man mag über viele Unzulänglichkeiten diskutieren. Jedoch sind die Kirchen die einzigen, die den Auftrag haben, zeitlose Ethik zu verkünden. Das finde ich außerordentlich wertvoll. Zumal wir ja heute im Widerstreit mit anderen Religionen liegen.

Wir alle brauchen ein Bewußtsein für die Notwendigkeit von Religion und den Dialog mit anderen Religionen. Dieser Dialog ist ohne Alternative und ich meine, daß er auch mit vielen Vertretern des Islam möglich ist. Den Weltfrieden wird es nur geben, wenn alle großen Religionen eingebunden werden können.

Thomas Klaus sprach mit Björn Engholm in dessen Geburts- und Heimatstadt Lübeck. Das Interview erschien ursprünglich in der Monatszeitung VERS 1.
      
6 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#6   Josefus   14:39:55 | Dienstag, 21. März 2006
Agent nicht anonym
Dieser Agent ist absolut nicht anonym und hat auch schon im Fernsehen in einem Film über den Mossad ein Statement gegeben. Im Buch selber beschreibt er sein Leben, auch mit Fotos. Er ist gerade an die Öffentlichkeit gegangen, um sich zu schützen. Die Barschelaffäre ist nur ein kleines Kapitel in dem Buch. Meines Wissens wurde der Vertrieb des 2. Buches in Deutschland zeitweise angefochten. Sein 1. Buch „Der Mossad“ war bekannter. Ich habe das Buch vor 7 oder 8 Jahren gelesen. Deswegen ist mir die genaue Begründung der Unterstützung des Iran nicht mehr genau in Erinnerung. Ich werde es aber bis morgen nochmal nachlesen und Ihnen mitteilen.
Redaktion benachrichtigen
#5   Parzifal   08:47:46 | Dienstag, 21. März 2006
Der große Vorteil von Geheimdiensten
besteht ja darin dass sie grundsätzlich nichts dementieren. Das heißt man kann lustig alle möglichen Geschichten verbreiten ohne jemals damit rechnen zu müssen dass der Mossad, Der Shavak (ehemals iranischer Dienst), der BND oder CIA dagegen klagt oder sonst dagegen vorgeht.
Man kann also mit Büchern über Geheimdienste und ihre Aktionen richtig schön Geld machen. Schließlich ist es ein spannendes Thema. Würde aber einer dieser Autoren (sei es nun Andreas v. Bülow oder dieser angebliche Agent odr wer immer) mal einen richtigen Coup landen und wirklich etwas aufdecken, dann kann man doch irgendwie damit rechnen dass die mächtigen Dienste alles in Bewegung setzen werden das Erscheinen oder den Druck eines solchen Buches zu verhindern. Hätte Andreas v. Bülow wirklich eine Verschwörung um den 11.9. aufgedeckt dann würde er jetzt vom CIA verfolgt und wäre wahrscheinlich schon mausetot. Stattdessen sackt er aber einen Haufen Geld von Hobby Verschwörungstheoretikern wie dem Herrn Josephus ein, lacht sich ins Fäustchen und kauft sich eine Villa in der Karibik.
Ich meine wenn Sie nicht mal in drei Sätzen angeben können warum Israel den Iran hätte unterstützen sollen wie es dieser anonyme (!) (sicher kein Merkmal für herausragende Seriosität oder Qualität) Agent beschreibt, dann taugt das ganze Buch wohl nicht. Ich gebe sicher kein Geld dafür aus dass so ein Märchenerzähler anschließend Urlaub in der Karibik machen kann. Da lese ich noch lieber die Brüder Grimm.
Redaktion benachrichtigen
#4   Josefus   21:57:35 | Montag, 20. März 2006
An den Vorposter
Zwar kann ich ihre Ungläubigkeit verstehen, jedoch hat mich das Buch und vor allem der Bericht über den Barschelmord nach allem was man vorher darüber erfuhr überzeugt. Er erklärt eigentlich alles. Ich empfehle ihnen einfach das Buch selber zu lesen. Es lohnt sich. Gerade weil Iran als einer der Hauptfeinde Israel galt, war es so wichtig die Unterstützung im Iran-Irak-Krieg geheim zu halten.
Ein paar zusätzliche Gedanken von mir: Nicht von Ungefähr musste Engholm später zurücktreten und hat nie mehr Fuß fassen können (dürfen) in der Politik. Er ist zu sehr in die Affäre verstrickt gewesen.Wieso ist er nie mehr zurückgekommen? Immerhin war er die Hoffnung der SPD? Hat der Mossad ihm auch Schweigegeld angeboten? Oder hatte er verständlicher Weise Angst?
Redaktion benachrichtigen
#3   Parzifal   13:13:43 | Montag, 20. März 2006
Mossad
Ein Geheimagent der zu seinem egenen Schutz durch zwei Bücher an die Öffenlichkeit geht?
Aus welchem Grund sollte denn Israel den Iran unterstützen?
Im Iran ist Hebräisch als Sprache verboten, ein Iraner darf bei Strafe das Land Israel nicht betreten. Ein Ausländer der über Israel in den Iran reisen will, wird die Einreise verweigert. Ein Ausländer der ein iraelisches Visum im Pass hat, darf ebenso nicht einreisen usw. Können Sie mir einen einzigen nachvollziehbaren Grund nennen warum Israel den Iran im ersten Golfkrieg hätte unterstützen sollen?
Mal abgesehen natürlich von uferlosen Verschwörungstheorien. Ich glaube Menschen denken sich sowas nur aus um sich nicht so unwichtig vorzukommen.
Redaktion benachrichtigen
#2   Josefus   10:20:37 | Montag, 20. März 2006
Barschel der Bösewicht, Engholm der Gute?
Ministerpräsident Uwe Barschel hatte Engholm bespitzeln und denunzieren lassen. Björn Engholm räumte als Grund für seine Rücktritte ein, daß von Ministerpräsident Barschels Machenschaften einige Tage eher erfahren hatte, als bis dahin bekannt gewesen war.
Ist es Ihnen nicht bekannt, dass Pfeiffer bewusst in das Team von Barschel geschleust wurde und von der SPD Geld bekam, um die Äffäre ins Rollen zu bringen und Barschel zu stürzen. Barschel wurde später vom Mossad umgebracht, die kein Freund waren von Kohl und Engholm fördern wollten. Sie hatten Angst, dass Barschel, der enorm unter Druck geraten war, auch Informationen Preis gibt, über die vom BND gedeckte Ausbildung von iranischen Flugzeugpiloten in Schleswig-Holstein und Waffenlieferungen für den Iran, die, um verdeckt zu bleiben, über Umwege über nordeutsche Häfen liefen, da Israel heimlich das Land im Iran-Irak-Krieg unterstützte. Man hatte es zuvor sicherheitshalber für erforderlich gehalten, Barschel als Ministerpräsidenten des Landes darüber zu informieren und dass dies mit dem BND abgesprochen sei. Jetzt wollte man ihn überreden, dies nicht preiszugeben und lockte ihn in ein Genfer Hotel, um ihn gegen großzügiges Geld zum Rücktritt zu bewegen. Seine Ehre war ihm wichtiger, deswegen brachte man ihn um. Nachzulesen im Buch „Geheimakte Mossad“ von Viktor Ostrovsky, einem ehemaligen Mossadagenten, der zu seinem eigenen Schutz durch 2 Bücher an die Öffentlichkeit getreten war.
Redaktion benachrichtigen
#1   Bernardin †   21:48:30 | Freitag, 17. März 2006
Dank an B. Engholm
Für die Offenheit im Interview möchte ich Herrn B. Engholm herzlich danken. Ich danke ihm für seine Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, die ich an ihm schon immer bewunderte! Leider liess seine Partei mit G. Schröder zu, dass B. Engholm auf fiese Art verschwinden musste! Er hätte dem Land BRD sehr gut getan! Danke Herr Engholm!
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
PolitikUnter dem Druck der Genossen PolitikKandidat für Homo-Orden wirft Bischof Kinderlosigkeit vor PolitikEr hält die Linkspartei für einen Segen PolitikRespekt für den Katholiken Martin Hohmann PolitikAusgebremste Alternative Politik„Zentralkomitee“- Generalsekretär gescheitert PolitikEin Kardinal bezieht Stellung
RSS Feed  •  News Ticker  •  Werbebanner  •  Visitenkarte  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net